Villon

von Michael Perkampus
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Hier werden sie mich nicht finden. Hier werden sie mich endlich für eine faulende Leiche halten; doch keiner ahnt, daß nicht die Maden mich, sondern ich immer noch die Maden fresse.
Die Scheiterhaufen brennen, die Henkersknoten tanzen. Dolche werden in die Leiber versenkt, aber ich, ich bin dem Leben längst entflohen.
Meine Balladen werden sie in Schenken plärren, am Galgen noch ein letztes Wort, solange ihnen der Kragen noch nicht zu eng geworden. Rühmen werden sie sich, mich gekannt zu haben, den Vagant und Desperado, den einen oder anderen Körper mit mir zusammen bestiegen zu haben. Doch geliebt habe ich immer alleine. Welch üppige Mahlzeit bereitete mir ein rotes Weib! Wie ergoß ich mich in den Sommern! Man erkannte mich lange genug an der Henkersschlinge um meinen Hals, die ich zum Spott in jede Stadt hineintrug wie ein kostbares Schmuckstück, das ich in Wirklichkeit nie besaß. Da gafften sie, nicht wahr, ihr gafftet alle! Denn soviel Frevel schien euch der Allmächtige nicht in eurem Verstand unterzubringen. Ich bin der Rotz, der Deibel, der Aussatz. Habt ihr das nicht gesagt? Von der Brut aller Huren! Und das Leben ergab sich mir wie ein Geschenk, es wollte gelebt werden von mir, denn es galt, einen Pakt zu erfüllen: Mir das Leben, dafür aber Acht und Bann! Mir den Gesang, dafür eine durstige Kehle! Mir die guten Fötzlein, dafür niemals eine Gefährtin!
Aber wer im Nehmen konnte besser sein als ich, denn ich nahm den freien Himmel und ich nahm jedes Stückchen Staub in diesem Räuberkessel der Welt. Wenn es eine Hölle gibt, dann haben sie sich dort eingerichtet mit ihrem Silber und Gold, denn an welchem Platze könnte man seinem Lotterleben besser frönen, als unter den Verängstigten und Eigenen? Dahin haben sie mich nie gebracht und nun sind sie mich los, weil ich verschwunden bin. Spurlos. Nein, ich werde nicht die geringste Spur von mir hinterlassen, nicht eine! Ich werde verstummen, denn mein Testament wurde längst geschrieben.
Oh Guillaume! Nur an dich gedenke ich noch in Freundschaft! Deine verzeihende Hand läßt mich auch in dieser Stunde nicht los und berührt mich da, wo auch ich das Herz sitzen habe, Hund und Ungeheuer, das man mich schimpft. Ja, Guillaume! Dein mißratener Pflegesohn steht in diesem Herbst vor den geöffneten Toren des Abyssos und träumt. Und er wird den Weg gehen, hinaus aus des Menschen Pfuhl. Wie oft habe ich ihnen meine Venusinen vorgetragen? Daran werden sie noch denken, wenn sie dem Schwulst und der Schnörkel der Dichter überdrüssig sind, jenen gansigen Männlein, die noch nie ein Elend angefaßt, außer ihrem eigenen! Die sich in der Wirklichkeit flüchten, weil ihnen die bunte Welt nicht taugt und sich Doktrin über Doktrin geben lassen von Parteien und Gemeinschaften, die ihnen Schnallen ums Maul binden. Was wären diese doch für armselige Kreaturen, dächten sie einmal nur der Freiheit Sinn und verlören ihren Brotherrn! Denen sprechen sie nach dem Maul in fetten Versen und herzloser Schmiererei! Aber mich wollen sie zum Schund und Schmutze werfen. Ja, genau! Das Leben ist eine kostbare Vulgarität, das kann man sich nicht abwaschen im Bade, im Parfum. Laben sich an des Königs Lambretten und ich trag tagein tagaus den Bettelsack, weil ich doch sehen will, wo‘s hingeht und wo‘s ankommt, was ich aus meinem Bauch herausfließen lasse. So ist‘s ein Teil von mir, dem ich nicht abscheulich bin.
Die Troubadoure, die scheißen und die pissen nicht, die schwitzen es sich durch die Haut, die genauso fahl wie jede andere aus ihren feisten Kleidern spickt. Aber hätten sie jemals nur den Aufruhr des Blutes erlebt und besungen, dann rutschte das, was in ihrem Kopfe klingt, eine Etage tiefer, dorthinein, wo die echten Glocken sitzen. Aber selbst der Vollmond, der mit dem Gesicht eines sehr schönen Mädchens im Verse gefüllt wird, glotzt dumpf wie ein Schaf von oben herab und fühlt die Liebe nur im Taschentuch, das bedauerliche Tränen auffängt, weil es juckt unterm Kleid und das Jucken in keiner Strophe abgehandelt wird. Man möchte ihnen gerade helfen und sie zusehen lassen dort im Stroh, wo die Stute naß läuft. Da hat aber doch der ärmste Stallknecht noch mehr Freude daran. Die Liebe! Die Liebe! Das ist ein unnützes Ding aus Brokat für diese feinen Wichte mit ihren Schmalzlippen und starren Strümpfen.
Tharanne! Gib du gut acht auf meine Moritaten und Bänkellieder, die dir stets sagen, wo ich gefunden, was ich je gesucht und alles, was mir sonst noch widerfahren genannt werden kann.
Jetzt habe ich euch alle zurückgelassen, auch dich, Marie, die du mir die Backen rundfüttern wolltest bis die Pflaumenbäume blühen. Aber ich mußte hinaus, ja ich muß hinfort und auch der Freunde nur mehr gedenken, als daß ich sie mich wiedersehen lassen könnte. Ich bin ein Blatt im Wind, der ewig bläst und mir die Haare längst schon hat vom Kopf gefressen. Mein Gesicht kann er gut erkennen, hat er es doch höchstselbst die Jahre modelliert. So wird er mich denn immer finden und singt mit mir, den dennoch Trauer stets begleitet. Du hast es in mir gesehen, Marie und wolltest mein Blut nur kochen lassen, um neue Balladen zu sinnen. Doch ich bin stumm, weil keine Zeit mich Neues lehrt, als daß der Mensch ein Lügenwurm und die Lügen sich gerne verstecken mögen in Hochwohlgeborenen und Tonangebern. Denen traut man nicht, wenn man auch nur etwas versteht. Hier findet man mich nicht und keinen Ort mehr will ich nennen, wenn es nicht mein geliebtes und glühendes Paris sein kann. Die Verbannung wird sich nicht mehr kehren lassen und an einem anderen Ort möchte ich nur, daß ein Strauch mich krault, bevor ich ihm zum Abschied winke. Denn keine Frau auf Erden küßt so süß wie die schönen Frauen von Paris.

Veröffentlicht / Quelle: 
spatien - zeitschrift für literatur

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