Begegnungen ohne Abschied

von Annelie Kelch
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Wenn wir uns nachts begegnen
auf den lichterfüllten Bahnhöfen
oder verweilend neben den Kaimauern
in den Häfen dieser schmerzlichen Welt -
sind wir Sterne, Züge, die kommen und
gehen, Schiffe auch wir - mit weltfremden
Augen, die über das Inventar gleiten,
werde ich dich erkennen, obwohl
auch du älter geworden bist,
aber die Zeitungen - wie immer -
unter den Arm geklemmt trägst
und in deinem Koffer wähne ich
einen Reisebericht aus Sibirien.

Morgen schon sind wir uns wieder
fern - pendeln in Gedanken zwischen
den Kriegen dieser Erde - aber ich weiß,
dass dein Mantel, die Schuhe, deine Haut –
immer noch zu dünn sind für diese Welt.

Meine Faust umklammert - eine Hundeblume
soll dir sagen: Ich bin auf deiner Seite,
Cherub, ich sage: 'Nein!' und die Wahrheit,
gebe dir – endlich - Antwort.
Wie um alles in der Welt könnte ich nicht
auf deiner Seite sein, Beckmann, da du doch für
alles Schlechte in dieser Welt die Verantwortung
ganz allein tragen willst?

Wolfgang Borchert, 1921 - 1947

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