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Heimkehr eines Kapitäns

Bild von Anita Zöhrer
Bibliothek

Früh am Morgen begebe ich mich hinaus auf hohe See. Zu meinem Mädchen will ich und sonst nirgendwo hin. Bei ihr ist mein Herz, bei ihr meine Heimat.

Ich hisse die Segel, winke meiner Mannschaft zum Abschied. Mir zu Ehren ziehen sie ihre Hüte. Ihnen zu Ehren verneige ich mich. Nicht immer ist die gemeinsame Zeit leicht gewesen. So manch ein Streit hat gedroht, uns auseinanderzureißen. Falsche Entscheidungen haben uns nicht selten in Gefahr gebracht. Trotzdem sind wir die besten Freunde gewesen und haben zusammengehalten, wenn es hart auf hart gekommen ist. Doch nun ist es vorbei. Ein neuer Kapitän wird von jetzt an ihnen sein Geleit geben.

Einen Tag dauert meine Fahrt. Ich liege am Deck und träume von Zuhause. Ich freue mich, all meine Freunde und Verwandten wiederzusehen, ganz besonders jedoch auf mein Mädchen. Schon lange hat sie mir keinen Brief mehr geschrieben. Vermutlich ist sie auf ihrem Bauernhof zu beschäftigt gewesen.

Dämmerung bricht herein. Ich beobachte die Sonne, wie sie hinter dem Horizont versinkt. Getaucht in verschiedenen Gelb- und Rottönen weicht sie dem hell strahlenden Mond und den unzähligen funkelnden Sternen. Nur noch kurze Zeit und schon bin ich da – am Hofe der Frau, die ich liebe.

Laut rufe ich ihren Namen. Nicht lange lässt sie auf sich warten. Eine prächtige Schönheit ist sie mit ihren langen Haaren und ihrem bezaubernden Lächeln. Doch sie ist nicht mehr mein Mädchen. Wie vom Blitz getroffen bleibt mein Herz stehen, als sich ein Mann zu ihr gesellt und sie an der Hand nimmt. In keinem Wort hat sie mir verraten, dass sie sich in einen anderen verliebt und diesen in meiner Abwesenheit geheiratet hat. Hat sie denn nicht gewusst, wie sehr sie mich damit verletzt?

Ich laufe davon, will nur noch zurück zu meiner Mannschaft. Hier habe ich ohnehin keine Heimat mehr. Keinen Grund sehe ich, länger zu bleiben.