Grautöne

von Martha lds
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Du bist mutig. Du setzt dich direkt eine Bank hinter sie. Heute strahlt sie eine ganz besondere Leichtigkeit aus. In ihrem bläulich pastellfarbenen Kleid gleicht sie einer Feder, die jeden Moment gen Kanzel schwebt, um der Schwüle der Kirchenluft zu entkommen. Sie trägt ihre hellbraunen Haare mit einer grün melierten Spange am Hinterkopf hochgesteckt, so, dass ihr Nacken frei liegt. Du fixierst ihn, und bemerkst mehr und mehr kleine Leberflecke, die sich wie Ameisen gleichmäßig auf ihrem lang geschwungenen Hals verteilen. Sie ist im anregenden aber leisen Dialog mit Bekannten, die sie links wie rechts umgarnen. Ihr Kopf wippt sprunghaft wie ein gespielter Tennisball hin und her. Selbst die einsetzende Orgelmusik verleiht dem scheinbar amüsanten Treiben kein Ende. Stille zwischen ihnen tritt erst ein, als der Pfarrer die Kanzel betritt.

Ja, vielleicht erreichte sie dich damals so schnell, weil sie die Leichtigkeit in sich trägt. Als sie dich lächelnd, in einem fast naiv unschuldig wirkenden Unterton fragte, ob neben dir der Platz noch frei sei, war es bereits um dich geschehen, ohne dass du es bemerktest. Während der Predigt versuchtest du immer wieder einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen. Dieses Gesicht, das einen strahlenden Mund und azurblaue Augen schmückt, symbolisiert Urvertrauen an das Leben. Schon lange nicht mehr hieltest du dem Blick einer anderen Frau so stand, wie in diesem Moment. Du wolltest fast schon, nachdem du bejahtest wieder wegschauen, aber im selben Atemhauch durchströmte eine ungeahnt angenehme Wärme deinen gesamten Körper, und du spürtest das, was du gut kanntest, aber schon lange nicht mehr fühltest. Unbeschwertheit.

Heute ist mir klar, dass die dunkle Seite, die einen großen Teil meiner selbst ausmacht, in den letzten Monaten allgegenwärtig war. Die, die du zu Beginn unserer Liebe zärtlich „mein schwarzes Wesen“ nanntest, begann dich langsam aber stetig mit einzufärben. Waren es zuerst nur leichte Grautöne, die sich über deine bislang weiße Seele zogen, so verdunkelte sie sich bei jedem unserer Treffen mehr. Langsam entglitt dir die Kraft des ständigen Gegensteuerns.

Aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass nur die Menschen mich erreichen, deren Tiefe Authentizität birgt. Solche, die sich schöner Worte bedienen, ohne sie zu fühlen, ohne überhaupt zu verstehen, was sie sagen oder schreiben, durchschaue ich inzwischen. Am liebsten sind mir die, die ihren Lebensspuren Worte geben, ohne dabei ihre Empathie zu verlieren. Die, die das Kreisen um sich selbst im gesunden Rahmen halten, ohne dabei die Tiefe ihrer Seele zu leugnen, sich einfühlen können, ohne die Grenzen zu verletzen, das sind mir die Liebsten. Ich benötige keine aalglatten Gegenüber, die durch Struktur, Disziplin und Fleiß ihr Leben nach innen und nach außen meistern, ohne jemals an Abgründen geschwebt zu sein, ohne zu wissen wie sich Leidenschaft anfühlt, ohne dem Schwarz begegnet zu sein. Menschen, deren Leben von Grautönen geprägt sind, moralisch korrekt an der Oberfläche plätschern und zu feige für jegliche Tiefen sind, meide ich somit gekonnt.

Vor mir schwebtest du nicht über Abgründen, sondern durch dein scheinbar ruhiges Leben. Oft genug warnte ich dich, doch du bliebst hartnäckig und standhaft, präsent und mutig. Also begann ich kurzzeitig an uns zu glauben. Zu glauben, wir könnten uns im Wesen ergänzen, uns gegenseitig Ebenen schaffen, die gut tuen und unsere Seelen erweitern. Doch du kamst nah und näher, kein Atem passte mehr zwischen uns. Du saugtest mich auf, so als ob du lange gesucht, und es jetzt gefunden hast, das fehlende Teil deiner selbst. Du wolltest Verschmelzung, Eins sein, obwohl wir doch so sehr Zwei waren.

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