SCHMERZEN

von Anna Rubin
Aus der Bibliothek

es ist ein Schmerz der anders ist als deiner.
des Morgens hebt nach tödlich heller Nacht
ein schwarzes Laken sich vom Bett empor.
Ich hüll mich darin ein. es reißt.
es ist ein Ton, als ob was schrie.
es ist ein Schmerz.
bitter schmeckt die Milch der weißen Geiß
die ich im Feuer molk mit wunden Händen
und schau: es liegt mein sanfter Hirsch
vor meiner Tür mit aufgeplatzter Brust
und weint, weil er nicht endlich sterben darf.
ich find das rechte Messer nicht für ihn im
ganzen Haus und laß das andre liegen

ich lud mir wen zu Gast der brachte
die langvermisste Sonne mit.
als ich einen Strahl liebkosen wollte
stach er mir den Strahl als eine kalte
Lanze in den Hals und tanzte lachend fort
in blanken Schnabelschuhn. ich stürzte rücklings
um und blutete ins schwarze Laken.
das war ein Schmerz.

des Abends schlägt der Hausherr an das
Haus und will des Pachtzins holen.
ich hab ihn nicht. ich war ein schlechter Pächter.
stattdessen zeig ich ihm das schwarze Laken.
die Sanftmut meines schönen Waldgeschöpfes.
die Reinheit meiner weißen Geiß.
den Lanzenstrahl.
der Hausherr sagt: ich weiß, es ist ein Schmerz
den kennen nur wir zwei: der Hausherr und der
Pächter. es ist ein Schmerz im Haus.
es ist ein Haus das schmerzt.

Veröffentlicht / Quelle: 
SILHOUETTE LITERATUR-INTERNATIONAL No. 21 1984
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Kommentare

23. Feb 2017

Starker Text von dir, der sehr bitter schmeckt.
Das leben brütet Dino-Eier vom Tyranno Saurus REX.

Jaja.
Alles Gute
Heinz

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