Johann, der Taugenichts (oder: zu Hause bei Goethes)

Bild von Peter H Carlan
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Morgens ruht lang er im Garten,
Efeu rankt schon längst am Spaten.
Gilt es Feuerholz zu holen
hat er zuvor sich weggestohlen.
Und Muttchen denkt, was soll auf Erden
nur aus diesem Jungen werden.

Artig betet er bei Tische,
verschlingt Kartoffeln und zwei Fische,
genießt hernach die Mittagsruhe,
Muttchen putzt derweil die Schuhe,
die letztlich Johann putzen sollte
bevor er sich von dannen trollte.

Nachmittags hockt Johann froh
mit Nachbars Helena im Stroh,
wo er schamhaft und gesittet
dieselbe um ein Küsslein bittet,
während Muttchen Brotteig knetet
und für Johanns Seele betet.

Früh senkt sich das Abendrot
und gleich nach dem Vesperbrot
springt der arbeitsscheue Bube
die Stiegen hoch zu seiner Stube
und schreibt im schwachen Kerzenlichte
für die Liebste vier Gedichte.

Und Muttchen? Strümpfe stopft sie eildiweil,
sorgt sich um Johanns Seelenheil,
er sei ein Taugenichts, ein Tunichtgut,
der auf der faulen Haut nur ruht.

Sie steigt ihm nach, klopft leise an
und fragt, so streng sie´s eben kann,
da das Leben ihm nichts schenke,
wie er´s zu fristen wohl gedenke.

„Muttchen, Muttchen, ach, ich werde...“
mit übertriebener Gebärde
und mit stolzer Stimme spricht er:
„ ... einmal Deutschlands größter Dichter!“

2015

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