Die Rache der Dagmar Schlotzke

Bild von Gerfried Bedenkirch
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Jeder im Viertel kennt sie. Dagmar Schlotzke schiebt ihren hässlichen alten Rollator über die Straßen und Gassen unserer sehr kleinen Stadt. Und sie schimpft dabei unablässig. Da sie stark gebückt geht, es ist eher ein Watscheln als ein Schreiten, beschimpft sie von schräg unten hinauf die Passanten und, vor allem, die Kinder.

Der quietschende Rollator, die ständigen Schimpfkanonaden, der kleine, alte, so gebrechliche, gebeugte Körper der Alten, der permanent wackelnde Kopf, die vor ihrer inneren Wut zurückweichenden Menschen, Frau Schlotzke bildet eine Art Fremdkörper in unserem Biotop. Was genau sie da ständig brabbelt, ist kaum zu verstehen. Aber mitunter dringen Satzfetzen an das Ohr der Passanten: „Dich wird´s Mäuslein auch noch beißen!“ oder „Bald erwischt dich der Sensenmann, noch vor mir, du Ekel!“ und mitunter auch „Aus dem Weg, Gezücht!“ und „Alles Abschaum!“

Wenn sie besonders schlecht gelaunt ist, dann nimmt sie kurz ihren Mund- und Nasenschutz herunter und hustet demonstrativ, von unten her, die Menschen an. Den Kopf hält sie dabei immer schief, verdreht ihn fast schon grotesk beim Niesen und Husten, will, dass ihre „todbringenden Keime und Aerosole“ die Leute da oben erreichen. Ohne Zweifel will die alte Schlotzke Krankheit, Leid und vor allem auch Angst verbreiten. Mitunter, wenn ihr der Weg versperrt wird durch zum Beispiel Kinder, hebt sie ihren Rollator kurz an und lässt ihn mit Wucht auf den Boden krachen. Das lässt die Kindertraube mit sofortiger Wirkung platzen. Alle rennen auseinander. Obschon die alte Schlotzke lediglich, in gebückter Haltung, nur knapp einen Meter 50 groß ist, wird sie gefürchtet und gemieden, das Viren versprühende, permanent keifende kleine Monster.

Hört man ihren quietschenden Rollator rattern, ganz besonders auf dem Kopfstein- Pflaster im Bereich des Hauptmarktes, dann bildet sich automatisch bereits eine Gasse, ein feindseliges Spalier, durch das die böse alte Vettel gefälligst ihren Weg suchen möge. Nur keine Ansprache, bloß keine Berührung mit der Alten. Mag die Gefahr vorüber rattern, mag die alte Hexe nur ihrer Wege wackeln, aber bitte nicht anhalten und jemanden anhusten.

Immer wieder wird kolportiert, Dagmar Schlotzke habe „Covid-19 im Endstadium“, lange werde es die böse Hexe nicht mehr geben. Daher fürchten sich alle immer sehr vor ihrem maskenlosen Höllenhusten von schräg unten. Als ihr ein Gesetzeshüter, zufällig anwesend, die mahnenden Worte mit auf den Weg gab: „Bitte husten Sie andere Menschen nicht an! Und belassen Sie Ihre Maske vor dem Gesicht, wenn Sie schon husten müssen!“ zog sie demonstrativ die Maske bis unters Kinn und hustete in eine offene Krallenhand hinein, die einzelnen Finger weit abgespreizt, eine reine Provokation. Aber was will die Obrigkeit schon machen? Schlotzke ist sicherlich bereits über die 80, „sowieso schon heftig infiziert“, dieses Gerücht hielt sich recht erstaunlich lange, sollte man die Alte etwa in Beugehaft nehmen?

Die Kinder fürchteten Dagmar Schlotzke, allerdings spielten sie ihr auch Streiche. Beinahe alle wussten, in welchem Hausflur ihr Rollator stand. Also wurden ihr schwere Steine in das Wägelchen gelegt, allerlei Unrat oder, immerhin in Folie gepackt, etwas Hundekot. Eines Tages hatte eines der Kinder mit Neonfarbe das Wort Bitch auf die Seite des Rollators geschrieben. Es ging nicht mehr ab. Dagmar Schlotzke nahm es zum Anlass, noch ungehaltener in der Öffentlichkeit zu agieren.

Das Kind meinte später, es habe eigentlich Witch schreiben wollen. Es sei irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Na, dann eben Bitch statt Witch. Immerhin verbleibt es dort und geht nie wieder ab. Ob Hexe oder Miststück, die Alte hat sich über diese Aktion sehr geärgert. Und damit wurde das Ziel erreicht.

Nach dieser Attacke schimpfte und ratterte die Schlotzke noch lauter und derber, man kann ihre schwerstgestörten Beleidigungen gar nicht wiedergeben. An einem Sonntag im Dezember, es war der 20.12.2020, der 4. Advent, hörte man sie schon, bevor sie um die Ecke gebogen kam. Lauthals schimpfend, böse wetternd, übel gelaunt, quietschend und ratternd. Da tauchte plötzlich die kleine Amelie auf, ein süßes sechsjähriges, entzückendes Mädchen aus der Veckelsbuscher Gasse. Sie stellte sich der Alten direkt in den Weg. Und ja, diese Szene erinnerte deutlich an den einzelnen Mann, der sich beim Volksaufstand am 5. Juni 1989 in Peking während des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen-Platz) vor einen Konvoi von Panzern stellte und ihr Vorrücken blockierte, wobei er in jeder Hand eine Einkaufstüte trug und dann jedes Ausweichmanöver des ersten Panzers mit einem kecken Positionswechsel beantwortete. Er wurde als Tank Man oder Unknown Rebel berühmt. Bis heute ist seine Identität nicht geklärt.

