Die Seance mit Lebenden

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von Alf Glocker
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Wir hatten uns versammelt: der Beweis meiner diesseitigen Anwesenheit (mein Körper), meine Bemühungen das Diesseits zu verstehen (mein Geist) und mein Dimensionsübergreifendes Sein überhaupt (meine Seele). Wir alle zusammen hatten uns vorgenommen das alte Jahr – nunmehr bereits verschollen in der Geschichte – 2014 zu beschwören. Als Zeitpunkt hatten wir uns den letzten Tag des Jahres, der heute, am 1. Januar 2015, schon historisch genannt werden muss, ausgesucht.

Ort des Geschehens war so etwas Ähnliches wie eine Stelle im Wald, an der sich 3 Wege kreuzen: ein Stadthalle. Als Zauberlehrling war ein einheimischer Kabarettist geladen, dessen Aufgabe es sein sollte, die Schatten der Vergangenheit anzulocken. Er tanzte bereits den Schamanentanz des Beschwörers auf der Bühne, als die unheimlichen, grauen Gestalten hereinströmten und auf ihre Plätze befohlen wurden.

Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Es roch scheinbar nach Verwesung, aber das lag wohl nur daran, daß wir 3, mein Körper, mein Geist und meine Seele, uns mal wieder einige Schritte voraus, in der Irrealität eines zeitlosen Zustandes, außerhalb des Mainstreams befanden. Von dort aus konnten wir weit besser beobachten, als direkt aus dem Umfeld der schlagenden Herzen, deren funktionierende Anwesenheit uns ohnehin nur als eine Illusion erschien.

Unheimliches Gemurmel ging durch die Reihen der grauen Gestalten, als das Licht ausging und scheinbar nur noch der tanzende Schamane auf der Bühne übrig blieb – erhellt von Scheinwerfern: dem Mond und den Sternen dieser mystischen Nacht. Wir waren allein! Zwar hörten wir noch das Atmen derer, die in hundert Jahren alle verstorben sein würden, aber wir wussten – sie waren da: die Freifrau von Glohgang, General Schnöffelsorp, Ida Oberstein, Professor Willibrot Scheffelmann, Zögrit Wackelsinn und ihr Gatte Elfenbart Hochgesandt, Selma Wölbenstedt und wie sie alle hießen. Samt und sonders die Darsteller einer für uns imaginär längst vergangenen Epoche.

Der Körper bekam eine Gänsehaut als der Schamanen-Kabarettist anfing das Publikum zu beschwören. Er rief es gewissermaßen im Einzelnen auf und das Atmen, wie auch der eingebildete Leichengeruch intensivierten sich. Ein anfängliches Raunen verdichte sich zu einem Lachen. Es war als verhöhnten sich die Gespenster selbst, und ihre Präsenz drang schließlich bis zu uns hinaus, in die Welt der unbeeinflussbaren Wahrheiten – in die neutrale Betrachtung – und hinein in unser, aus allen dreien bestehendes Bewusstsein, das uns verriet, wovon wir ausgegangen waren: von einem nächtlichen Treffen, zum Zwecke einer spiritistischen Sitzung.

Meine Seele fühlte sich klamm, mein Geist zweifelte an sich selbst und meinen Körper drängte es zur Flucht. Wären die andern beiden nicht gewesen, er wäre, völlig unbeherrscht, auf und davon gelaufen! Die Spannung erreichte ihr Höchstmaß, als der Zauberlehrling anfing den Kreidekreis zu ziehen! Die Gemeinde schwieg, das heißt, keine irdische Stimme regte sich mehr im fleischlichen Wald, aber ein, für menschliche Ohren unhörbarer, Gesang hob an. Wir weinten! Der Körper bekam feuchte Augen, der Geist schwang sich in die Tiefen nicht nachvollziehbarer Lebensplagen hinab und die Seele fing an zu vibrieren. Kurz gesagt: wir hatten Mitleid!

Auf einmal sah alles ganz furchtbar zerbrechlich aus. Die Schatten verloren ihre, ohnehin schon kaum spürbare Konsistenz. Würden sie sich gleich gänzlich auflösen? Wussten sie denn, daß sie so gut wie längst verstorben waren – und daß kaum jemand an ihre Stelle tritt, wenn sie erst einmal nicht mehr sind? Eine völlig andere Zeit bereitete sich vor, sie nahezu der völligen Vergessenheit anheim zu geben! Wir sahen, wie sie sich in langen Reihen anstellten, um nacheinander ihr fadenscheiniges Äußeres aufzugeben und einzugehen in die Vergangenheit, jenen zeitlosen Zustand, von dem wir nur wissen, daß er einen Bereich darstellt, der ungreifbar im Nichts herum wabert.

