Lied für Jerusalem (Jeruschaljim)

von Annelie Kelch
Mitglied

1.
Morgens um vier: Dein Schlaf ist so tief, dass
Vögel darüber spazieren und tirillieren könnten,
ohne dich aufzuwecken ...

Doch dann heult der Wind vor deinem Fenster -
und du schlägst die Augen auf.

Lichter flackern bedenkenlos -
das Buch auf deinem Nachttisch
springt auf und spielt kokett
mit mehreren Seiten.

Sobald der Sturm sich gelegt hat,
wirst du aufstehen; die Turmuhr schlägt fünf;
draußen ist es fast hell. - Du musst nach Jeruschaljim.

2.
Dein Lächeln besiegt alle Kriege.
Es ist ehrlicher als die Waage des
Krabbenhändlers am Hafen.

Tauben fressen dir aus der Hand,
Kinder lächeln unter Tränen, sobald du
in ihre Nähe kommst.

Wie einst Amphion durch den Klang seiner
Leier Steine bewegte und Theben erbaute,
erweckst du mit deiner Stimme Vertrauen.

3.
Das Morgenrot sammelt sich in deiner Wange.
Die Turmuhr schlägt sechs. Der Sturm hat sich
in die Strafprozessordnung geflüchtet.

Immer beharrst du auf deinem Recht -
Die Paragraphen gehen auf Zehenspitzen,
sobald wir müde sind und schlafen wollen.
Wir kommunizieren und duellieren uns verbal
und im steten Wechsel - wie Eros und Anteros.

4.
Der Sommer wird uns überraschen
wie ein warmherziges Gerichtsurteil.

In meinem Gehörgang versammeln sich unsere Küsse:
Ich höre den Regen nicht mehr. Jeden Morgen träumen
wir von Massenamnestien für gewaltlose Journalisten.

Wir verleihen unsere Namen an zahllose
Petitionen in der ganzen Welt.

5.
Unsere Hände sind frei von Gold und Silber.
Ich schlucke deine Pillen, du meine.
Unser Blut spielt verrückt, total meschugge.

Du streitest für humane Altersheime,
sich liebevoll und mit Herz kümmernd,
während ich für ehrliche Begräbnisse plädiere:
Ihr dürft uns an unseren Gräbern verfluchen,
was das Zeug hält.

Mein Herz geht stets vor dir auf Reisen
und empfängt dich in den Hotels dieser Welt
mit aktuellen Reiseführern und roten Rosen.

6.
Während du arbeitest, fahre ich mit dem Bus
durch Jeruschaljim und vergesse andauernd,
dass ich mich hier niemals für etwas bedanken darf.

Der Busfahrer drückt mir das Rückgeld in die Hand
und ich bedanke mich – abgelenkt von der faszinierenden
Stadt. Er schaut mich ganz merkwürdig an und fragt
auf Hebräisch: „Was willst du von mir?“ -

Ich liebe Jeruschaljim!

Quelle: pixabay
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Interne Verweise

Kommentare

21. Jun 2017

Dank, Axel, dir für deinen sanften, leisen Kommentar:
Ich leider noch nie an der Klagemauer war.
Da muss ich unbedingt mal hin - ja doch, ich müsste:
Wenn ich mich nur nicht gar fürn Holocaust so schämen tät ...
Zwar war ich damals längst noch nicht geboren,
hab dennoch Angst, mich fragt dort wer:
Was hast du Deutsche hier verloren ...?

LG Annelie

21. Jun 2017

Das ist unglaublich lebendig, voller Lebenscharme und Liebe geschrieben.
Ansteckend und als säße man mittendrin in alledem, mit der Autorin. So geht Schreiben unter die Haut.

Liebe Grüße

Mara

21. Jun 2017

Vielen Dank für dein wohltuendes Lob, liebe Mara.

Liebe Grüße zu dir aus Lübeck - leider nicht aus Jeruschaljim,
Annelie

21. Jun 2017

Liebe Mara, ich bin auf dem Sprung und möchte dir noch schnell antworten.
Ja, Lübeck ist auch wunderschön, und ich male mir gleich unterwegs aus, wo du wohnen könntest. Es gibt zig Möglichkeiten, die schönsten wären für mich Travemünde und Schwerin.

Liebe Grüße,
Annelie

21. Jun 2017

Liebe Annelie,
ein sehr schönes Gedicht. Es gibt hierzu bereits ein schönes Lied: Yeruschalajim, Jerusalem von gold von einer israelischen Sängerin, deren namen ich leider vergessen habe. Man schreibt es im Übrigen mit zwei kleinen a.

LG Ekki

21. Jun 2017

Danke, Ekki, für deinen interessanten Kommentar. Daliah Lavi hat dieses Lied gesungen. Sie ist am 03. Mai dieses Jahres leider in Amerika verstorben. Ihr Mann war oder ist (immer noch) Amerikaner. Ich habe das Wort "Jeruschaljim" so übernommen - aus einem Hebräisch-Lexikon als Lautschrift. Es ist ganz sicher auch richtig, wie du es oben geschrieben hast: Yeruschalajim; so steht es meines Erachtens auch als Liedtitel; aber ich wollte es nicht zu schwierig machen. Auch in Kreuzworträtseln wird es nicht zu schwierig gemacht; dort wird 'Jeruschaljim' gefordert. Man spricht es m.E. "Jeruschalaim", deshalb auch das zweite "a". Und danke auch für dein freundliches Lob.

Liebe Grüße,
Annelie

01. Jul 2017

Was für ein gefühlvolles Gemälde! Wunderschöne Wortbilder.

01. Jul 2017

Danke, noé; ich freue mich, dass dir das Gedicht gefallen hat. Leider ist Jerusalem nach Tel Aviv das teuerste Pflaster in Israel. Die jungen Leute dort haben oft zwei und mehr Jobs. Die Mieten sind kaum bezahlbar. Man soll dort mit einem mittleren Einkommen gerade so über die Runden kommen. Sonst wäre ich längst für ein, zwei Jahre nach Israel "gegangen". Es ist für mich nach Japan und China zur Zeit das faszinierenste Land auf der Welt. Allerdings mag ich Netanyahu nicht besonders und seine Frau noch weniger.

Liebe Grüße,
Annelie

05. Aug 2017

Dein Gedicht hat mich leise mit in die Stadt der Städte genommen, liebe Annelie und ich habe mich erinnert und mich in deinen Wortbildern wiedergefunden.... danke!

05. Aug 2017

Danke, liebe Barbara, für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass du Jerusalem die "Stadt aller Städte" nennst. - Gerade lese ich wieder einmal das Buch: "Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem ..." von Angelika Schrobsdorff - und es gefällt mir immer besser. Ich war leider noch nie dort, habe aber sehr viel über die Stadt gelesen und möchte in diesem Leben unbedingt wenigstens einmal nach dorthinfliegen.

Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende, auch dann, wenn du nicht gerade in Jerusalem sein solltest,
Annelie