Eine Weihnachtsgeschichte

von Hans-Jürgen Finke
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Peter war im Sommer 21 geworden. Er wohnte noch bei den Eltern deswegen konnte er sich ein Studium überhaupt leisten. Die Stadt war teuer. Immer wieder suchte er sich dazu kleine Jobs, damit es umging.
In vier Tagen war Weihnachten. Peter stapfte durch den Matsch der Fußgängerzone, um ein paar kleine Geschenke für seine Freunde zu finden. Für seine Freundin brauchte er keines mehr, sie hatte ihn zugunsten eines anderen vor einem Vierteljahr verlassen.
Der nasse Schnee fiel in schweren Flocken. Peter kam im Strom der Passanten nur langsam voran. Vor ihm mühte sich ein Rollstuhlfahrer, die Straße zu überqueren aber die Räder des Gefährts rutschten im Schneematsch des Rinnsteins immer wieder zurück.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, rief er gegen die geballten Weihnachtsklänge an, die aus den Kaufhauslautsprechern quollen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rangierte er das Gefährt über die Straße. Einige Passanten nickten verstohlen.
Erst jetzt wandte sich der Mann im Rollstuhl, er mochte Ende 60 sein, schwerfällig nach Peter um. Er schien zunächst nicht begeistert von der Hilfe.
„Weihnachtsmitleid“, brummte er. Als sie den Fußweg erreicht hatten, nickte der Mann ein stummes Danke; er gehörte der Generation an, die sich schämte zu bitten.
Peter war schon im Begriff, sich mit einem schnellen „keine Ursache, gern geschehen“ abzuwenden, als sein Blick auf die durchweichten, braunen Strickhandschuhe des Mannes fiel. Seine Hände müssen ja halb erfroren sein, dachte er.
„Ich könnte Sie noch weiterschieben“, hörte er sich spontan sagen, „so viel Zeit hab ich schon.“
Das verschlossene Gesicht des Alten hellte sich etwas auf. Seine wasserblauen Augen blickten prüfend. Auf seiner Kappe lag Schnee, der in den Mantelkragen tropfte.
„Da drüben, wenn Sie mich noch bis dorthin schieben könnten, dann kann ich alleine weiter, da kommen keine Randsteine mehr bis nach Hause.“
„Klaro“, sagte Peter. Nach zehn Minuten hatten sie die letzte belebte Straße überquert. Das Schieben war gar nicht so leicht in dem braunen Matsch, der an den Rädern kleben blieb. Der Mann rieb seine Hände, um sie zu wärmen.
„Lassen Sie es jetzt gut sein, Sie haben bestimmt noch mehr zu tun, als alte Leute herumzuschieben“, sagte er in Richtung seines Helfers, „von hier aus komme ich ganz gut alleine weiter.“
„Wie weit müssen Sie denn noch?“ fragte Peter, und blickte auf die durchweichten Handschuhe des Mannes. „Ich würde Sie gerne noch bis zu Ihrer Wohnung bringen, wenn Sie erlauben.“
Der krumme Rücken vor ihm richtete sich etwas auf.
„Das kann ich wirklich nicht verlangen, es ist noch ein ganzes Stück. Lassen Sie nur, Sie haben mir schon sehr viel geholfen“, erwiderte der Alte.
„Ich möchte Sie aber gerne nach Hause fahren, Sie müssen ja eiskalte Hände haben. Sagen Sie mir einfach nur wohin.“
Der Abglanz der hellen Schaufenster ließ ein flüchtiges Lächeln auf dem Gesicht des Mannes erkennen. Er nickte. Er habe trotz des schlechten Wetters in die Stadt müssen, wegen eines Geschenks, welches er bestellt hatte, meinte er entschuldigend.
Peter sah nun auch das schneebedeckte Päckchen auf dem Schoß des Alten.
Nach einer Viertelstunde hatten sie die Vorstadt erreicht und hielten vor einem niedrigen Haus.
„Wenn Sie noch läuten wollen, ganz links unten bei Weber.“
Er läutete, aber nichts rührte sich. Nach abermaligem Läuten wurde der Alte unsicher. Er fischte aus seinen Taschen einen Schlüssel.
„Ist mir jetzt aber peinlich…“
„Ich bitte Sie, das ist ja nun wirklich kein Problem. Er schob den Rollstuhl in den Gang, wo zwei Krücken lehnten und half dem Alten hochzukommen.
„Vielen Dank. Jetzt haben wir´s geschafft aber nun müssen Sie auch mit reinkommen, auf einen Kaffee“, bat er.
Die kleine saubere Stube, in die sie eintraten, enthielt nur wenige, bejahrte Möbel.
„Es dauert nicht lange, der Kaffee ist gleich fertig, den brauchen wir jetzt einfach bei der feuchten Kälte.“
Peter blickte sich unauffällig um, während der Alte trotz der Krücken geschickt am Herd hantierte. Ein Regal mit Büchern unterschiedlicher Größen, denen man ihren häufigen Gebrauch ansah, fiel ihm auf.
Auf dem Tisch standen bereits zwei Kaffeegedecke. Der starke Kaffee weckte wirklich alle Lebensgeister. Der Alte bot ihm schmackhafte Plätzchen aus einer bemalten Blechdose an.
„Jetzt esse ich auch noch Frau Webers Plätzchen weg“, sagte Peter.
„I wo, nehmen Sie nur. Leider hab ich nichts anderes, wusste ja nicht…“
Nach einer Weile erhob sich Peter.
„Vielen Dank für den Kaffee und die guten Plätzchen; ich denke, ich muß jetzt…, oder kann ich noch was für Sie tun?“ fragte er.
Der Alte nahm seine Hand.
„Es wäre mir eine große Freude, wenn Sie mich noch einmal besuchen würden, natürlich nur, wenn Sie wollen. Vielleicht an einem der nächsten Tage. Ich möchte mich doch richtig bei Ihnen bedanken. Ist ja auch Weihnachten!“
Peters Blicke wanderten noch einmal über die kleine ordentliche Wohnung, an dem alles am richtigen Platz zu sein schien. Und er gewahrte die Aufrichtigkeit in der Stimme des alten Mannes.
„Gell, Sie kommen schon? Ach, wie heißen Sie denn überhaupt, ich weiß ja noch nicht mal, wie Sie heißen?“
„Peter Sauter heiß ich“, sagte Peter.
„Und ich bin Friedrich Bergmann, die Leute nennen mich aber nur den Alten Fritz aber der hat heute Telefon.“ Er reichte ihm einen kleinen gelben Zettel. Beide lachten. „Versprochen, Herr Bergmann, ich komme vorbei“, antwortete Peter.
Peter vergrub die Hände in den Taschen und zwängte sich in den überfüllten Bus. Er fühlte sich leicht und ertappte sich dabei, wie er fremde Leute anlächelte. –

