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Die zwei Bereiche

Bild von Karl Hausruck
Bibliothek

Die zwei Bereiche

A. Die zwei Bereiche, der Mensch dazwischen und was er damit bewerkstelligen kann

Der Mensch hat zwei Bereiche, erstens den Bereich Speicher, Erfahrung, Wissen und zweitens den Bereich Fantasie, ungebundenes Spiel der Kombinationen, Puzzle, Mosaik, Rauschgenerator, Stochastik.

Der erste Bereich dient der bibliothekarischen Aufbewahrung allen Erworbenen in Bewußtsein und Unterbewußtsein, speichert die bewährten und eingefahrenen Abläufe.

Der zweite Bereich enthält Methoden zur Sinnfindung und Zeitbelegung.

Zwischen diesen beiden Bereichen befindet sich der innere Mensch. Er blickt gebannt auf die milchglasige Mattscheibe von Bereich zwei. Darauf erscheinen lebenslang regellos flächenhafte Strukturen. Millisekundenweise ergeben sich die unterschiedlichsten Bilder, ähnlich wie am Wolkenhimmel. Auf diesen Wolkenhimmel aber kann der Mensch einwirken, kann ihn, wenn auch nur unvollkommen, für seine Sinnfindung und zeitlichen Abfolgen nutzen. Das nennt er Denken.

Der Mensch kann durch Erkennen manche Formationen fixieren und sie, so lange sie noch vor Augen stehen, analysieren. In solchen Momenten wälzt ein Gedanke durch sein Gehirn, ein Einfall, eine Vision. Zusätzlich kann er auf der Mattscheibe die in seinen Speichern hinterlegten Bilder hervorrufen und mit ihren Signalen das sonst übliche Rauschen unterdrücken.

Eine Verstärkerröhre rauscht, solange sie kein Signal trifft - ein bekanntes technisches Phänomen. Wird a ein bestimmtes Rauschbild fixiert und periodisch reproduziert, hört das Rauschen auf, das Bild bleibt stehen. Oder es werden b durch Signale gezielt Bilder erzeugt und das Rauschen verschwindet. So funktioniert auch das Bewußtsein.

Der innere Blick ist täglich vierundzwanzig Stunden, auch im Schlaf, auf die Milchglasscheibe des Bereichs zwei gerichtet. Dort formieren sich ununterbrochen Bilder, seien sie bewußt aus den Speichern des Bereichs eins projiziert oder stochastisch vom Rauschgenerator des Bereichs zwei erzeugt. Formationen aus dem Rauschgenerator, die im Bereich eins gespeicherten Bildern ähneln, werden vom Unterbewußtsein als Signal interpretiert und dringen ins Bewußtsein.

Das Bewußtsein schätzt die Wahrscheinlichkeit ab, mit der ein vom Rauschen auf der Mattscheibe erzeugtes Bild den in den Speichern des Bereichs eins hinterlegten Bildern entspricht. Über diese Wahrscheinlichkeit führt das so genannte Denken zum logischen Schließen. Dazu wird der Ablauf der Formationen mit den entsprechenden Übergangwahrscheinlichkeiten variiert - die Fantasie spielen gelassen.

B. Des Menschen Bezug nach außen

Der innere Mensch blickt ununterbrochen auf die Mattscheibe des Bereichs zwei. Unbekannte Abläufe auf der Mattscheibe kann er a mit den im Bereich eins gespeicherten Erfahrungen vergleichen oder sie b mit stochastischer Fantasie variieren. Oder aber er wird ohne Bewußtseinstätigkeit vom Unterbewußten aufgefordert, sich mit einem auf der Mattscheibe des Bereichs zwei konfigurierten Bild zu beschäftigen, es zu analysieren oder es zumindest als Vision - Idee - festzuhalten.

Letztlich geht es darum, entsprechend der in der äußeren Wirklichkeit herrschenden Wahrscheinlichkeit, das nächste Bild auf der Mattscheibe möglichst genau vorherzusehen, was der Mensch zum Überleben braucht. Das wird auch Intuition genannt und bedeutet, daß es statistisch keine Ereignisunabhängigkeit gibt. Deshalb wird auch auf das Bewußtsein ununterbrochen Zwang ausgeübt, sich mit den Kaleidoskopbildern sekundenschnell zu befassen, sie für die nächste Zukunft zu fixieren, ohne im Moment zu wissen, was sie bedeuten - wie spontane künstlerische Eingebungen.

Meist müssen Bilder, Stimmungen, Konstellationen oder Ideen fixiert werden, für die die Speichermatrix des Bereichs eins noch keine Begriffe hat. Die Fixierung in die Speicher des Bereichs eins muß schnell geschehen, sonst ist ihr Anlaß unwiederbringlich verloren. Außerdem muß die Fixierung so gut sein, daß aus ihr das stochastische Originalbild verzerrungsfrei wiederhergestellt werden kann.

