Mein Käthchen

von Willi Grigor
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Ich sah ein schönes Mädchen
in einem Bus, es las.
Ich taufte es "mein Käthchen".
Warum? Ich es vergaß.

Ich stand und sah von oben
auf helles Engelshaar.
Ich fühlte stark mein Toben
im Herz von fünfzehn Jahr.

Sie zeigte mir ein Lächeln,
es traf sich unser Blick.
Sie stieg bald ab, in Hecheln,
mit ihr mein erstes Glück.

Ich sah nie mehr das Mädchen.
(Und ich nahm oft den Bus.)
Ich dachte an mein Käthchen
mit Sehnsucht und Verdruss.

Es gingen viele Jahre,
ich habe viel erlebt.
Jetzt zeugen weiße Haare:
Ich habe lang gelebt.

Und heut, mein eignes "Mädchen",
hat auch eins, ihrerseits.
Vergessen war mein Käthchen,
doch fast nur, andrerseits.

Ein Kummer ist das Lesen,
die Augen sind halb blind.
Doch hilft ein holdes Wesen:
Mein junges Enkelkind.

Es war wie mit dem Käthchen,
das ich ja fast vergaß:
Ein junges, hübsches Mädchen
dicht vor mir saß und las.

© Willi Grigor, 2016
Aus dem Leben

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Kommentare

08. Sep 2017

Lieber Willi, ein schönes Gedicht. Du solltest dich mal in Heilbronn umhören. Der von Kleist hat die gekannt. Möglicherweise findest du dein Käthchen dort wieder - etwas älter allerdings als früher.

Liebe Grüße,
Annelie

09. Sep 2017

Liebe Annelie,
es freut mich, dass du es gefunden hast.
Ich freute mich auch im Januar 2016, als es zu mir kam. Es ist zwar nicht biografisch, aber ich stellte mir beim Schreiben dennoch vor, dass meine (damals knapp 4 Jahre alte) Enkelin ihrem Opa etwas vorlas.

Ich wünsche dir ein frohes Wochenende
Willi