Masken & Mode

Bild von Lena Kelm
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Meine Uhr zeigt fünf Minuten nach Zehn. Zum Glück ist die Straße noch nicht voll. Die Bewohner des Viertels schlafen wohl noch. Ich passiere die zentrale Straße meines Bezirks, die vielen Bazare mit Gemüsekisten und Schischas erinnern mich an ein arabisches Viertel. Die Aufschriften kann ich leider nicht lesen. Bestimmt sind die zwei älteren Damen aus dem gleichen Grund unterwegs, die mein Blick vor dem kleinen chinesischen Bekleidungsgeschäft erfasst. Sie stehen nicht vor den vier Stangen, dicht behangen mit Leggings, Röcken, Hemden und Hosen. Sie richten ihre Blicke über die Pullis auf die Accessoires am oberen Haken des Drehständers. Ich halte sie zuerst für BHs, beim näheren Betrachten bin ich mir des Irrtums bewusst: es sind Masken! Sie hängen an einem Ohrhenkel. Eine Menge bunter Teilchen, schön bunt und fantasievoll gemustert - Pünktchen, Kreise, geometrische Zeichen, Tierchen und Blümchen in diversen Farben. Das Feuerwerk aus Farben schmerzt meine Augen.

Die adrett gekleideten Seniorinnen, um die achtzig, eine mit Rollator, die andere mit einem Stock, haben beide Mund und Nase bedeckt. Wohlbemerkt im Freien! Interessiert begutachten sie die Auswahl des neuen Modetrends. Die Dame mit dem Rollator trägt eine schwarze Maske mit weißen Kätzchen auf den Wangen. Die andere eine rote, passend zur Herbstjacke. Sie meint, sie bräuchte eine andere, die zur Winterjacke passen würde.
„Welche Farbe soll es denn sein?“ fragt die Dame mit dem Rollator.
„Na, kennst du denn meine blaue Jacke nicht? Marineblau selbstverständlich!“
Die Freundin, ich nehme an seit Jahrzehnten, schlägt vor:
„Nimm doch die hübsche mit den Möwen oder die mit den kleinen Ankern, die ist auch schön.“
„Aber Elfriede, so etwas trage ich doch nicht! Ich möchte, dass die Leute wenigstens meine Augen sehen und nicht auf die Möwen starren wie auf deine Katzen. Die Maske muss marineblau sein, ohne Muster.“
Es klingt nach Streit. Aber die Freundinnen lachen.
Für mich wird es Zeit, die noch relativ leere Straße zu verlassen. Die modebewussten Damen finden schon die passende Maske. Der chinesische Markt bietet ein breites Maskensortiment an. In China soll die Maske schon lange als Teil der Garderobe zählen.

Herr Präsident des mächtigsten Staates der Erde. Man nennt sie in Medien auch Maskenmuffel. Ich begreife nun Ihre Aversion gegen Masken. China droht weiterhin die Nase im wirtschaftlichen Boom vorne zu halten. Die Chinesen halten die Nase längst hinter der Maske.

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Kommentare

06. Dez 2020

Die werden nicht schaden,
man kann die Nase drin tragen...

Lieben Gruß,
Lena

05. Dez 2020

China hat die Nase vorn,
immer bedeckt – auch ohne Norm,
das Reich der Mitte weitet sich aus,
überrollt nicht nur ein weißes Haus …

Liebe Grüße
Soléa

06. Dez 2020

Danke für den flotten Vierzeiler, Solea!

Lieben Gruß,
Lena