„2 Gesichter“ – Januar-Gedicht der Künstlergruppe 14 Zoll

von Sigrid Hartmann
Mitglied

Janus

Der Morgen ergibt sich dem Tage,
der Tag zerfließt und wird zur Nacht.
Im Anfang ist längst schon das Ende,
vom göttlichen Wesen bewacht.

Vergangnes ist ihm nicht verborgen,
er sieht, was noch nicht geschehen.
Zwei Gesichter – zum Abend, zum Morgen,
lassen ihn Gegensätze verstehen.

Schwingt das Pendel vom Lichte zum Schatten,
ist das Eine dem Anderen gleich.
Gut und Böse, wer mag es benennen,
manches Übel begann segensreich.

Stille erst lässt die Töne erklingen,
ohne Dunkel verliert sich das Licht.
Yin und Yang, eng verbunden, erschaffen
einen Kreis, geb'n dem Leben Gewicht.

Gestern war – doch es ist nicht vergessen,
durch die Tür, die von Janus bewacht,
treten wir durch das Heute ins Morgen,
unsere Schritte, sie seien wohlbedacht.

© Sigrid Hartmann

Realitätsgerecht

Mir träumte, ich sei ganz zufrieden,
bei all dem Wohlgefühl hinieden,
alles sei gut, man käm zurecht,
weil jeder ist, wie’s jeder möcht’.

Doch plötzlich – ich erinner mich –,
da wurde alles fürchterlich:
Da waren Fratzen um mich her
und ich erkannte gar nichts mehr –

ein Gruselfilm vom Haun und Stechen,
die Welt ging unter vor Gebrechen,
ein Bosch-Gemälde, sehr apart,
von seiner grauenvollsten Art,

und mittendrin ich, angekettet ...
Ich wurde wach – und war gerettet
vor Wohlgefühl und Höllenqual!
Zurück im Leben, ganz normal!

Denn jeder hier betrügt doch jeden.
Hier kann man doppelzüngig reden,
Regierende bauen nur Scheiß,
doch das ist gut, weil’s jeder weiß!

Das kennt man schon, das ist nicht neu,
die bleiben sich doch weltweit treu ...
auch Terror, Angst, Hunger und Krieg ...
gewöhnlich ... weil’s Gewohnheit blieb.

Man muss sich gar nicht umgewöhnen,
halt Alltag ... voller Alltagsszenen ...
Die Welt ist gut, denn sie ist schlecht.
Das ist realitätsgerecht.

© noé/2018

ZWEIGE-SICHTER

Mann! SIE quasseln einen STUSS! –
JANUS ist eine DOOFE NUSS! –
Mensch! Dann ziehen Sie doch Leine! –
GEHT ja nicht! Habe keine BEINE ... –

Wie ist DAS wohl bei Siamesen? –
ICH bin beim Zirkus nie gewesen ... –
Kerl! Sie erzählen reinen Schrott! –
Denkste! ICH bin AUCH ein GOTT! –

Kennen Sie eigentlich „Doppelkopf“?! –
Wahnsinnig witzig! Wirrer Tropf ... –
„Das ZWEITE GESICHT“ – MIR sagt das was! –
Bestimmt vom SAUFEN! SIE sind krass ... –

WANN werd ich SIE endlich los?! –
CHIRURGIE! Sag ich da bloß ... –
JETZT ist aber wirklich SCHLUSS! –
KLAPPE HALTEN! Gruß NEENUS …

( © Axel C. Englert)

Zwei Gesichter

Heute zeigtest du uns ein gutes Herz,
wenig später bereitest du Schmerz.
Vor einer Stunde warst du liebevoll,
jetzt ist in dir nur bitterböser Groll.

Deine süße Maske schmolz dahin,
leider verstehe ich nicht den Sinn.
Dein böser Blick hat mich getroffen
und hat etwas in mir zerbrochen.

Dein Gesicht, so strahlend und wunderschön,
jetzt hassverzerrt, kaum mehr anzusehen.
Ich glaube, du bist gar ein armer Tropf
mit einem verstörenden Januskopf.

