Mein Leben lebte ich

Bild von Anita Zöhrer
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Schon als Kind kam ich zu dir, wenn ich zuhause Probleme hatte. Trost schenktest du mir in meinen Stunden der Not.

Einen zweiten Vater hatte ich in dir gefunden und nicht minder liebte ich dich als den meinigen. Dennoch vergaß ich dich. Dein offenes Ohr und deine Herzlichkeit wusste ich mit zunehmendem Alter nicht mehr zu schätzen.

Mein Leben lebte ich. Beziehungen wechselte ich ebenso oft wie meine Arbeitsplätze, nicht einmal Drogen und Alkohol ließ ich aus. Freunde hatte ich, solange ich Geld besaß. Meine treueste Begleiterin war stets nur die Einsamkeit.

Vieles machte ich falsch. Dass ich irgendwann mit den Nerven am Ende sein und auf der Straße landen würde, war nur eine Frage der Zeit.

Alles verlor ich: Freunde, meine Arbeit, meine Wohnung. Doch nichts bereute ich mehr, als dich fallen gelassen zu haben. Mehr als je zuvor brauchte ich dich jetzt.

Regen prasselte auf den Asphalt herab, ein kalter Wind wehte. Ich kauerte auf deinem Platz – du warst nicht mehr da. Was aus dir geworden war, darum hatte ich mich nie gekümmert. Die Möglichkeit, dir zu helfen, hätte ich besessen, sie wahrgenommen jedoch nicht.

Die Welt um mich herum verschwamm in meinen Tränen. Was hätte ich nicht alles dafür gegeben, nur um nochmals deine Geborgenheit zu spüren?

Eine Hand berührte meine Schulter. Eine Stimme sprach meinen Namen. Ich erstarrte. Die Hoffnung, dass wir uns tatsächlich jemals wiedersehen würden, hatte ich begraben wie meine Träume. Umso größer war meine Freude, als du plötzlich vor mir knietest und mich in deine Arme schlosst.

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