Dreizehn Schläge

Bild von Dieter J Baumgart
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     Dies ist eigentlich keine Geschichte. Es ist die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Gegenständen, die normalerweise gar nicht reden können. Daß sie eines Nachts doch plötzlich anfingen zu sprechen, lag daran, daß eine sehr alte Standuhr in dieser Nacht dreizehn Mal schlug.
     Ich muß dazu sagen, daß es bei mir zu Hause viele ganz alte Sachen gibt: Uhren, Schränke, Truhen, Wagenräder und auch ein Pulverhorn mit Schießpulver. Auf dem Tisch stand eine Petroleumlampe, die warm und gelb leuchtete. Sie war es auch, die mit dieser seltsamen Unterhaltung begann.

     „Es würde mich doch mal interessieren“, sprach die Petroleumlampe und leuchtete dabei das alte Wagenrad an, „wozu du da eigentlich an der Wand hängst. Du tust nichts, du hängst da nur und bist offensichtlich zu nichts zu gebrauchen. – Genauso, wie dieses Pulverhorn da!“ Die Lampe richtete ihren Schein auf das Horn. „Ich habe noch nie bemerkt, daß du einen Ton von dir gegeben hast oder sonst einer Tätigkeit nachgegangen bist.“

     „Moment mal! Das geht aber zu weit!“ riefen da das Rad und das Pulverhorn gleichzeitig. „Da muß wohl einiges klargestellt werden!“

     „Ja“, tönte daraufhin die alte Standuhr, „aber bitte nicht durcheinander. Ich habe diese Diskussion durch meine dreizehn Schläge ausgelöst. Und ich will auch dafür sorgen, daß jeder von euch seine Meinung kundtun kann, aber bitte nacheinander!“
    
     Und so einigte man sich, daß erst das Rad und dann das Pulverhorn reden sollte.

     „Ich hänge hier“, begann also das Rad, „weil ich mich nach vielen Jahren harter Arbeit endlich einmal ausruhen möchte. Ich glaube, ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß ich die größte Erfindung der Menschen bin. Ohne mich müßten die Menschen zu Fuß gehen. Es gäbe keine Fahrzeuge, keine Motoren, keine Uhren. An jedem Gerät bin ich beteiligt, und von meiner Art gibt es wohl mehr als Menschen auf der Welt. Wenn es mich nicht gäbe, würden die Menschen noch heute wie die Affen auf den Bäumen leben.“

     „Das Rad hat recht“, meinte da die Uhr, „ich selbst habe wohl an die fünfzig von seiner Sorte in mir. Und ich wüßte nicht, was ich ohne sie tun sollte.“

     „Schön und gut“, ließ sich da das Pulverhorn hören. „Das Schießpulver, ich trage es in mir, ist dann wohl doch die größere Erfindung der Menschen. Mit seiner Hilfe können sie über ihresgleichen herrschen. Und das tun sie doch sehr gern, scheint mir. Und wenn ich jetzt hier an der Wand hänge, dann bin ich noch lange nicht nutzlos. Mit meinem Inhalt können Gewehre geladen und Bomben gefüllt werden. Die Menschen können sich mühelos damit umbringen, sie brauchen nur den Finger krumm zu machen!“

     „Und darauf bist du wohl noch stolz!“ warf da die Petroleumlampe ein. „Mein Herz ist aus Feuer. Mich haben die Menschen nicht erfunden. Ich bin da, seit Welten existieren. Die Hand des Menschen hat mich bloß gezähmt. Ich leuchte in der Finsternis, und ich spende Wärme in der Kälte. Und wenn mich die Menschen mißbrauchen, so ist mein Bruder, das Wasser, zur Stelle, um größeren Schaden zu verhindern. Aber wer macht deine Toten wieder lebendig?“

     „Genug!“ rief da die Uhr. „Ich will und kann hier nicht der Richter sein. Seit fast zweihundert Jahren zähle ich die Sekunden und reihe sie zu Stunden, Tagen und Jahren. Ich kann mich nicht erinnern, daß auch nur ein Tag verging, ohne daß Bomben und Granaten explodierten. Sicher habt ihr alle drei recht: Keiner von euch ist nutzlos. Aber wessen Nutzen sinnlos ist, dazu bedarf es wohl keiner näheren Erläuterung.“

     Mit diesen Worten läutete die Standuhr das Ende der ersten Stunde des neuen Tages ein. Ich wußte nicht, ob ich wach war oder geträumt hatte. Der Reihe nach betrachtete ich die Gesprächspartner: Die Uhr, leise tickte sie die Sekunden, die Petroleumlampe warf ihr mildes Licht auf das Wagenrad und das Pulverhorn – aber nein – da war kein Pulverhorn mehr. Seit dieser Nacht habe ich es nicht mehr gesehen. Um ehrlich zu sein: Ich habe auch nicht sonderlich danach gesucht.

"Genug!" rief da die Uhr. "Ich will und kann hier nicht der Richter sein...", Foto von Dieter J Baumgart
Veröffentlicht / Quelle: 
Geschichten im Bergwerk (Buch)
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