Reisemosaik - Vier Städte eines Sommers

von Oliver Schrot
Mitglied

Im August des Jahres 2015 begaben sich drei Wiener Studenten und Freunde auf eine kleine Reise durch Europa. Erlebnisse und Eindrücke wurden gesammelt, mit Menschen gesprochen und Landschaften durchschritten. Stein um Stein entstand somit ein Mosaik. Die vorliegenden Aufzeichnungen in Tagebuchform erzählen davon.

03.08.2015
Vor uns liegen die wilden Alpengipfel der Schweiz, die sanften französischen Ufer des Rheins und die mondhellen Nächte Heidelbergs.
Welche Erlebnisse warten auf uns? Durch wie viele menschliche Untiefen müssen wir hindurch, ehe wir uns an den süßen Früchten der Reiselust laben dürfen? Fragen über Fragen. Sodass wir nicht müde werden die Antworten zu finden.
Eine 26-jährige Mutter dreier Kinder hat jeden Tag 28 Dosen Red Bull getrunken und dadurch so stark zugenommen, dass sie mit einer Hirnschwellung zusammengebrochen ist. Bienen summen an der Ziegelfassade des Bauernhauses meiner Großmutter entlang. Zwischen Efeublättern findet eine ungeheure Lebendigkeit statt. Die Schmetterlinge tun es ihnen gleich, bevorzugen aber die wilde Wiese neben der alten Fichte. Letztens stand ich unter ihr. Sie spendet angenehmen Schatten, während der Rest des Gartens unter der Kraft der Sonne ächzte.
Über das kleine deutsche Eck sind wir unterwegs in Richtung Innsbruck. Am Chiemsee vorbei. Er droht die Autobahn zu berühren. Wie viele Frauen leben eigentlich wirklich auf der Fraueninsel? Handelt es sich um Wilde, den tapferen sowie furchtlosen Amazonen gleich? Hat ein Zugehöriger des männlichen Geschlechts jemals gewagt einen Fuß auf dieses Eiland zu setzen?
Die Vergangenheit fasst zu viele Erinnerungen. Manche davon schmerzen. Doch die meisten sind wie Sandstein am Meer und zerrieseln unter Wind und Wasser. Dann sind sie für die Ewigkeit verloren.
Vor unseren Augen öffnet sich ein Alpental nach dem anderen. Schroffe Felsen erscheinen am Horizont. Sie sind zum Greifen nahe und doch so fern.
Ich am Steuer. Peter liest auf der Rückbank ein psychologisches Paper. Tief in Gedanken sitzt er da, unser stiller Begleiter. Stefan studiert die Landkarte und sorgt mit jazziger Musik für die richtige Stimmung. Wir passieren Kundl. Laut Stefan gibt es hier den weltweit größten Produzenten von Penicillin. Ein heilender Ort also.
Seneca sagt, du kannst deine Himmelsrichtung wechseln, doch deine Probleme gehen mit dir. Oder so irgendwie. Wir fühlen uns stark im Geiste Senecas.
Früher war hier nichts als Gletscher und Witterung. Schön ausgeformte Trogtäler schenken uns Raum für eine Reise durch die Alpenwelt. Was für eine begnadete Landschaft. Stefans Auto hat seine CD verschluckt. Alle Befreiungsversuche misslingen. Schließlich geben wir auf. Sein BMW betreibt generell eine sehr merkwürdige Form der Kommunikation. Alle eineinhalb Stunden ertönt ein neues Warnsignal und weist uns auf einen undefinierbaren Zusammenhang mit den Airbags hin. Auch das linke hintere Radlager rattert ununterbrochen. Trotz all dieser Umstände nimmt unser Sicherheitsgefühl davon keinen Schaden.
Das Radio ist verstummt. Countrymusik tönt aus Stefans IPad. Irritiert durch das Dröhnen des Radlagers meinen wir zu glauben die Musik stamme aus dem Radio selbst. Wenigstens können wir uns diese letzte Illusion bewahren.
Gewaltige Bergrücken mit weichen Matten aus Moos. Kleine Schneefelder retten sich im Schatten der zahllosen Nordwände. Dazwischen wird gegähnt.
