Zwischen Roman und Kulturgeschichte: Bücher über Glücksspiel
Cihan Acars Roman „Casino" erschien am 17.Februar 2026 bei Hanser Berlin und wurde seither im Weser-Kurier, beim SWR, bei SRF und in „Wien live" besprochen. Ulli Schmitts „Die Ewige Wette", 572 Seiten zur Geschichte des Glücksspiels, kam im August 2026 über Books on Demand heraus.

Glücksspiel als Stoff für Literatur
Fjodor Dostojewski diktierte „Der Spieler" im Oktober 1866 in vier Wochen einer Stenografin, weil ein Verlagsvertrag ihn sonst die Rechte an seinen Werken gekostet hätte. Die Spielschulden, die ihn in diesen Vertrag getrieben hatten, waren echt. Seitdem gehört der Stoff zum Grundbestand. Einsatz, Wartezeit und Ergebnis passen in eine einzige Szene, und die Figur zeigt in dieser Szene mehr von sich als in hundert Seiten Alltag.
Ein Roman kann einen Spielhallenbetreiber an den Frühstückstisch setzen und ihn hören lassen, was seine Kinder über ihn denken. Eine Kulturgeschichte kann sagen, seit wann Spielhallen eine Konzession brauchen. In einem Band kommt beides selten vor, im Regal der Buchhandlung steht es meist nebeneinander.
Vom Würfelspiel zur digitalen Wette
Schmitts Buch steht im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek unter der Sachgruppe Sozialwissenschaften, Hardcover, 45 Euro. Die Verlagsbeschreibung kündigt Glücksritter des Mittelalters an, Würfel an Bord von Piratenschiffen, Könige, die ihr Reich verspielen, den Weg des Casino-Jetons vom Zählstein zum Chip mit Funkkennung, dazu Spielkarten, Glücksbringer und Horoskope. Zwischen Antike und Eurojackpot bleibt auf 572 Seiten viel Platz.
Der Schlussteil gilt Lotto, Sportwetten und dem Online-Geschäft, also dem Bereich, in dem Schmitts eigenes Portal zu Hause ist. Ulli Schmitt gibt nach eigenen Angaben ISA-GUIDE heraus, ein Portal, das seit 1998 über Casinos, Sportwetten, Lotterien und Spielerschutz berichtet.
Mit dem Online-Glücksspiel ist das Thema längst auch im digitalen Alltag angekommen. Im Netz finden sich zahlreiche Informationsseiten, die sich mit Anbietern und unterschiedlichen Formen des Glücksspiels beschäftigen. Dazu gehören auch Portale wie Casino.org mit Übersichten unter Bezeichnungen wie beste Online Casinos. Solche Einordnungen stellen jedoch keine behördliche Bewertung dar. Ob ein Glücksspielangebot in Deutschland erlaubt ist, ergibt sich aus der jeweiligen staatlichen Erlaubnis
Schmitt zufolge ordne die lange Linie, was heute als Einzeldebatte geführt werde, die Hoffnung auf den großen Gewinn, den Umgang mit dem Risiko, den Schutz vor Sucht, und jede Epoche habe dieselben Fragen mit anderen Mitteln beantwortet. Das mag stimmen. Nur schreibt hier über Spielerschutz jemand, der ein Branchenportal betreibt, und ein Lektorat hat den Text nicht geprüft, Books on Demand ist ein Selbstverlagsdienst.
Der Casino Roman als Sozialporträt
Cumali Karagöz, genannt Cuma, betreibt in Steinheim, einer erfundenen Kleinstadt im deutschen Südwesten, ein Glücksspielunternehmen und wohnt in einem Anwesen mit Pool und Heimkino. Seine Frau Hannah hätte gern etwas anderes zu tun als den Haushalt. Die Tochter Zaha hält den Vater für unfehlbar, der Sohn Ediz leidet an einer sozialen Phobie.
Dann kündigt Cuma ein großes Casino mit neuem Konzept an, mitten in der Stadt.
Die Stimmung kippt, die Familie steht am Pranger, und der Eröffnungsabend mit Mike Tyson als Stargast wird zum Höhepunkt des 216 Seiten kurzen Buchs. Acar, Jahrgang 1986, studierter Jurist aus der Gegend um Heilbronn, hatte mit „Hawaii" 2020 den Thaddäus-Troll-Preis bekommen. Das Debüt erzählte von einem gescheiterten Fußballprofi und spielte in Heilbronn. „Casino" verteilt die Kapitel auf die Familie, jeder Abschnitt gehört einer anderen Figur.
Misstrauen prägt die gesellschaftliche Lektüre
Felix Münger hat den Roman am 13. Juli 2026 für SRF Kultur besprochen und liest ihn als Sozialstudie über die Erfahrung, im Abseits zu stehen. Der Ausgangspunkt liegt Jahre zurück. Cumas damaliger Chef hatte ihn entlassen, im Raum stand der Vorwurf, Cuma habe über zehntausend Euro aus der Firma genommen. Später wurden der Chef und dessen Frau ermordet. Cuma kam vor Gericht und wurde freigesprochen, aus Mangel an Beweisen. Für viele in Steinheim ist er seitdem der Täter.
Münger schreibt, der Roman sei kein Krimi, die Tat werde bis zum Schluss nicht aufgeklärt, die Spannung entstehe aus der Beobachtung, wie sich der Verdacht verselbständige. Ein Unbekannter bittet Cuma um Hilfe in einer dubiosen Angelegenheit, als wäre er ein Pate. Im Freibad nennt eine Fremde Hannah die Mörderfrau. Wenn die Stadt einen Bösewicht und den asozialen Türken wolle, sagt Cuma an einer Stelle trotzig, dann solle sie ihn bekommen.
Ein Mann mit türkischen Wurzeln, der sein Casino-Geschäft ausbaut, sehr reich ist und in einer Villa wohnt, passt nach Müngers Lesart in ein latent rassistisches Deutungsmuster, das aus ihm einen Mafioso macht. Spielhallengeld gilt vielen ohnehin als anrüchig. Der Ruf verstärkt den Verdacht, und die Zweifel greifen auf die Familie über: Ediz bekommt Panikattacken, Zaha sucht Abstand. Wer vom modernen Kriminalroman die Aufklärung auf der letzten Seite gewohnt ist, wartet hier vergeblich.
Lesekriterien für unterschiedliche Buchtypen
Schmitts Band eignet sich zum Nachschlagen, Kapitel für Kapitel, mit dem Wissen um den Absender im Hinterkopf; Register oder Quellenverzeichnis nennt die Verlagsbeschreibung nicht. Acars Roman verlangt die Lektüre am Stück und gibt dafür etwas, was keine Chronik liefern kann: die Sicht der Tochter, des Sohnes und der Ehefrau auf dasselbe Vermögen. Wer beide liest, kann an Acars wechselnder Erzählperspektive prüfen, wie sehr die Bewertung eines Spielhallenvermögens davon abhängt, wer gerade erzählt.
Acar las am 30. September 2026 um 19 Uhr in der Stadtbibliothek Stuttgart am Mailänder Platz, im Gespräch mit Franziska Gänsler. Für Schmitts Buch ist kein Lesungstermin angekündigt.




