Der Winter kam

von Mara Krovecs
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Sonne Afghanistans
deine Brunnen waren
wieder leer
Flüsse ausgesaugt
Wasservampire
schlichen durch Lüfte
der Jahresschatten wanderte orangekühl

sie aßen den Sommer
in Gräsern und Licht
Gewehrschüsse in Dörfern
weckten Berge – ferne blaue
Inch Allah

eines Morgens waren
Rosen Hagebutten

zwischen Felsen kauerten
Vertriebene auf bloßen Füßen
ausgeatmete Sehnsucht
Liebe – glückliche Kinder
wellentanzende Meere
satte Städte aus Sonne gegossen
sickerten in Steine

Träume – ach
eingezogen wie Fühler
einer Schnecke
leises Summen alter Kinderlieder
Brücke zum ewigen Schlaf

in einigen Kammern
unserer Erde
wandert der Tod gern
zündet den Bleibenden
Lichter in Armut

erster Frost flammte
faltete Weiches kantig
was machen wir – was machen wir nur?
schroffes kriegsversehrtes Land
spuckt Menschen aus wie Kirschkerne
Schnee klebte auf roten Wangen
auf blauen Lippen – auf nackten Händen

sie hielten sich in den Armen
als sie erfroren

alter Mann
du weintest ungläubig
deine Augen tasteten die Kameras
die Mikrophone – du drehtest dich
noch einmal um – das leere Dorf – so weit
im Himmelgrau brannte unschuldig Schnee

der Winter war da.

C. Mara Krovecs / 2008/2009

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Kommentare

04. Sep 2015

Vielen Dank, liebe Eva und lieber Axel :-)

… und Grüße aus dem Norden

Mara