Chef, es geht mir heute miserabel ...

von Annelie Kelch
Mitglied

Wenn unsere Feinde wüssten, wie viel wir ihnen zu verdanken haben, würden sie uns womöglich lieben. – Das überlebe, wer kann.

Gesünder jedenfalls sind kreuzehrliche Freunde, die mit ihrer Meinung über uns weder hinter dem Berg halten noch diese hinter unseren Rücken verbreiten, sondern sie uns – möglichst behutsam – ins Gesicht sagen, damit wir Gelegenheit zur Rechtfertigung bekommen.

Gestern schreckte ich aus einem entsetzlichen Traum: Ich fühlte mich dermaßen müde und krank, dass ich nicht zur Arbeit fahren konnte; aber noch schlimmer war, dass ich glaubte, ich läge bereits seit Tagen brach und hätte mich bei meinem Arbeitgeber nicht krankgemeldet, die Kündigung befände sich bereits in meinem Briefkasten. – Dieses Gefühl hielt minutenlang an, bis mich die Realität wie ein freudiger Blitz traf: Es gibt ein Leben nach dem Arbeitsleben, und ich hatte es erreicht, ohne vorher vor die Hunde gegangen zu sein. Was für eine einzigartige Gnade!

Mein Traum beweist mir, dass ich diese Dinge auf die schwere Schulter nahm, auf meine rechte nämlich, die manchmal noch schmerzt – vom jahrelangen, ständigen Hocken vor Computern; man müsste davor schon jede Sekunde stocksteif wie ein Brett sitzen, um keine Haltungsschäden in Kauf nehmen zu müssen. (Das darf ich jetzt alles mit Yoga ausbügeln.) – Jedenfalls war mein Erschrecken im Traum aufrichtig und immens; es überkam mich wie ein jähes Unglück.
Träume lügen selten oder nie.
Stress dieser Art im Traum nachzuerleben, ist ärger noch als die harte Realität. Man fühlt sich total hilflos und ist nicht in der Lage, zum Telefon zu greifen und in den Hörer zu hauchen: „Chef, es geht mir heute miserabel; wie lange schon haben Sie nichts mehr von mir gehört?“

Ich habe die folgende Zeichnung "Abschleppdienst" genannt. Ich hätte auch schreiben können: "Ganovenedes Beute", denn der "Abschlepper" schaut nicht gerade vertrauenswürdig aus. Irina Garshina aus der Ukraine hat diese wunderbare, humorvolle Zeichnung kreiert. Und ich danke ihr ganz herzlich dafür. Alle Rechte liegen bei Irina.

Zeichnung der Künstlerin Irina Garshina, Ukraine. Alle Rechte liegen bei ihr.
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

26. Jul 2018

Liebe Annelie, ein echt guter Text! Vor allem die ersten 2 Absätze haben es mir sehr angetan, ich setze mich intensiv damit auseinander obwohl ich schon während des Lesen gemerkt habe, dass du auffallend richtig liegst in deiner Einschätzung .
Das was dir in puncto Arbeitsleben als Traum hochkam, kenne ich von vergangene Prüfungssituationen. Nicht selten muss ich mein Abitur noch mal schreiben oder meine Prüfung in Vermessubgstechnik. Grausam!!!! Ich arbeitet eine Zeit lang mal sehr kundennah und auch aus dieser Phase meines Lebens würgt sich in Träumen so einiges hoch... Ich kann dir voll und ganz zustimmen, dass Träume eben nicht nur Schäume sind.
Liebe Grüße,
Anouk

26. Jul 2018

Danke, liebe Anouk. Es handelt sich wohl um große Ängste, die wir ausgestanden haben zu jener Zeit, als wir noch lernten und im Arbeitsleben standen. Wir haben diese Dinge sehr ernst genommen - und mein letzter Satz im Text, den ich so nie gesagt hätte, sollte ein "Sahnehäubchen" sein; denn hätte ich mich derart einem Chef gegenüber geäußert, wäre ich mit Sicherheit sofort "geflogen". Mit Anwälten, Notaren und Richtern ist nicht unbedingt zu scherzen, zumal sich dort meistens die Arbeit häuft.