Es fallen noch viele auf dich herein,
doch eines Tages wirst du einsam sein.
Glaube mir, mit deinem zweiten Gesicht
blendest du die Menschen auf Dauer nicht.

© Angélique Duvier/2018

Zwei Masken

Zwei Masken trägst du Janu(s)ar –
sie zeigen sich uns ganz verschieden ...
die eine blickt ins alte Jahr,
die andre will das Glück neu schmieden.

Du lächelst uns jäh ins Gesicht?
Und hintenrum bist du in Trauer?
Im Ganzen scheinst du nicht ganz dicht.
Was an dir ist dennnun von Dauer?

Mit Wehmut blicke nie nach vorn!
Lach nie, wenn die Vergangenheit
dir zeigt, wie sich des Schicksals Zorn
sich an dir labt, in Schmerz und Leid!

Und flüchte nicht, in Falschheit nur,
indem du maskenhaft verfährst –
sei lieber ehrlich von Natur,
wenn du dich gegen Gangster wehrst.

Doch halt: Die List sei dir erlaubt,
sobald, frech, Lügen dich umstellen,
sobald man dir, grob, die Freiheit raubt ...
Das klügste Urteil sollst du fällen!

Der Janus stellt bereits den Karneval
des wilden Lebens, schonungslos,
zu jeder Zeit, auf jeden Fall
symbolisch, klaren Blicken bloß ...

Und drum ist er ja auch ein Gott!
Weil er uns stets vor Augen führt:
Die Wahrheit scheitert im Komplott!
Wohl dem der sie beizeit aufspürt.

Der eine trickst dich fröhlich aus,
der andre weint, wenn es mal kracht!
Mal siehst du Schrecken, o du Graus!
Manchmal ist uns ein Sinn erbracht!

Lieber Janus, komm, und dann irritiere
uns nicht allein im Monat Januar!
Mach uns fit für die Turniere,
die uns noch blühn, das ganze Jahr!

© Alf Glocker

Neuigkeiten zum Januar
(bzw. dessen Namensgeber „Janus")

Achtung! Etwas von Interesse!
Ich las – vielleicht war's Lügenpresse (?) –
von altem Wissen, das gefällt –
stammt es doch aus der Götterwelt!

Man schrieb, als Janus ward geboren
(der mit „two faces" und vier Ohren),
war seine Mutter sehr beglückt,
da solch Exotik arg entzückt –

zumindest in der Götterwelt,
die viel von dem Speziellen hält.
Jedoch, Ernüchterung kam schon,
als sie behutsam nahm den Sohn

und ihn von vorn begann zu stillen.
Da war er hinten laut am brüllen!
Mutter Entoria erblasste,
da sie solch Missverhalten hasste.

Die zwei Gesichter – ein Problem
von großem Ausmaß, unbequem!
Wie sollte sie ihr Söhnchen betten?
Erstickungsanfall hinten – wetten (?),

darum stets seitlich – doch sein Nacken!? ...
Würd' der nicht bald arthrotisch knacken?
Man weiß nicht, wie. Man weiß nur, dass,
sie sorgte sich ohn Unterlass,

und dass er, Janus – als erwachsen
– sein „Doppelding" erkor für Faxen:
Wenn seine Schultern „sie" massierte,
er frech ihr in den Ausschnitt stierte

und währenddessen vorn (gescheit!),
besang die Tugendhaftigkeit ...
Erstaunlich, dass die Römer DEM
Verehrung zollten! (Weil's bequem?) ...

© Corinna Herntier

Interne Verweise

Kommentare

15. Jan 2019

Jedes einzelne Gedicht ein Juwel, überaus lesenswert und bereichernd, danke Euch allen!!!

Liebe Grüße - Marie

20. Jan 2019

Sehr schöne Zusammenstellung, habe ich gern und mit großem Interesse gelesen.

Herzliche Grüße, Susanna