Hoch über den Dächern Innsbrucks wachen die Berggipfel. Hier kann man nicht von einem leeren Raum sprechen. Egal wie man den Kopf ausrichtet, die Berghänge fangen den eigenen Blick ein und lassen den Unglücklichen nicht mehr los. Ich befürchte, wohnte ich in Innsbruck, ich würde gegen Hauswände und Straßenlaternen stoßen, gehört doch mein Blick nur den Felsen. So sehr man es auch versucht, die Bilder dieser Massive lassen sich nicht in meinem Gedächtnis speichern.
Stefans Vater fuhr drei Tage auf einer Rübenmaschine mit offener Fahrerkabine von Stuttgart nach Hornstein im Burgenland. Wie langsam mag für ihn die Zeit vergangen sein?
Auf der Landkarte haben wir noch zwei Seiten zu fahren, dann sind wir in Feldkirch. Ghost riders in the sky peitschen uns unaufhaltsam Richtung Westen.
Durch feinfühliges Horchen konnten wir feststellen, dass das Radlager bei 140 km/h etwas leiser rattert. Ab nun werden etwaige Geschwindigkeitsbeschränkungen elegant übersehen.
Vor nicht allzu langer Zeit nahm ein Mann an einer Heißluftballonfahrt teil. Er flog mit einer Pilotin zu einer Ebene und dort landeten sie. Der Man stieg aus und wollte mit einem Seil den Ballon im Boden verankern. Plötzlich erfasste ein unerwarteter Windstoß den Ballon und riss ihn hoch. Die Pilotin schrie, er solle das Seil um Himmels willen loslassen. Doch er wollte sie nicht hören. Mit purer Muskelkraft plante er, das Luftschiff auf der Erde zu halten. Doch sie stiegen und stiegen. In 100 Metern Höhe verließen ihn die letzten Kräfte und er ließ los. Der Mann zerschellte mit einem dumpfen Laut auf einer grünen Wiese.
Der Arlbergtunnel ist gesperrt. Wir nehmen den Arlbergpass und fahren durch St. Anton. Jüdische Familien in Festtagskleidung spazieren am Gehsteig im Ort. Holzfäller sitzen im Wald und schauen staunend zu. Traumwelt. Sonnenuntergang über den Arlbergpass.
Wissenschaft ist oft nur stumme, repetitive und ernüchternde Übung. Stefan und Peter sind erstaunt über die Ingenieurskunst des Tunnelbaus. Peter unser braver Fahrer bringt uns sicher und gesund ins Tal herab. In Nüzidern bekommen die Bergwälder so ein merkwürdiges Abendrot. Alpenglühen?
Kaum sind wir der schweizerischen Grenze nahe, sprechen wir mit höherer Stimmlage und verwenden wahllos den Buchstaben ü. Jedes Wort endet wie von Geisterhand mit einem spitzen i.
Ankunft in Feldkirch. Nachdem wir die erste kleine Ernüchterung beim Betreten des Schlafsaales überwunden haben, begeben wir uns in die Altstadt. Auf Empfehlung der Dame an der Rezeption suchen wir das Pool Festival. Dort stellen wir fest, dass heute Mitarbeiterabend ist. Alle Augen richten sich ungläubig auf uns, als wir mitten auf der Tanzfläche erscheinen.

04.08.2015
Das Erwachen im Gemeinschaftsschlafsaal der Jugendherberge in Feldkirch fällt uns leicht. Unzählige Deutsche in den Betten um uns herum. Wir schlafen aus olfaktorischen Gründen nahe am Fenster. Leider haben wir die Lärmentwicklung des Durchzugsverkehrs nicht ausreichend beachtet. Wespeninvasion am Frühstückstisch im Freien. Die Marmelade lockt sie an. Peter scheint dadurch nicht gestört zu werden.
In Bregenz erwartet uns ein geschäftiges Treiben der Stadtbewohner. Ältere Frauen sitzen auf weißen Holzsesseln und schlürfen genüsslich am Aperol Spritzer. Wir begeben uns Richtung Hafen und lauschen dem Brechen der Brandung am gemauerten Steg neben der Promenade. Schwäne tanzen im Bodensee. Unbeeindruckt von unseren neugierigen Blicken tauchen sie ab. Es liegt noch der sanfte Schlummer des Morgens

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise