Mit 85 Jahren kann ich Euch was erzählen ...

Bild von Ernst Wetzel
Mitglied

Mit meinen nun 85 Jahren kann ich Euch was erzählen,
habe Krieg und Verschickung erlebt; da war nichts zu wählen.
Habe meinen jüngeren Bruder und mich durch die Nachkriegsjahre gebracht,
D... zum Wohnort und Ausgangspunkt einer Familie gemacht.

Alsbald wurde gedrungen zu fliehen aus wohnlicher Enge.
Damit für eine Familie der Start besser gelänge,
wurde ein Grundstück zu kaufen und dann zu bauen erwogen.
Dies in D… realisiert und schließlich dorthin gezogen.

Dort haben ich und meine drei Töchter ihre Heimat gefunden,
wir feierten und feiern dort immer wieder in familiären Runden.
Durch Berufs- und Partnerwahl verschlug es zweien von ihnen in die Fern
doch, es stimmt mich froh, wenn „D…“ ruft, kommen sie immer noch gern.

A… und Schwiegersohn T… halten hier noch die Wacht,
sie wohnen unter mir, umsorgen mich und geben auf mich acht,
vermitteln mir ein sicheres Gefühl,
wenn mein Körper nicht mehr so will.

Doch meine Kinder und Enkel beflügeln noch meine (Lebens-)Reise.
Es ist doch spannend zu beobachten, in welcher Art und Weise
es „der Jugend“ gelingt, ihren Platz zu finden in unserer hektischen Welt,
in welcher Form jeder Einzelne sich in ihr dazu gesellt.

Man ist an deren Studium und Berufsweg interessiert
und beäugt, was bezüglich der Partnerwahl so passiert.
Wartet weise ab, bis Jemand von sich aus erstattet Bericht,
ob eine Prüfung bestanden oder eine junge Beziehung zerbricht.

Wenn nicht, geht die Information zumeist um im Familienkreise,
geht dann auch zu mir auf die gewohnte indirekte Reise ...
So bleibe ich familiär – mit Freude und Leid - weiterhin eingebunden
und kann mit „der Jugend“ deren neue Welt erkunden.

Das Wohl Aller der Familie als Ganzheit ist mir nun mal wichtig,
weshalb ich finde, es ist auch gar nicht richtig,
dass, wenn Jemand von ihr sie auf Reisen verlässt,
mich uninformiert sorglos behandelt wie der bleibende Rest ... .
Dass, wenn Jemand von ihr auf Reisen ist,
achtlos bei mir die Ankunftsrückmeldung vergisst.

Mit 85 ist es noch spannend, mit Euch gemeinsam ein Stück Weg zu gehen,
um zu erfahren, was mit Kindern, Enkeln und der Nichte so wird geschehen.
Zwar muss ich mit meiner körperlichen Gesundheit etwas grollen,
Aber entscheidend ist doch, das noch interessierte teilhabende Wollen.

Ich bin dankbar, doch noch so mitten unter Euch zu sein
nicht als älterer Mensch vegetieren zu müssen im stillen Kämmerlein.
Und dazu erbitte ich auch weiter unterstützende Hilfe und Gottes Segen,
um als teilnehmende „Grand Madame“ unsere Familienbande zu pflegen.

Bedenkt, das ich mein Leben eher nur noch lebe hinein in den Tag,
wenn es nicht mehr geht, ich dann äußere, mich gerne zurückziehen mag,
weil Umtriebigkeit und konzentriertes Zuhören können werden zur Last,
verzeiht mir, wenn mein Aufbruchsersuchen verursacht eine gewisse Hast.

Rechtshinweis:
Für diesen Beitrag ist eine unkommerzielle Nutzung erlaubt, alle Rechte verbleiben jedoch beim Autor/bei der Autorin.

Interne Verweise