Liebe Grüße,
Annelie

26. Jul 2018

Ein hoch interessanter Text, liebe Annelie, der Erinnerungen weckt, Du sprichst eine Art von Horrortraum an, die mir nur zu gut bekannt ist - ich stehe plötzlich vor einer Klasse, die angeblich meine ist, doch mir sínd alle Kinder fremd, sie beachten mich überhaupt nicht, schreien, streiten unbeeindruckt weiter, der Klassenraum, die Kolleginnen sind mir unbekannt genau wie das vielstöckige Schulgebäude, das ich in Panik fluchtartig verlassen will, ich rase Treppen hinauf und hinab und finde den Ausgang nicht, die Lage ist hoffnungslos … dann ich zwinge mich zum Aufwachen.
PS: Die Zeichnung passt super!

Liebe Grüße - Marie

26. Jul 2018

Liebe Marie, das kann ich gut nachvollziehen. Vor einer fremden Klasse zu stehen, kann grausam sein. Wir haben früher VertretungslehrerInnen sehr genau unter die Lupe genommen; die meisten haben dabei nicht so gut abgeschnitten und waren wohl froh, wenn sie uns wieder verlassen konnten. Es gab ein paar Jungs in unserer Klasse, die eine ziemlich dicke Lippe riskiert haben. Ich fand VertretungslehrerInnen immer sehr interessant. Sie brachten Abwechslung ins Schulleben. Dass allerdings Du, als gestandene Frau, unter solchen Ängsten gelitten haben könntest, hätte ich eigentlich nicht für möglich gehalten und bin eher geneigt zu glauben, dass Du ganz vorzüglich und souverän mit Deinen Schulkindern hast umgehen können. Ich glaube, ich wäre sehr gerne Deine Schülerin gewesen (was vom Alter her leider nicht möglich gewesen wäre, denn ich bin wohl nur wenige Jahre jünger als Du, wenn überhaupt).

Liebe Grüße,
Annelie

26. Jul 2018

Liebe Annelie,
mit dieser Nachbereitung von angstvollen Stressmomenten durfte ich auch umgehen und betrachte sie heute als Reinigungsprozess. Vielleicht wirft unser Unterbewusstsein auf diese Art Ballast ab? Deine Geschichte ist wahrlich anregend und sehr gelungen. Danke.

LG Monika

26. Jul 2018

Vielen Dank, liebe Monika. Ja, das hast Du ganz fantastisch beschrieben. Unser Unterbewusstsein muss Ballast abwerfen, es könnte anderenfalls nicht verkraften, was sich im Laufe der Jahre angestaut hat; das würde zwangsläufig zur Erkrankung der Seele führen. Meistens habe ich mir aber selbst viel zu viel Stress gemacht, geschuftet wie ein Ackergaul und an manchen Tagen geschrieben, wie viele in drei Tagen nicht schaffen würden. Wozu?, frage ich mich heute. Das Gehalt war es nicht wert.

Liebe Grüße zu Dir und danke für Dein Lob, das ich -
wie stets - zu schätzen weiß,
Annelie

26. Jul 2018

Ich denke, Annelie, solche (Arbeits) Alpträume kennen und haben viele. Lag/liegt vielleicht am Druck und Stress und was sich in die Seele gebrannt hat, hat eine Heimat für immer gefunden. Ich musste bei deinen Zeilen an die denken, die ihr Rentenalter erreicht haben und sie es nur noch 1- 2Jahre erlebenoder genießen konnten. In der Generation von meinen Großeltern nicht selten. Und Russland steuert darauf hin. 2019 soll das Rentenalter schrittweise angehoben werden. Heißt, die Männer müssen dann bis 65 arbeiten, das bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 66,8 Jahren. Bei den Frauen sieht es etwas besser aus. Sie dürfen mit 63 in den Ruhestand, bei einer Lebenserwartung von durchschnittlich 77,2 Jahren. So spart Staat heute …

Hitzige Grüße
Soléa

26. Jul 2018

Liebe Soléa, das mir ganz neu. Ich habe weder die Höhe der Lebenserwartung der RussInnen gekannt, noch etwas über das Rentenalter gewusst. Entweder arbeiten die Männer dort so schwer oder der Wodka ist schuld? Ernährung und Einkommensverhältnisse spielen wohl auch eine Rolle. Aber das ist doch sehr traurig. Ja, Russland ist groß - und es gibt sehr viele sehr arme Menschen dort. Die Wohnverhältnisse auf dem Land sind oft schlecht, die russischen Winter hart und damit das Leben in dieser Einöde. Ich werde demnächst mal im Internet recherchieren, ob ich etwas herausfinde die Gründe für die frühe Sterblichkeit betreffend. Danke für Deine überaus interessanten Informationen.

Liebe Grüße, leicht schweißtriefend, weil grad auch noch gekocht hier,
Annelie