Meine Privilegien

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Ich bin ein Hund, den man für eine Reise oder für den Urlaub mieten kann. Wenn ich nicht unterwegs bin, verbringe ich die Zeit in einem mittelgrossen Hundeheim. Ich werde meistens von allein stehenden, gut betuchten Frauen um die 50 herum gebucht. Neulich war ich auf Mallorca und in Miami, schon bald werde ich nach Sylt fahren. Die Frauen schätzen meine zurückhaltende Art und meine warmen Augen. Ich bin ein begehrter Begleiter, mit dem man auch nonverbal kommunizieren kann. Ab und zu beginne ich zu bellen, wenn es die Situation zum Schutz und zur Sicherheit meiner Kundinnen erfordert. Ich habe auch eine feine Nase, und das wissen die Frauen von mir. Ich rieche Müll und Unrat schon aus grosser Entfernung und schlage dann eine andere Route zum Einkaufen ein. Die Frauen, denen ich mich unterordne, schätzen meine Fähigkeiten und danken es mir mit allerlei Futter, das sie in ihren Taschen mit sich herumtragen. Mit einer Frau war ich dieses Jahr 4 Wochen lang auf den Kanarischen Inseln. Zum Abschied der Reise hängte sie mir ein Halsband mit einem Herz aus Silber um den Hals. Dabei sah ich, wie ihre Augen feucht wurden, als ich mich am Flughafen Frankfurt von ihr verabschiedete.

Solche Erlebnisse gehen auch an mir nicht spurlos vorbei. So überfällt mich an trüben Novembertagen die Melancholie. Doch wenn ich all die Herzen, die Hundebürsten und die Fressnäpfe in der Heimvitrine anschaue, die nur für mich hergestellt wurden, geht es mir wieder besser, und ich freue mich dann auf die nächste Reise. Andere Hunde in unserem Heim bekommen nach ihren Reisen nie Geschenke, zudem wechseln deren Kundinnen ständig. Meine Kundinnen sind seit Jahren dieselben, und auf das kann ich doch ein wenig stolz sein.

© René Oberholzer

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