Tagelied

von Rainer Maria Rilke
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Jetzt kommen wieder die Pläne,
die ins Weite gehn.
Draußen rufen die Hähne:
die Ferne will entstehn

nach aller dieser Nähe,
die uns zusammenschloss.
Wach auf, damit ich sähe,
was ich so sehr genoss.

Mir geht es noch im Blute,
noch duftet das ganze Haus.
Zu was für Worten ruhte
mein Mund auf deinem aus,
auf deinem guten Munde,
auf deiner beruhigten Brust:

Stunde ging um Stunde,
wir haben es nicht gewusst.
Nun kommen die Geräusche.
Schon rührte sich eine Tür.

Dass es dich nicht enttäusche,
wache mit mir, verspür,
wie es schon weht vom Tage:
da muss ich nun hinaus -

Wache zu mir und sage:
Seh ich traurig aus?
Das dauert nur eine Weile,
mach dir das Herz nicht schwer.
Die Nacht ist, dass man sie teile,
der Tag, dass man ihn vermehr.

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