Die Rache der Dagmar Schlotzke

Bild von Gerfried Bedenkirch
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Jeder im Viertel kennt sie. Dagmar Schlotzke schiebt ihren hässlichen alten Rollator über die Straßen und Gassen unserer sehr kleinen Stadt. Und sie schimpft dabei unablässig. Da sie stark gebückt geht, es ist eher ein Watscheln als ein Gehen oder Schreiten, beschimpft sie von schräg unten hinauf die Passanten, vor allem aber die Kinder.

Alt, arm und verbittert, es sind die mitunter bizarr-grotesken Auswüchse unserer modernen Gesellschaft, die Mitglieder des Prekariats so grantig und verhärmt aussehen und agieren lassen. Dagmar Schlotzke hatte ihren Mann bereits 1979 verloren, ein Krebsleiden hatte ihn dahingerafft. Seither ist Frau Schlotzke Witwe, mit einer Mini-Rente. Sie hat lediglich knapp über 600 Euro zur Verfügung. Grundsicherung wurde ihr zugebilligt, das macht etwa 120 Euro mehr im Monat. "Ein Hundeleben", so wird sie zitiert, "unwürdig und unwert. Da wäre es fast schon besser, tot zu sein..." Dennoch hält die alte, zähe Frau am rauen Meister Leben fest. Will nicht vom Ärmel lassen, an den sie sich schon so lange regelrecht verkrampft klammert. Sicher kam recht oft die Anfrage von ganz oben: "Könntest du bitteschön so langsam mal loslassen, Dagmar?" Und die altbekannte Antwort, böse geraunt und miserabel gelaunt, lautete, wie stets: "Das kommt für mich persönlich absolut nicht in Frage! Ich will dreistellig sein! Die 100 ist ein Muss!" Die bittere Armut, das armselige kleine 18 qm-Zimmerchen, schlecht beheizt im Winter, die Freudlosigkeit des tristen Lebens, all das ergibt eine arg verhärmte, recht verbitterte und stetig nörgelnde uralte Frau, deren Alter man nur schwerlich bestimmen konnte. Das total verrunzelte, vom entbehrungsreichen Leben schwer gegerbte Ledergesicht der Frau lässt keine Rückschlüsse zu. Sie könnte gute 70 sein, mag aber sein, dass sie die 80 längst deutlich überschritten hat. Ihr schlurfender Wackelgang, das Quietschen ihres defekten Rollators, all dies ist schon von weitem gut zu hören. Und wenn wir bemerken 'Die alte Schlotzke ist im Anmarsch, Vorsicht. Du weißt nie, wie sie heute wieder drauf ist...', dann wechseln wir Bürger des kleinen, überschaubaren Städtchens gern die Straßenseite oder biegen in eine der vielen Seitengässchen ab, nur, um der Alten nicht zu begegnen. Wenn man sie erstmalig erblickt, könnte man denken, sie verneint permanent, denn sie schüttelt den Kopf, ob sie nun spricht oder stumm ihres Weges zieht. Es ist mehr ein Rucken und Zucken, aber es wirkt auf den Betrachter wie ein Kopfschütteln. Der essentielle Kopfwackeltremor passt ganz gut ins Allgemeinbild der von den meisten "Hexe" genannten Frau. Worum man immer sie auch bitten mag, sie sagt sowieso "Nein". "Könnten Sie Ihren Rollator vielleicht mal zur Seite schieben?" "Nein!" "Wären Sie bereit, für die Seenotrettung einen Euro zu spenden?" "Nein!" "Seien Sie doch so nett und passen Sie für etwa 5 Minuten auf meinen Hund hier auf, während ich im Laden eben etwas Käse kaufen gehe." "Auf keinen Fall!" Es ist daher kein Wunder, dass die Mundwinkel der alten Schlotzke sehr tief nach unten zeigen. Wie mag es auf ihrem Karma-Konto aussehen? Permanent im Minus?

