Zwischen den Welten

von Michael Jörchel
Mitglied

Die Zielgerade
eines langen Lebens vor den Augen.

Die letzten Meter
voller Schmerz und Entbehrungen.

Meter für Meter
kämpfe ich mich nach vorne.

Mit jedem Schritt
fühle ich wie meine Kräfte schwinden.

Am Rand stehen Menschen die mich anfeuern
damit ich weiter gehe.

Worte der Hilflosigkeit, Gesten der Verzweiflung.
Worte, um festzuhalten was zu entrinnen droht.
Worte, um der Sprachlosigkeit zu entfliehen.

„Alles wird gut.“ rufen sie mir zu
„Das Leben ist schön.“
„Du musst doch nur wollen.“

Nur wollen.
Will ich wirklich?

Sie sehen nicht mein Ziel,
sie fühlen nicht meinen Schmerz,
sie können sich nicht meine Angst vorstellen
die ich vor der Zukunft habe.

Eine Zukunft in Hilflosigkeit.
Ein Leben in Abhängigkeit.
Ohne Aussicht auf Besserung.

Ich habe Angst zu leben
aber auch Angst zu sterben.

© Michael Jörchel

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Kommentare

25. Mai 2019

Dann lebe jeden einzelnen Tag und konzentriere dich auf ihn. Es ist doch ganz egal was Morgen oder Übermorgen ist. Denn wenn du Kraft für jeden Tag neu aufbringst, gestaltet sich das Morgen ganz von alleine. Lass es doch einfach zu!
Im 13. Jahrhundert schrieb der Dichter Rumi:
Wohl endet Tod des Lebens Not, wohl schauert Leben vor dem Tod. Das Leben sieht die dunkle Hand, den hellen Kelch nicht den es bot.
LG Jürgen

25. Mai 2019

Danke, Jürgen, für die wohlwollenden Worte.
Ja, man sollte jeden Tag genießen soweit wie es möglich ist. Wenn ich manchmal mit Menschen rede, die nur noch von Maschinen am Leben gehalten und die Schmerzen nur mit Medikamenten gelindert werden können, Menschen, die bei alltäglichen Dingen, beim Essen und in hygienischen Angelegenheiten auf Hilfe angewiesen sind dann fehlen mir oftmals die Worte und ein "Genieße das Leben" klingt, für mich, in dieser Situation irgendwie zynisch. Was sagt man solchen Menschen, die nicht mehr in ein selbstbestimmtes Leben zurückkehren werden und dessen letzer Weg von Schmerzen und der Abhängigkeit von Anderen bestimmt wird? Genießen wir also die Zeit in der es uns noch möglich ist die Zeit zu genießen.

Liebe Grüße
Michael