Spaziergang zum Meer

von Annelie Kelch
Mitglied

Im Schlosspark: Theodor Storm,
in Stein gehauen.
Blickt mit gütigem Ernst
von seinem Sockel
auf Reisende herab,
die um Ostern herum
die Wege bevölkern;
denn die Wiesen
hinter dem alten Schloss
haben sich in violette Meere verwandelt.
Seht nur, die vielen Krokusse!
Einst von Mönchen gepflanzt -
wie die uralten Bäume neben
dem Schlossgraben.

Wer will, mag verweilen und
sich sattsehen an den
lila-weiß-gelben Teppichen.
Mich zieht es zur Neustadt hinaus,
wo man schon die raue Seeluft
schnuppern kann, die der Wind
vom Meer herüberträgt.

Schon schmecke ich Salz auf den Lippen,
und meine Nase wittert den Dunst
von den Fischkuttern am Hafen.
Die bronzene Tine, die stolze
Fischersfrau auf dem Marktplatzbrunnen
lockt aus der Ferne.
Aber da liegt schon die 'Kleine Wasserreihe'
vor mir und lädt mich ein:
'Komm doch ins Haus Nr. 31;
hier hat er gelebt und geschrieben,
der große Dichter der Stadt.'

Ach, das schlägt mir bereits der Lärm
des Hafenbetriebes entgegen,
mit seinen Barkassen und Kuttern,
seinen Fischbuden und Krabbenständen.

Vorbei an den hohen Silos, der Zollmeisterei.
Und das Ziel meiner Sehnsucht?
Noch liegt es verborgen
hinter dem Deich.

Erwartungsvoll nehm ich den Weg,
der auf seine Krone führt,
höre im Laufen schon
das Blöken der Schafe,
die Schreie der Möwen,
den leise plätschernden
Pulsschlag der Wellen.

Und dann liegt sie endlich vor mir,
die kleine Schwester des Atlantiks:
funkelt silbern unter der Sonne
bis hin zum Horizont;
heiter und bedächtig heute,
wie der Badegast sie im Sommer kennt.

Ich setze mich in die Stille der Deiche
und schaue aufs Meer hinaus,
dessen klaren Atem die Winde
weit in das Land hineintragen.
O wildes Nordseewasser:
Geschickt haben es die Menschen
in ihre Dienste gespannt.
Ach, ich möcht' nimmer fort von hier,
könnt' ewig verweilen in Gedanken an 'seinen Schimmelreiter,
und kann nicht umhin, das friesische Land ganz im Sinne
des großen Dichters zu sehn,
bis mich die Dämmerung
zum Aufbruch mahnt.

Den Weg zum Bahnhof - ich finde ihn noch allein:
Zehn Jahre war hier mein Zuhaus'
und länger als zehn Jahre her.
Leb' wohl, kleine Stadt am Meer!

Morgen schon, ach, schon morgen,
werde ich wieder ein Hochhausmensch
im Dickicht der Großstadt sein.

Interne Verweise

Kommentare

02. Dez 2016

Ich bin noch niemals dort gewesen -
Schön kann poetisch man's erlesen!
(Die Krause meint: "So ene Tafel
Kriejen Sie nie mit Ihrm Jeschwafel!")

LG Axel

02. Dez 2016

Die Reise lohnt sich besonders im Frühjahr, Mijnheer,
dieweil, das blühen die Krokusse sehr;
und Storm im Park zieht dann ein freundliches Gesicht,
erschreckt somit auch Frau Krause nicht.

LG Annelie

02. Dez 2016

Vielen Dank für deinen freundlichen Kommentar.

LG Annelie

19. Aug 2017

Liebe Annelie. Bin gern mitgegangen mit dir. Auch ich liebe das Meer so sehr. Manchmal befinden wir uns nur im Menschen Meer, welches auch so verschieden sein kann. Liebe Wochenendgrüße Karin

19. Aug 2017

Liebe Karin, ich freue mich sehr, dass du mich begleitet hast. Im Menschenmeer - dort ist es viel unruhiger als an der Nordsee. Ehrlich gesagt, Massen haben mich noch nie "angezogen". Im Menschmeer bekomme ich leicht Panik. Eher noch würde ich mit einem Segelboot über das Meer schippern wollen.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie

19. Aug 2017

Auch ich habe dich in Gedanken begleitet, liebe Annelie.
Das kann nur Husum sein:

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Liebe Grüße - Marie

19. Aug 2017

Danke, liebe Marie, für deine Begleitung und für das schöne Gedicht von Th. Storm. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte. Ich habe es gleich gelesen und dabei kontrolliert, ob ich es noch fehlerfrei dahersagen könnte.
Allerdings war es schon vor sehr vielen Jahren, als ich in Husum lebte, nicht mehr "grau" dort. Allein die Krokusblüte im Schlosspark war ein "buntes" Erlebnis. Aber mir gefällt besonders die Melancholie in den ersten beiden Versen. An der Stormbüste bin ich oft vorübergegangen und habe ihn jedes Mal gegrüßt, manchmal laut, manchmal leise, aber immer sehr höflich.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie

19. Aug 2017

Liebe Annelie, das kann ich gut verstehen. Ich mag nur in einem Meer von mir bekannten und vertrauten Menschen sein. Alles andere ist mir in der heutigen Zeit oft zu anstrengend. Zu unterschiedlich die Energien. Und doch gibt es da etwas ...hoffentlich ist es so, was uns alle verbindet.
LG Karin