Der quietschende Rollator, die ständigen Schimpfkanonaden, der kleine, klapperdürre, so gebrechliche, gebeugte Körper der Alten, der permanent wackelnde Kopf, die vor ihrer inneren Wut zurückweichenden Menschen, Frau Schlotzke bildet eine Art Fremdkörper in unserem Biotop. Was genau sie da eigentlich ständig brabbelt, ist kaum zu verstehen. Aber mitunter dringen Satzfetzen an das Ohr der Passanten: „Dich wird´s Mäuslein auch noch beißen!“ oder „Bald erwischt dich der Sensenmann, und zwar noch vor mir, du Ekelpaket! Stirb!“ und mitunter auch „Aus dem Weg, Gezücht!“ oder "Scher dich zum Teufel, Insekt!" und sehr oft „Alles Abschaum!“

Wenn sie besonders schlecht gelaunt ist, dann nimmt sie kurz ihren Mund- und Nasenschutz herunter und hustet demonstrativ, von unten her, die Menschen an. Den Kopf hält sie dabei immer schief, verdreht ihn fast schon grotesk beim Niesen und Husten, will, dass ihre „todbringenden Keime und Aerosole“ die Leute da oben erreichen. Ohne Zweifel will die alte Schlotzke Krankheit, Leid und vor allem auch Angst verbreiten. Mitunter, wenn ihr der Weg versperrt wird - durch zum Beispiel Kinder, hebt sie ihren Rollator kurz an und lässt ihn mit Wucht auf den Boden krachen. Das lässt die Kindertraube mit sofortiger Wirkung platzen. Die rennen so flott auseinander wie die Tauben auf dem Markusplatz in Venedig in alle Lüfte fliegen, wenn ein Tourist heftig in die Hände klatscht. Alle nehmen Reißaus. Obschon die alte Schlotzke lediglich, in gebückter Haltung, nur knapp einen Meter fünfzig groß ist, wird sie gefürchtet und gemieden. Vor allem aber gehasst.

Hört man ihren quietschenden Rollator rattern, ganz besonders auf dem Kopfsteinpflaster im Bereich des Rosenmarktes, dann bildet sich automatisch bereits eine Gasse, ein feindseliges Spalier, durch das die böse alte Vettel gefälligst ihren Weg suchen möge. Nur keine Ansprache, bloß keine Berührung mit der Alten. Mag die Gefahr vorüber rattern, mag die alte Hexe nur ihrer Wege wackeln, aber bitte nicht anhalten und mich anhusten. Kaum einer wusste etwas über die alte Frau zu sagen. Wie alt genau sie eigentlich ist, warum sie so verbittert wirkt, weshalb sie besonders die Kinder so sehr hasste, doch man konnte sich denken, dass die Alte auf kein schönes Leben zurückblickte.

Immer wieder wird kolportiert, Dagmar Schlotzke habe „Corona im Endstadium“, lange werde es die böse Hexe also nicht mehr geben. Daher fürchten sich alle immer sehr vor ihrem maskenlosen Höllenhusten von schräg unten. Als ihr nun ein Gesetzeshüter, zufällig anwesend, die mahnenden Worte mit auf den Weg gab: „Bitte husten Sie andere Menschen nicht an! Und belassen Sie Ihre Maske vor dem Gesicht, wenn Sie schon husten müssen! Oder niesen und husten Sie bitte in die Armbeuge, ja?“ zog sie demonstrativ die Maske bis unters Kinn und hustete in eine offene Krallenhand hinein, die einzelnen Finger weit abgespreizt, eine reine Provokation. Aber was will da die Obrigkeit schon machen? Schlotzke war sicherlich bereits über die 80, „sowieso schon heftig infiziert“, dieses Gerücht hielt sich erstaunlich lange, sollte man die Alte in Beugehaft nehmen? Sie war ein Superspreader, glaubte man den Gerüchten, sie war bereits lange total infiziert.

Die Kinder fürchteten Dagmar Schlotzke, allerdings spielten sie ihr auch Streiche. Beinahe alle wussten, in welchem Hausflur ihr Rollator stand. Also wurden ihr schwere Steine in das Wägelchen gelegt, allerlei Unrat oder, immerhin in Folie verpackt, etwas Hundekot. Eines Tages hatte eines der Kinder mit Neonfarbe das Wort Bitch auf die Seite des Rollators geschrieben. Es ging nicht mehr ab. Dagmar Schlotzke nahm es zum Anlass, noch ungehaltener in der Öffentlichkeit zu agieren. Man hatte ihren einzig nennenswerten Besitz verschandelt. Das nahm sie sehr persönlich.

