Ach, bleib doch ...

von Annelie Kelch
Mitglied

Die Last der Abschiedstränen
Nimmt auf harten Polstern Platz
Am Bahnsteig weint und wimmert
Was uns läuten sollte ...
Erschöpften Mundes spricht ein
Casanova seinen letzten Satz
Die allerletzte Lüge aus, bevor die
Fahrt beginnt: Ihr flammt die Wange
Tiefbeschämt wankt sie nach Haus ...
Wie man so vorwärtskommt
Wenn einem grad das Herz zerbricht ...

Inmitten Lärms, inmitten ruheloser Zeit
Ästeln die Schienen sich … wohin, du
Unbeugsamer Baum aus Stahl? –
Kein Ruß, kein Rauch, kein Wölkchen
Das sich spiegelt unterm Bahnhofsdache
Kein flinker Fuß gerät in eine Regenlache …
Nur hin und wieder sieht man zwei,
Die sich umarmen, inniglich ...

Kein Rattern – nur ein fernes Rauschen
Im Gleisbett schläft die Königin der Lüge
Um sich auszuruhn. Ein Hauch von Weh
Liegt in der Luft, als dürften dort, wo
Schnelle Züge gleiten, nirgendwo mehr Blumen
Blühn, und nächtlichschwarz zerplustert sich
Ein Spatzenchor und stiebt davon
In trauriggrauer Luft ...

Aus Schattenreichen in den Frieden
Heimgekehrt, im Aug noch Wüsten
Der Gewalt, springt aufs Perron des
Heimatlichen Bahnhofs ein Soldat
Ankunft und Abschied ...
So geistert der Wahn
Von Schwelle zu Schwelle ...
So reist auch das Jahr. –
Ach, bleib doch …
Gehaucht, nicht neu, leicht oder unter Tränen
Zur Stelle: drei Worte, flügellahm ...

Besonnter Bahnsteig – über den
Schienenstaub wandern Schatten.
Der Zug läuft ein: ein sanftes Kreischen
Seelenfern und die Taube fliegt auf
Stille – nur einen Gedanken lang eh
Die Türen sich öffnen und verwirrend
Gestammel aufkommt, unser Babel ...

Und seht!, da schwankt Anna …
Klopfenden Herzens geradewegs
Auf die Bahnstation zu, um im
Sarg in die Stadt zurückzukehren.

Anna: Gemeint ist Anna Karenina, gleichnamiger Roman von Leo Tolstoj, der seine Protagonistin, die gesellschaftlich geächtet wurde, unter den Rädern eines Zuges sterben lässt.

Quelle: pixabay; copyright: anne li
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

09. Okt 2018

Liebe Annelie, was habe ich damals Anna Karenina verschlungen - ebenso wie dein tolles Gedicht.
Ich bekomme grade die dringende Idee, das Buch noch einmal zu lesen, wohl, wenn die Kinder Herbstferien haben, spätestens in den Weihnachtsferien ( wahrscheinlich leider erst dann..)
Ein wunderbares sehr anrührendes Gedicht..
Bald habe ich eine längere Bahnfahrt anstehen, allein. Ich werde mich gehörig auf dem Bahnsteig umsehen und bin nun schon angespannt und doch interessiert, welche Beobachtungen ich daraus ziehen werde. Ich drucke mir dein Gedicht und lese es dann erneut auf der Fahrt.
Alles Liebe
Anouk

09. Okt 2018

Liebe Anouk, ganz herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Vor wenigen Tagen habe ich mal wieder Anna Karenina gelesen. Der Roman von Tolstoj verzaubert mich immer wieder mal. Dies war auch der Anlass meines Gedichts. Gestern war ich dann noch einmal auf dem Bahnhof, um mich dort umzusehen und zu lauschen. Ganz am Ende des Perrons fiel ein Lichtstrahl ins Dunkle und ließ das Ganze etwas gespenstisch ausschauen. Bahnhöfe und auch Friedhöfe haben mich schon immer fasziniert - und natürlich auch die alte Zeiten, ganz besonders in Russland, davon Tolstoj, Gorkij u.a. so fantastisch zu erzählen wissen ...

Liebe Grüße zu Dir und gute Fahrt dann,
Annelie

09. Okt 2018

Liebe Annelie,
es lohnt sich immer wieder einmal in die Geschichte einzutauchen und dabei seine Entdeckungen zu machen. Leo Tolstoj ist dabei eine ganz besondere Entdeckung und seine Anna Karenina wurde nicht umsonst weltberühmt.Leider hast du in der Anmerkung das zweite n vergessen, vielleicht kannst du es nachholen, für alle die mal googeln wollen.
LG Ekki

LG Ekki

09. Okt 2018

Lieber Ekki,
tausend Dank für Deinen Hinweis. Ich habe den Fehler soeben berichtigt. Ja, Anna Karenina ist ganz wunderherrlich geschrieben und auch übersetzt worden. Ich habe mehrere Übersetzungen gelesen und war jedes Mal begeistert. Auch die Verfilmungen von Anna Karenina sind allesamt ein Erlebnis der besonderen Art.