Am frühen Nachmittag des zweiten Weihnachtstages wählte er die Nummer. Eine weibliche Stimme sagte „Hallo, die Franzi. Wer spricht?“
„Sauter hier. Sind Sie die Frau Weber? Ich wollte Herrn Bergmann sprechen.“
Am anderen Ende knackte es, dann die bekannte Stimme:
„Das ist schön, Peter, ich freu mich, daß Sie meine Einladung nicht vergessen haben. Ich freu mich auf Sie.“

Eine halbe Stunde später läutete Peter.
Das junge Mädchen, das ihm öffnete, lächelte freundlich und ging vor ihm her in die weihnachtlich geschmückte Stube. Ein warmer, angenehmer Duft von Zimt und Kerzen weckte in ihm Erinnerungen an seine Kindheit.
Der Alte Fritz saß in seinem bejahrten Sessel und streckte ihm die Hand entgegen. Unter dem geschmückten Bäumchen lagen zwei medizinische Fachbücher, deren Schutzumschlag Wasserflecken zeigte.
„Darf ich vorstellen“, rief der Alte Fritz, „meine Enkelin Franzi – Peter Sauter, der junge Mann, der mich aus dem Schneechaos errettet hat.“
„Sie sind…also nicht die Frau Weber?“ Die Überraschung in Peters Gesicht hatte selbiges mit einer leichten Röte überzogen.
„Da bin ich ganz sicher“, lächelte Franzi und ließ Peter einen Blick in große, graugrüne Augen tun.
Der Alte Fritz lachte in sich hinein und machte sich am Weihnachtsstollen zu schaffen. Die Scheiben schnitt er viel zu dick.

© Hans Finke

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