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Die Wette (Feuermond)

Bild von Anita Zöhrer
Bibliothek

Eine Wette mit meiner Freundin führte mich direkt in ein Kloster, in ein altes, verlassenes am Rande der Stadt. Nie im Leben würde ich es wagen, eine Nacht dort zu verbringen – ihr wollte ich es zeigen. Als ob ich Angst gehabt hätte vor diesen jahrhundertealten Gemäuern. Selbst die Gerüchte, dass der Geist eines verstorbenen Franziskaners dort spukte, schreckten mich nicht ab.

Obwohl es seit einer Ewigkeit nicht mehr bewohnt war, brannten Kerzen in dem Kloster. Stille herrschte in den Fluren, ich war allein und hatte dennoch das Gefühl, dass noch jemand hier war. Die Glocken der Kirche schlugen, die Stimme eines mir fremden Mannes flüsterte meinen Namen. Mir war, als ob ein Schatten an einer Wand vorbeihuschte, nichts weiter dachte ich mir dabei. Vermutlich war es ein Streich meiner Freundin, bestimmt wollte sie sich einen Spaß mit mir erlauben. Der Geist eines toten Franziskaners? Dass ich nicht lachte.

Langsam schritt ich weiter, der Holzboden unter mir knarrte. Ein Windhauch streichelte meine Haut, der Duft einer Rose drang mir in die Nase. Vor einer Tür, an dem ein Namensschild schief herunterhing, blieb ich stehen.
„Br. Franz“, las ich darauf und drückte vorsichtig die Türschnalle nach unten. Neuerlich hörte ich jemanden meinen Namen sagen. Eindringlich, als ob ihm an mir etwas geärgert hätte, ich ignorierte es. Meine Freundin leistete hervorragende Arbeit. Dass sie sich so viel Mühe gab, nur um mir die Nacht gründlich zu verderben, beeindruckte mir. Schade bloß, dass sie sich umsonst so sehr anstrengte.

Ich betrat das Zimmer, konnte meinen Augen kaum trauen. Sogar dieses wurde vom Licht einer Kerze erhellt. Keinerlei Staub war zu sehen, nicht eine einzige Spinne hatte sich hier ein Zuhause eingerichtet. Im Gegensatz zum Rest des Klosters war das Zimmer gepflegt, sogar das Bett war mit frischer Wäsche überzogen. Eine Bibel lag auf dem Nachtkästchen und im Schrank hingen saubere, braune Kutten.

Wie Schuppen fiel es mir auf einmal von den Augen, beinahe wäre ich darauf hereingefallen. Natürlich! Die Unterkunft des Geistes, amüsiert durchsuchte ich die leeren Schubladen. Ob meine Freundin auch die anderen Räume geputzt hatte, schön langsam traute ich es ihr zu.

Ich gähnte. Es war allmählich an der Zeit, mich schlafen zu legen. Doch ehe ich es tun wollte, wollte ich das Gebäude noch ein wenig erkunden und in Erfahrung bringen, was sich meine Freundin sonst so einfallen hatte lassen. Ich wandte mich um und entging nur knapp einem Herzstillstand. Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht damit …

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