LG Annelie

09. Okt 2018

Unglaublich mit welcher Sprachkraft dieses Gedicht hypnotisch in die Bahnhofsszenerie mich hineinzieht, es gibt kein Entkommen...ein Weg auf vorgegebenen Schienen, das Schicksal der Anna Karenina
lebt sofort wieder auf. Ein hervorragendes Gedicht, dessen Aussage auch das eingestellte Foto unterstützt, ist Dir wieder gelungen, liebe Annelie. Herzlichst- Ingeborg

09. Okt 2018

Danke für Deinen Kommentar, liebe Ingeborg, über den ich mich sehr gefreut habe. Deine lobenden Worte tun mir gut. Es hat lange gedauert, bis ich einigermaßen zufrieden war mit dem Gedicht. In Hamburg, wo ich vorher gelebt habe, wäre dieses Gedicht gewiss nicht so entstanden; denn dort hätte mich zu viel bei der "Recherche" abgelenkt: Die vielen bunten Geschäfte, die Reklame, das bunte Treiben in der Bahnhofshalle, der Andrang vor den Gleisen ... In Lübeck ist das noch überschaubar; man erkennt das Wesentliche noch. Aber der Hamburger Hauptbahnhof ist auch sehr schön. Falls man unter der Woche irgendetwas vergessen haben sollte, kann man in den Geschäften dort hervorragend und preiswert einkaufen. Ich freue mich sehr, dass Dir auch dieses Gedicht gefallen hat und Du zufrieden mit mir bist.

Liebe Grüße,
Annelie

10. Okt 2018

Hallo Annelie,

"... Ein Hauch von Weh
Liegt in der Luft, als dürften dort, wo
Schnelle Züge gleiten, nirgendwo mehr Blumen
Blühn, ..."

Ich greife mal stellvertretend für die vielen wunderschönen Wortblüten im Text dieses Bild heraus, weil es die Schnelllebigkeit des Sein so treffend einfängt.
Zum Glück haben wir die Möglichkeit, all das uns Berührende -zumindest in Gedanken- wiedererstehen zu lassen.
Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt.
LG
Manfred

10. Okt 2018

Lieber Manfred, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar. Ja, ich empfand einen Hauch von Wehmut, er hing über den einsamen Gleisen und war nicht fortzudenken. Neben einem der Gleisbetten standen zwei kleine Grünpflanzen, nicht gerade kümmerlich, aber unscheinbar. Aber am eindruckvollsten waren die Schweigesekunden nach Einfahrt eines Zuges, bevor die Türen aufgingen ... Und dann plötzlich die Stimmen in verschiedenen Sprachen, die zu mir herüberschwirrten und ineinanderflossen wie beim Turmbau zu Babel. Schön fand ich das Wort "København" auf einer der Anzeigetafeln - die dänische Hauptstadt, über Puttgarden ganz leicht erreichbar von Lübeck aus.

Liebe Grüße,
Annelie

10. Okt 2018

Ein, zwei Tage lang war ich ausgeklinkt, liebe Annelie,
jetzt bleibt mir nur, mich dem vielfältigen Lob anzuschließen und ja,
auch ich muss es wieder einnmal lesen, das Buch "Anna Karenina" ...

sei herzlich gegrüßt - Marie

10. Okt 2018

Liebe Marie, herzlichen Dank für Deinen Kommentar und für die "Beteiligung" am Lob. Ich drücke Dir die Daumen, dass Du schon bald dazu kommst, dieses Buch zu lesen und Deine Erinnerungen daran aufzufrischen.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

10. Okt 2018

Auch bei mehrmaligem Lesen wird es, statt "gewohnter", immer mehr zum Staunen und Freuen, liebe Annelie.
Ich erwarte ja schon beim Lesen deines Namens Bestes, und bin doch immer wieder verblüfft, wie besonders du schreibst.. Dabei verstehe ich keineswegs immer nur Bahnhof!
LG Uwe

11. Okt 2018

Lieber Uwe, ganz herzlichen Dank für Dein freundliches Lob, das - wie stets - mit besonders gewählten Worten daherkommt und meistens noch etwas Lustiges in petto hält: den Bahnhof, oft das einzige Wort, das manche lieben "Fremden" hier verstehen, insbesondere in der Bahn, wenn sie beim Schwarzfahren erwischt werden.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Okt 2018

Eine glanzvoll wehmütige Beschreibung - mit einem überraschenden, erschreckenden Knall am Ende.
Gelungen, Annelie!

Herzliche Grüße
Willi

11. Okt 2018

Ein Lob von Dir, lieber Willi, ist immer ein Gedicht wert. Ich habe mich riesig gefreut über Dein "Gelungen, ..."

Herzliche Grüße zu Dir zurück
und schöne Herbsttage in Schweden,
Annelie

15. Okt 2018

Liebe Annelie, welch ein fantastisches Gedicht. Es zieht mich in seinen Bann und berührt mich tief. Die dichte Atmosphäre im Bahnhof, die Trauer, die Scham, seinen Lügen geglaubt zu haben. Wie Anouk habe auch ich das Bedürfnis, Anna Karenina wieder zu lesen. Im Moment beschäftige ich mich mit neuen Kinderbüchern für meine Enkel, auch darin stehen viele Wahrheiten.

Noch einmal zum Schluss: Immer wieder Hut ab vor Deiner Sprach- und Ausdruckskraft.

Alles Liebe, Susanna.

18. Okt 2018

Liebe Susanna, entschuldige bitte die verspätete Antwort; aber wenn ich an einem Gedicht schreibe, bin ich oft ganz weit weg und vergesse (fast) alles um mich herum. Es gibt Bücher, die uns bis ans Lebensende begleiten. Anna Karenina gehört für mich zu diesen Büchern. Überhaupt sind es bei mir viele russische Erzähler, deren seelenvolle Geschichten und Romane mich begeistern. Wie schön, dass Du für den (guten) Lesestoff Deiner Enkel Sorge trägst. Aber nimm es nicht so tragisch, wenn sie heimlich mal etwas anderes lesen. In einer autobiografischen Geschichte vom großen Erzähler Siegfried Lenz hat er zugegeben, dass er als Halbwüchsiger auch profane Literatur verschlungen hat. Das muss wohl so sein. Und ganz lieben Dank für Dein schönes Lob, das mich heute in den Abend begleiten wird.

Liebe Grüße,
Annelie