Schnelle Fixierung kann immer nur stenografisch geschehen und dafür hat jeder Mensch seinen eingeborenen Code. Erziehung und schulisches Lernen versuchen, einen möglichst allgemeinen Code zum Informationsaustausch zu vermitteln, aber für das Stenografieren hat jeder im Tiefsten seine private Methode, anderen mißverständlich und sogar unlesbar.

Künstler spüren den aktuellen, gerade erst entstehenden Allgemeincode. Sie wissen, wohin sie ihre Privatfixierungen übersetzen müssen. Wessen Privatcode gerade der allgemeine ist, der ist am Puls der Zeit.

C. Über den Allgemeincode

Gängig ist immer nur der gestrige oder vorgestrige Allgemeincode. Wegen der wachsenden gesellschaftlichen Komplexität entwickelt sich der Allgemeincode als deren Summe immer weiter weg von den einzelnen Privatcodes. Als Abstraktion aller Privatcodes ist der Allgemeincode farbloser aber auch entsprechend dem allgemeinen Erkenntnis- und Erlebnisstand breiter, als jeglicher Privatcode. Natürlich kann ein Einzelner den allgemeinen Erkenntnis- und Erlebnisstand erweitern, aber er kann den Allgemeincode nie zur Gänze ausfüllen, ihn zu seinem Privatcode machen.

Jeder Satz, der eine Realität beschreibt, ist eine Codierung. Jeder Begriff schart eine Normalverteilung assoziierter Begriffe um sich und repräsentiert nur den Scheitelpunkt dieser Verteilung.

C sei im Allgemeincode der Scheitelbegriff einer Normalverteilung NV von assoziativ zusammenhängenden Begriffen. In den Privatcodes P1 bis P4 seien C1 bis C4 die Scheitelbegriffe ihrer Normalverteilungen NV1 bis NV4, die, wenn auch noch so am Rande, den Begriff C aus dem Allgemeincode enthalten - sie sind kollektiv assoziativ über C an den Allgemeincode geknüpft. Die Normalverteilung NV der mit C verknüpften Assoziationen ist die Summe der Normalverteilungen NV1 bis NV4.

Demnach ist ein Speicher des Bereichs eins zweigeteilt. Der eine Teilbereich enthält den Privatcode mit unbegrenzt vielen mehr oder weniger klaren Begriffen. Der andere enthält den Allgemeincode mit der klar begrenzten Anzahl von Begriffen des öffentlichen Universallexikons.

Eine Partnerbeziehung muß aus zwei Privatcodes einen gemeinsamen Code erarbeiten, indem die Normalverteilungen NV1 und NV2 zu einer gemeinsamen Verteilung NV summiert werden und für jede Begriffsassoziation der gemeinsame Scheitelbegriff ermittelt wird. Dem gegenüber findet die Kommunikation fremder Personen über die Scheitelbegriffe des Allgemeincodes, oder im Falle unreifer Beziehungen mittels einer Übersetzungstabelle NV1 zu NV2 statt. Dabei müssen aber nicht nur die Scheitelbegriffe von NV1 und NV2, sondern auch die sie assoziiert umkreisenden Begriffe aufeinander abgebildet werden, ein unmögliches Unterfangen. Außer in reifen Partnerbeziehungen ist eine befriedigende Kommunikation mit Privatcodes nicht möglich.

Privatcodes ändern sich im Laufe des Lebens, durch Erfahrung usw. Der Allgemeincode ändert sich im Laufe der Menschheitsentwicklung. Sinn der Erziehung und des schulischen Lernens ist, einen möglichst menschheitsweiten Allgemeincode zu vermitteln, nur dann gelingt gesellschaftliche Kommunikation.

Der etablierte Allgemeincode hinkt immer der tatsächlichen Menschheitsentwicklung nach. Zum Beispiel hatte der Code der Romantik seine Zeit optimal ausgedrückt. Als er gemein wurde, ins Gemeine herabsank, war der tatsächliche Erkenntnis- und Erlebnisstand bereits weitergeschritten.

Insbesondere in Zeiten rasanten Fortschritts ist der tatsächliche Allgemeincode nie der Code der Massen, nur die Avantgarde versteht ihn auf Anhieb. Morgen wird er mit großer Wahrscheinlichkeit gemein sein. Die Menschheit sollte soweit befreit sein, daß dieses Morgen nicht erst in dreißig Jahren eintritt.

Die Massen haben immer nur den Code von Gestern, sie bilden ein kommunikatives Trägheitsmoment.

Ein Geistesmensch kompromittiert sich nicht im Code der Massen. Er übersetzt sein Bild in den Code der Avantgarde, der Künstler, Dichter und Denker. Dagegen verschleiern Spekulanten und Geschäftemacher ihre Absichten in den Wahrheiten von Gestern, um an der Wirklichkeit vorbei die Masse auf ihre Seite zu bringen. So wird Demokratie zum Volksbetrug. Mit dem gestrigen Allgemeincode können die heutigen Probleme nur scheinbar einfach gelöst werden.

Interne Verweise

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