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Dritter Teil: Loverboys; Fortsetzung vom 03. Dezember 2016

Bild von Annelie Kelch
Bibliothek

Meine Mutter war so geistesgegenwärtig (!) gewesen, die Tasse, aus der Sallys Begleiter getrunken hatte, in eine Plastiktüte zu stecken, so dass die Polizeibeamten nicht nur dessen Fingerabdrücke, sondern auch seine DNA sichern konnten.
Die Oberschwester, der ich später davon berichtete, entschuldigte sich bei mir und erklärte den verwirrten Eindruck, den meine Mutter bei ihrer Einlieferung ins Krankenhaus auf sie gemacht habe, letztendlich damit, dass diese sich aufgrund meiner Abwesenheit mit der Verantwortung für Sally überfordert gefühlt haben könnte.

„Hoffentlich ist deine Tocher nicht in die Fänge eines sogenannten Loverboys geraten“, sagte Pavel auf dem Weg ins Präsidium.
Ich wusste mit dem Begriff nichts anzufangen und sah ihn fragend an.

„Das sind meist blendend aussehende Männer, die sich vorzugsweise an minderjährige Mädchen heranmachen und sie mit teuren Geschenken betören, bis sie sich Hals über Kopf in sie verlieben und ihnen zu Willen sind. Später dann werden sie von denen auf den Strich geschickt.“

„Sally?“, hatte ich empört gerufen. „Niemals! Nie im Leben würde meine Tochter auf so einen Kerl hereinfallen.“

„Was macht dich da so sicher, Cordula?“, hatte Pavel gefragt. „Du hast mir doch selbst erzählt, dass du während der letzten Wochen kaum noch Zeit für deine Tochter erübrigen konntest – obwohl das Mädel in einem Alter ist, das eine erhöhte Aufmerksamkeit verlangt. Heutzutage lauern überall Gefahren für Mädchen ihres Alters. Denk nur mal daran, welch schräge Typen sie allein im Internet kennenlernen könnte. Zudem lebt ihr in einer Weltstadt. Berlin ist nicht gerade ein harmloses Pflaster, was Verbrechen anbelangt.“

„Nun mach aber halblang“, wehrte ich zornig ab. „Du versetzt mich in Angst und Schrecken.“

„Bist du das nicht längst?“, fragte Pavel und streifte mich mit einem sonderbaren Blick.

„Möglich, dass bei dir der Eindruck entstanden ist, ich sei eine Rabenmutter“, sagte ich. „Ich meine jedoch, dass du das nicht beurteilen kannst. In erster Linie wollte ich Sally unser schönes Heim erhalten, ich wollte doch nur ...“

Ich fühlte mich den Tränen nahe. Gestern hatten Oda und ich am Telefon noch herumgerätselt, wen wir wegen Sally befragen könnten, und es stellte sich heraus, dass ich nicht eine einzige Freundin meiner Tochter hatte benennen können. Hatte Sally überhaupt Freundinnen? Ich musste zugeben, dass diese Ahnungslosigkeit kein gutes Licht auf mich warf.

„Ist ja gut, Cordula“, sagte Pavel. „Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen. Ich glaube dir, dass du nur das Beste für Sally wolltest. Aber man kann nicht alles im Leben haben: einen tollen Beruf, dem man sich mit Herz und Seele widmet, ein Haus - und Kinder, die trotz Abwesenheit funktionieren, obwohl die Großmama im Haus lebt.“

„Hast du eigentlich Kinder, Pavel?“, fragte ich.

„Einen Jungen. Ravi ist elf und lebt bei seiner Mutter in Amsterdam. Meine geschiedene Frau ist Holländerin.“

„Wie soll es bloß weitergehen?“, seufzte ich. „Meine Mutter im Krankenhaus, meine Arbeit, die ich unbedingt behalten muss, anderenfalls müsste ich uns eine Wohnung mieten und das Haus verkaufen, und Sally – ob sie überhaupt noch am Leben ist ...“

„Selbstverständlich, Cordula. Du musst Geduld haben. Möglicherweise schafft Sally es von ganz allein, sich von dem Kerl zu lösen und taucht in ein paar Wochen wieder bei euch auf. Die meisten Mädchen finden früher oder später wieder nach Hause, sobald die IIllusionen, die sie sich gemacht haben, wie Seifenblasen zerplatzt sind. Möglicherweise könntest du, was deinen Beruf betrifft, etwas kürzer treten?

Fortsetzung am 09. Dezember 2016

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