Veränderung

von Larissa G.
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Veränderung

Ein Anruf. Meine Tante. Dieses Jahr kommen sie nicht zu Weihnachten. Sie und Opa. Opa schafft es nicht mehr. Demenz. Rollstuhl. Zu viel Stress. Also Planänderung. Essen bei Opa und meiner Tante. Sie wohnt bei ihm,kümmert sich um ihn. Mama ist enttäuscht. Dieses Jahr gibt es nur Rouladen. Eigentlich wollte sie eine Gans machen. Jetzt wo wir groß sind. Wir: Mein Bruder und ich.
Nachmittags gehe ich zu meiner anderen Tante. Wie wir es dieses Jahr machen, fragt sie mich. Eigentlich isst meine Oma dieses Jahr bei meiner Tante zu Weihnachten. Wir wechseln uns ab. Letztes Jahr war sie bei uns.
Meine Oma: Ihrerseits Witwe seit über 25 Jahren, 4 Kinder, 11 Enkelkinder und ein paar Urenkel, Demenz, Fit wie ein Turnschuh, isst 15 Joghurts am Tag.
Was machen wir also mit ihr?
Wir fahren zu Opa und meiner Tante, mütterlicherseits. Meine andere Tante, väterlicherseits, plant. Letztes Jahr wurde sie Oma. Dieses Jahr besuchen sie das Enkelkind an Weihnachten.
Ich bin 18. Seit ich denken kann läuft Weihnachten so ab: Aufstehen, frühstücken, Kochen, Feuerwehrmusikzug, Kirche, Abendessen mit meiner Tante und Opa, jedes zweite Jahr auch Oma, Bescherung, Besuch bei meiner Tante, oder sie kommen zu uns, kommt auf die geraden Zahlen des Jahres drauf an. Dieses Jahr ist alles anders.
Nächster Tag: Schule. Anschließend Tierladen. Mein Hund bekommt ein Ball zu Weihnachten. Wie jedes Jahr. Zu Hause. Essen. Mit Mama in die Stadt. Weihnachtsgeschenke kaufen. Geburtstag meines Vaters planen. Wir fahren nach Hause. Mein Hund begrüßt mich. Ich muss lachen. Ich schnappe mir die Leine. Mein Hund wedelt mit dem Schwanz. Er will los. Ich suche sein Leuchthalsband. Draußen ist es dunkel. Er soll gesehen werden. Ich ziehe ihm auch gleich seine neuen Klamotten an. Eine Art Decke. „King“ steht drauf. Wir gehen raus. In die kalte Nacht. Es hat geregnet. Den ganzen Tag. Ich lasse meinen Hund von der Leine. Wir leben in einem Dorf. Hier passiert selten etwas. Der größte Skandal ist, wenn jemand vergisst, die Hinterlassenschaften seines Hundes aufzuheben. Wir tauchen ein. In die Dunkelheit. Nun ja, nur ich. Mein Hund sieht man schon vom weitem Blinken. Die Leute lächeln, wenn sie ihn sehen. Heute wieder. Zwei ältere Damen. Einiges ändert sich halt nie.
Ich gehe über den Sportplatz. An der Hauptstraße leine ich meinen Hund an. Meine Gedanken schweifen. Ich muss noch so viel lernen. Abitur, nächstes Jahr. Vor den Weihnachtsferien möchte jeder seine Klausuren schreiben. Und ich muss in 7 Fächern ein Genie sein. Innerhalb drei Wochen. Aber ich schlendre weiter. Verdränge den Gedanken. Jetzt geht nur um mich. Das Dorf scheint trostlos. Einige Straßenlaternen funktionieren nicht mehr. Vor der Grundschule fehlt der Weihnachtsmann, den meine Klasse in der vierten gesägt hat. Er stand immer da. Zehn Jahre. Jetzt nicht mehr. Ich gehe weiter. Überlege. Soll ich zum Friedhof. Meine Oma besuchen. Nein, es ist dunkel. Ich würde Angst bekommen. Ich gehe weiter. Lichter in den Fenstern. Lichterketten um Bäume gewickelt. Ich schmunzle, ich lächle. Mein Hund dreht sich zu mir. Er spürt meine Freude. Weihnachten kommt. Ich kann es spüren. Mein Herz wird leichter. Meine Gedanken frei. Bald ist Weihnachten. Es ist wieder so weit. Einiges ändert sich halt nie.
Ich spaziere weiter. Lasse den Hund locker an der Leine. Heute üben wir nicht. Ich schaue in ein Fenster. Eine Frau telefoniert. Sie lächelt. Verschwindet im Haus. Ich freue mich. Ich setze meine Runde fort. Treffe den alten Bürgermeister. Er grüßt: „Moin!“ Einiges ändert sich halt nie.
Auf meinem Rückweg komme ich an der Sporthalle vorbei. Freitag wieder Training mit den kleinen 5-8jährigen. Das letztes richtige Training. An jedem Freitag vor den Ferien kommt der Weihnachtsmann. Er liest eine Geschichte vor. Die Kinder freuen sich. Sie bekommen Geschenke. Diese Jahr nicht. Der Weihnachtsmann hat keine Zeit. Schade. Dieses Jahr wird eine Hüpfburg bestellt. Die Kinder wissen nichts davon. Aber sie freuen sich. Wie immer. Einiges ändert sich halt nie.
Weihnachten. Meine Gedanken drehen sich um dieses Thema. Ich liebe Weihnachten. Hab es schon immer geliebt. Die Familie kommt zu Weihnachten. Die Menschheit ist vereint. Die Geburt Christus. Der Retter. Der Erlöser. Es ist heilig. Unbeschreiblich. Es war schon immer meine Lieblingsgeschichte. Zweiter Weltkrieg. Ich weiß nicht wo. Ich weiß nicht wann. Ist auch egal.Ich weiß nur, dass am Heiligen Abend die Waffen niedergelegt wurden. Gänsehaut. Ehrfurcht. Soldaten zweier verfeindeter Nationen. Vereint unter dem Segen Jesus. Manchmal habe ich meine Zweifel an der Religion. An Weihnachten nicht. Alles scheint möglich. Ich fühle mich stark.
Dieses Jahr: Kein Schnee, kein essen zu Hause, Feuerwehrmusikumzug ist parallel zur Krippenspielaufführung. Kein Besuch meiner Tante und meinem Onkel.
Fast vergeht mir die Freude. Ich biege in unsere Straße ein. Ich sehe unser Hause von weitem. Lichter erstrahlen die Nacht. Führen einen verbitterten Kampf gegen die Dunkelheit. Die Sterne scheinen fade durch die Wolken. Die Luft ist klar. Die Lichterkette unseres Hauses zeigt mir den Weg. Papa und ich haben sie angebracht. Vor zwei Wochen. Wie jedes Jahr. Einiges ändert sich halt nie.
Und ich freue mich. Freue mich über die Lichter. Freue mich über die Nacht. Ich freue mich darüber, dass meine schlimmsten Sorgen sind, wo ich Weihnachten verbringe. Ich freue mich. Denn einiges ändert sich halt nie.

Meine erste auserschulische Kurzgeschichte

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Kommentare

10. Dez 2014

Eine wunderschön-nachdenkliche Betrachtung. Bisschen Rechtschreibung noch, aber in sich stimmig. Auch in der Ambivalenz, die immer wieder durchschimmert und die getragen wird von dem Refrain "...ändert sich halt nie..."