Das Kind meinte später, es habe eigentlich 'Witch' schreiben wollen. Das sei irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Na, dann eben Bitch statt Witch. Immerhin verbleibt es dort und geht nie wieder ab. Auch eine Genugtuung.

Nach dieser Attacke schimpfte und ratterte die Schlotzke noch lauter und derber, man kann ihre schwerstgestörten Beleidigungen gar nicht wiedergeben. An einem Sonntag im Oktober, es war der 25.10.2020, hörte man sie schon, bevor sie um die Ecke gebogen kam. Lauthals schimpfend, böse wetternd, übel gelaunt, quietschend und ratternd. Da tauchte plötzlich die kleine Amelie auf, ein süßes sechsjähriges, entzückendes Mädchen aus der Veckelsbuscher Gasse. Sie stellte sich der Alten direkt in den Weg. Und ja, diese Szene erinnerte deutlich an den einzelnen Mann, der sich beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der damaligen DDR einem russ. Panzer mutig entgegenstellte, und danach jedes Ausweichmanöver mit einem kecken Positionswechsel beantwortete.

Amelie hatte ein kleines Sträußchen Blumen in der Hand. Dies reichte sie Dagmar Schlotzke. „Das ist für dich, Oma. Bitte sei wieder lieb.“

Erschüttert, bis ins Mark erschüttert, griff die Schlotzke nach den Blumen, es hatte den Anschein, als wolle sie gleich losschimpfen, fuhr dann aber der niedlichen Amelie sanft durchs Haar und sagte freundlich: „Dankeschön, kleines Mädchen. Dies ist der schönste Blumenstrauß, den ich jemals bekommen habe...“ Und wirklich, man konnte es sehen, zwei dicke Tränentropfen kullerten über das zerfurchte und so verhasste Ledergesicht der alten Frau. Das Mädchen knickste kurz und verschwand dann in einer Seitenstraße. Die alte Schlotzke wackelte langsam weiter, die Blumen vorne in der Ablage. Und siehe da, das Schimpfen und Grummeln, all das Murren und Granteln, Dagmar Schlotzkes ständiges Genöle und all ihre Beleidigungen, es hörte abrupt auf. Wann immer sie auf die kleine Amelie traf, gab es Karamellbonbons für die Kleine, und das Mädchen pflückte noch so manchen kleinen Blumenstrauß für die alte Schlotzke. Die hatte jetzt eine Plastik-Mini-Vase am Korb ihres Rollators befestigt. Dort hinein wurden Amelies Sträußchen gesteckt. Und so begleiteten sie die nunmehr freundliche alte Frau Schlotzke auf all ihren Wegen. Sie entsorgte sie stets erst dann, wenn sie völlig verwelkt waren.

Nie wieder hat Dagmar Schlotzke beim Husten die Maske heruntergezogen, und es wurde auch nicht mehr beobachtet, dass sie absichtlich einen Menschen angehustet hätte. Was ein kleines bisschen Zuwendung doch ausrichten kann auf dieser Welt... Übrigens, für den interessierten Leser noch dies: Dagmar Schlotzke hatte sich testen lassen. Und siehe da, das Ergebnis war negativ. Das Virus hatte diese zähe alte Dame verschont. Möge es sie auch weiterhin stets verschonen!

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Kommentare

18. Okt 2020

Schade, dass die Gebrüder Grimm bereits das Zeitliche gesegnet haben, dein (schönes) Märchen hätten sie bestimmt in ihre Sammlung aufgenommen!

18. Okt 2020

Gibt man ihr statt Bonbons Bier,
Dann klappt das gar bei Krause hier ...

LG Axel

18. Okt 2020

Eine anrührende, anschaulich formulierte Geschichte mit tröstlichem Ende, ich kann mir vorstellen, dass sie ganz ähnlich stattgefunden hat ...

LG Marie

18. Okt 2020

Vielen lieben Dank, Axel, Noé und Marie, damit
habt Ihr mir eine große Freude an einem doch
ziemlich tristen Sonntag bereitet.

Diese Geschichte hat sich leider nur in meiner
Fantasie so zugetragen. Aber ich würde mich
gewaltig freuen, wenn sie irgendwann auf dem
Planeten in ähnlicher Form einmal so abliefe.

Einen guten Wochenstart wünsche ich Euch
ab morgen. Dankbare Grüße von

Gerfried