Amelie hatte ein kleines Sträußchen Blumen in der Hand. Dies reichte sie Dagmar Schlotzke. „Das ist für dich, Oma Dagmar. Bitte sei jetzt wieder lieb.“

Erschüttert, bis ins Mark erschüttert, griff die Schlotzke nach den Blumen, es hatte den Anschein, als wolle sie gleich derb losschimpfen, fuhr dann aber der niedlichen Amelie sanft durchs Haar und sagte freundlich: „Dankeschön, kleines Mädchen. Dies ist der schönste Blumenstrauß, den ich jemals bekommen habe...“ Und wirklich, man konnte es sehen, zwei dicke Tränentropfen kullerten über das zerfurchte und so verhasste Ledergesicht der alten Frau. Das Mädchen knickste kurz und verschwand dann in einer Seitenstraße. Die alte Schlotzke wackelte langsam weiter, die Blumen vorne in der Ablage. Und siehe da, das Schimpfen und Grummeln, all das Murren und Granteln, Dagmar Schlotzkes ständiges Genöle und all die Beleidigungen, das hörte abrupt auf. Wann immer sie auf die kleine Amelie traf, gab es Karamellbonbons für die Kleine, und das Mädchen pflückte noch so manchen netten Blumenstrauß für die alte Schlotzke. Die hatte jetzt eine Plastik-Mini-Vase am Korb ihres Rollators befestigt. Dort hinein wurden Amelies Sträußchen gesteckt. Und so begleiteten sie die nunmehr freundliche alte Frau Schlotzke auf all ihren Wegen. Sie entsorgte sie stets erst dann, wenn sie völlig verwelkt waren.

Nie wieder hat Dagmar Schlotzke beim Husten die Maske heruntergezogen, und es wurde auch nicht mehr beobachtet, dass sie absichtlich einen Menschen angehustet hätte. Was ein kleines bisschen Zuwendung doch ausrichten kann auf dieser Welt...

Übrigens, für den interessierten Leser noch dies: Dagmar Schlotzke hatte sich testen lassen. Und siehe da, das Ergebnis war negativ. Das Virus hatte diese zähe alte Dame verschont. Möge es sie auch weiterhin stets verschonen! Und alle Bürger unseres beschaulichen Städtchens wünschen ihr von Herzen, ihr Wunsch möge sich erfüllen: Sie möchte ja dreistellig werden. Ja, sie soll die *100* tatsächlich erreichen!

Das wünschen wir ihr alle! Eines Tages stand im Hausflur der alten Schlotzke ein nagelneuer Rollator. Da ratterte nichts mehr, das Wägelchen sah sehr gut aus und es war sogar die Mini-Vase daran befestigt worden. Das war unser Geschenk für Dagmar, zum Weihnachtsfest 2020. Den alten Bitch-Karren hatten wir entsorgt. Nie mehr fanden sich Steine im Wägelchen, nie mehr Unrat oder Hundekot. Kein Kind schrieb mit Neon-Stift Unflätiges auf den Rollator. Stattdessen fand Dagmar sieben liebevoll ausgesuchte kleine Geschenke in ihrem neuen Rollator. Dem Vernehmen nach soll sie da erneut Tränen der Freude vergossen haben. Wir kümmern uns um Frau Schlotzke. Sie soll niemals hungern, wir alle werden uns abwechselnd um die gute alte Dame kümmern. Vor allem die Kinder rund um die knuffige Amelie wollten helfen. Aus der Hexe war eine liebenswerte und nette alte Oma geworden. Diese Verwandlung hat eine einzige Geste bewirkt. Ein kleines Weihnachtswunder in so schweren Zeiten.

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Kommentare

18. Okt 2020

Schade, dass die Gebrüder Grimm bereits das Zeitliche gesegnet haben, dein (schönes) Märchen hätten sie bestimmt in ihre Sammlung aufgenommen!

18. Okt 2020

Gibt man ihr statt Bonbons Bier,
Dann klappt das gar bei Krause hier ...

LG Axel

18. Okt 2020

Eine anrührende, anschaulich formulierte Geschichte mit tröstlichem Ende, ich kann mir vorstellen, dass sie ganz ähnlich stattgefunden hat ...

LG Marie

18. Okt 2020

Vielen lieben Dank, Axel, Noé und Marie, damit
habt Ihr mir eine große Freude an einem doch
ziemlich tristen Sonntag bereitet.

Diese Geschichte hat sich leider nur in meiner
Fantasie so zugetragen. Aber ich würde mich
gewaltig freuen, wenn sie irgendwann auf dem
Planeten in ähnlicher Form einmal so abliefe.

Einen guten Wochenstart wünsche ich Euch
ab morgen. Dankbare Grüße von

Gerfried

22. Okt 2020

Der Autor dankt herzlich. Lieber Olaf, auch Dein
"eingebildet Kranker" hat mich tief beeindruckt.
Vor allem der Rhythmus und die pfiffige Note im
Reim. Hat mir sehr gut gefallen. Gruß, Gerfried