Da wurde uns deutlich klar wo wir uns befinden: in einer Illusion! Noch hätten wir sie fragen können, die Geister, die nur scheinbar nicht loszuwerden sind. Fragen nach den Antriebsfedern, die sie hinausschicken auf ihre Wege. Auf die Suche nach dem was sie im Innersten zusammenhält, ihre Hoffnungen, ihre Gefühle. Aber die Ehrfurcht ergriff uns, die Ehrfurcht vor der undefinierbaren Größe einer Schöpfung, die sich wohl nur in einer solchen Seance begreifen lässt. Und so schwiegen wir schüchtern, denn wir wollten niemanden wecken.

Was wäre geschehen, wenn wir einem von ihnen auf die Schulter getippt hätten, um ihn auszuforschen: „Weißt du denn was du tust? Siehst du den Schlüssel nicht, der sich in deinem Rücken dreht? Wie deutest du was sich um dich herum abspielt? Und – siehst du mich überhaupt, oder spürst du nur, daß da jemand ist, der dich aus einer fremden Welt ruft, um dich zu interviewen?“ Wäre er dann aufgewacht, oder hätte sich die Illusion, daß da jemand ist einfach verflogen und wir wären allesamt aufgewacht aus diesem undeutbaren Traum?

Wir empfanden uns noch einmal als völlig getrennt zusammengehörig, mein Körper, mein Geist und meine Seele, und wir alle zusammen, auch ein bisschen mit den Gespenstern um uns herum, bevor sich der Schamane, auf der Bühne hüpfend bedankte, Teil einer Zusammenkunft gewesen sein zu dürfen, die an Irrealität kaum mehr zu überbieten war. Dann sprach er den Bann: „Ich wünsche euch allen ein gutes Neues Jahr, kommt gut nach Hause!“ Hinzufügen hätte er noch können: „In eurer Epoche, die so wahr ist wie die Vergangenheit, die so nachweisbar ist wie es die Zukunft früher war, oder so echt wie alle Welten außerhalb der Reichweite unserer Radioteleskope.

Von all dem sagte er nichts! Er machte nur eine Handbewegung, die wie ein Gruß aussah, wie ein letzter Gruß, dann schien es, als würden sich die Gespenster wieder zu einer grauen Gesamtmasse verflüssigen, um, wie Rauch aus den Ausgängen zu strömen. Wir, der Zauberlehrling-Schaman-Kabarettist, mein Körper, mein Geist und meine Seele blieben zurück in unserer Wirklichkeit neben dem Mainstream, bevor uns auch etwas in Bewegung versetzte, etwas das sich anfühlte wie ein Sog der Zeit. Dann – auf einmal – war der Spuk vorbei! Wir 3 saßen plötzlich mit geladenen Gästen zuhause am Tisch, lauschten dem Countdown und stießen auf etwas an, das gerade begonnen hatte: auf ein Neues Jahr! Kurz darauf vereinigten wir uns zu jener Illusion, von der wir annehmen sie sei eine tatsächliche Identität – ein Ich! Aber der Nachhall des okkulten Erlebnisses projizierte noch lange Bilder darin (im Ich).

©Alf Glocker

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Kommentare

02. Jan 2015

Beeindruckender Bericht, als Zeitungskommentar wohl eher ein Verriss, aber amüsant insgesamt. (Das mit dem Flüchtenwollen kam gut rüber.)
Drei Dinge:
+Der Geist wird im Nichts umher-schwimmen (ziel-/orientierungslos), nicht herum (immer im Kreise?).
+Hinter Radioteleskope sollte die gedachte wörtliche Rede wohl zuende sein?
+Im letzten Absatz: Der Zauberlehrling-Schaman-Kabarettist saß mit euch dreien (Körper-Seele-Geist) zusammen am Tisch und bildete mit euch ein gemeinsames Ich?

01. Mär 2017

Höchst phantasievoll! Originell!
"Lesenswert" tipp' ich da schnell -
(Sorgen Kabarett-Schamanen -
Für Verscheuchungs-Scham bei Ahnen?)

LG Axel

03. Jan 2015

jawohl im Kreis vermutlich, zumindest bei vielen...
Bitte genau hinschauen: "Wir" gingen alleine weg. Da war der Schamane schon abgehandelt. Er saß also nicht mit am Tisch...

LG Und Dank!
Alf

03. Jan 2015

DIE Stelle kann ich nicht finden. Was ich finde, lautet so: "...Wir, der Zauberlehrling-Schaman-Kabarettist, mein Körper, mein Geist und meine Seele blieben zurück in unserer Wirklichkeit neben dem Mainstream, bevor uns auch etwas in Bewegung versetzte, etwas das sich anfühlte wie ein Sog der Zeit. Dann – auf einmal – war der Spuk vorbei! Wir saßen am Tisch, lauschten dem Countdown und stießen auf etwas an, das gerade begonnen hatte: auf ein Neues Jahr!..." - und das liest sich (für mich), als sei der Allroundkünstler noch dabei.

04. Jan 2015

Frau Hinterdupfing hier tief im Wald sagt tolle Sache deine Kunst, ob Bilder oder Schreiberei da bin ich gerne auch dabei! LG!

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