MÄDCHEN-KLAGE

von Rainer Maria Rilke
Aus der Bibliothek

Diese Neigung, in den Jahren
da wir alle Kinder waren
viel allein zu sein, war mild;
andern ging die Zeit im Streite,
und man hatte seine Seite,
seine Nähe, seine Weite,
einen Weg, ein Tier, ein Bild.

Und ich dachte noch, das Leben
hörte niemals auf zu geben,
daß man sich in sich besinnt.
Bin ich in mir nicht im Größten?
Will mich Meines nicht mehr trösten
und verstehen wie als Kind?

Plötzlich bin ich wie verstoßen
und zu einem Übergroßen
wird mir diese Einsamkeit
wenn, auf meiner Brüste Hügeln
stehend, mein Gefühl nach Flügeln
oder einem Ende schreit.

Veröffentlicht / Quelle: 
Neue Gedichte, S. 2; 1. Auflage 1907; Insel-Verlag Leipzig

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