Gessica Thatchers Albtraum

Nach einem längeren Besuch auf den Äolischen Inseln, wo sie 15 bestialische Morde an jungen Kadetten aufgeklärt hatte, erhält Gessica Beatrix MacGillian Thatcher eine geheimnisvolle Einladung der Gräfin Ekely, die sie knapp fünfzig Jahre (!) nicht mehr gesehen hatte, vier bis sechs Wochen auf dem gewaltigen Gut Engelhaugen in Løten zu verbringen. Løten ist eine norwegische Kommune im Fylke Innlandet. Sie grenzt im Westen an Hamar, im Norden an Åmot, im Osten an Elverum, im Südosten an Våler und im Südwesten an Stange. Am 28. Februar 2020 lebten 7674 Menschen in der Gemeinde. Ihr 1591. Buch hatte Gessica gerade beendet, es hieß „Meuchelmord in Meuselwitz“. Sie hatte gute 4 Monate zu Recherchezwecken im Altenburger Land in Thüringen verbracht. Jetzt freute sie sich auf eine kleine Auszeit in Irland. Sie hatte vor, Kilcleer zu besuchen, ihren Neffen Grady und die Familie ihres verstorbenen und unvergessenen Mannes Frank. Da erreichte sie nun die Einladung der Gräfin Ekely.

Sie sagte gerne zu. Wer kann einer Gräfin schon etwas abschlagen? Endlich würden sie sich wiedersehen. Nach fast 50 unfassbar langen Jahren.

Als sie gerade erst ihre 39 Koffer und 14 Taschen ausgepackt hatte, wußte, zu ihrer Überraschung, die Gräfin Ekely eine Ankündigung zu machen. Sie stellte nun ihren Verlobten vor, den 77jährigen Sir Jonathan B. Ridingcrop. Gessica wurde leichenblaß und erinnerte sich sofort an diesen Mann, der grausam lächelnd neben der Gräfin stand, die wiederum Gessica ganz genau musterte, um die Reaktion von ihrem Gesicht exakt ablesen zu können. Gessica hatte mit eben diesem Sir Jonathan Ridingcrop, vor ziemlich genau fünfzig Jahren, in Aasgaardstrand (Oslofjord) einen ausgedehnten Spaziergang, kurz nach Mitternacht, unternommen. Damals musste sie sich entscheiden: Frank, Jonathan oder dem Rennfahrer Bob Anderson, wem würde sie ihr Herz und die Liebe schenken wollen? Wen würde sie heiraten? 1970 entschied sie sich, an jenem Aasgaardstrand, noch während des ausgedehnten Spaziergangs mit dem späteren Sir Jonathan, klar und deutlich für Frank Thatcher. Und sie hatte diese Entscheidung auch nie bereut. Rennfahrer leben gefährlich. Und der adrette, nette 27jährige schmucke Leutnant Jonathan Ridingcrop lebte nicht minder gefährlich. Wusste man denn, welche Kriege dem Vereinigten Königreich noch bevorstünden? Und tatsächlich, keine 12 Jahre nach diesem Ereignis fand der Falklandkrieg statt, der vom April bis Juni 1982 andauerte und in welchem auch Sir Ridingcrop eine sicherlich nicht unerhebliche Rolle spielen sollte. Sie entschied sich für Frank, den Gemüse-Großhändler, den guten alten Frank. Verlässlich, still und ernsthaft. Gemüsehändler, das verspricht ein langes, sorgenfreies Leben. Ihre Liebe jedoch gehörte einem gänzlich anderen: Dem britischen MI6-Geheimagenten Michael Hagarty. Doch das wusste nur Gessica, sonst keiner auf diesem Planeten. Verborgen und tief im Herzen vergraben wucherte diese große Liebe, ohne jede Hoffnung auf Erlösung und Erfüllung.

Triumphierend schaute Sir Jonathan Gessica Thatcher an. Nahezu verwegen und unverschämt grinsend schaute die Gräfin auf den Gast. Diese Überraschung war geglückt. Das hatte gesessen. „Da ist sicher Gesprächsbedarf“, sprach kokett die Gräfin, ließ Jonathan mit Gessica allein. „Der guten alten Zeiten wegen, was denkst du, Gessica Thatcher, möchtest du erneut mit mir am Aasgaardstrand spazieren gehen?“ Die berühmte Krimi-Autorin sagte zu. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, einer Posse aufgesessen zu sein, als eine Art Marionette einer schlechten Inszenierung beizuwohnen, die ureigentlich nur für sie aufgeführt worden zu sein schien. Eine Farce.

Etwas pikiert stellte Gessica fest, dass Sir Jonathan zum Spaziergang am Oslofjord seinen alten Säbel des Reserve-Oberstleutnants an der Seite trug, auch hatte dieser eitle Mensch doch tatsächlich alle Orden und Ehrenabzeichen an der Uniform, die er im Laufe seiner so langen Karriere in den British Armed Forces verliehen bekommen hatte. Wollte er Eindruck schinden? „Sieh her, was dir damals entgangen ist, Gessica Thatcher!“ Ein später Triumph, weil sie sich falsch entschieden haben könnte? Einige Menschen am Aasgaardstrand berichteten später, man habe das ältere Pärchen dort beobachtet. Es sei anscheinend wohl in hitzige Gespräche verwickelt gewesen. Auch sei es „arg laut geworden“, man habe aber nur vereinzelte Satzfetzen in einer fremden Sprache hören können, die man jedoch nicht verstand. Aber möglicherweise sei es Englisch gewesen.

Offensichtlich hätten sich die beiden Alten stark echauffiert, die Gestik sei ausladend gewesen. Man habe all das als drohendes Gefuchtele wahrgenommen. Ohne Zweifel sei dort ein gewaltiger Streit, mindestens jedoch eine Meinungsverschiedenheit sehr deutlich zum Tragen gekommen. Immer wieder habe es „Schaddab“ geheißen. Dies wurde später von der örtlichen Polizeibehörde als „shut up!“ interpretiert. Dieses sehr aggressive Gebaren beider, das offensichtlich hitzige Gespräch, alle Zeugen kamen übereinstimmend zur Ansicht, dass wohl ein lautstarker Streit stattgefunden haben musste.

Nach dem langen Spaziergang hatte Gessica sich sinnlos betrunken und war in ihr norwegisches Bett geflüchtet. Dort überließ sie sich der Scham, der Trauer und der vollständigen Trunkenheit. Erst gegen 14 Uhr am anderen Tag wurde sie durch ein Poltern und Lärmen geweckt. Mühsam entstieg sie dem Bett. Im Nachthemd schob sie sich tapsend aus dem Zimmer. „Was zum Teufel ist denn los?“ rief sie, sich den Kopf haltend. Solch einen tosenden Kopfschmerz hatte sie noch nie verspürt.

Eine Bedienstete der Gräfin Ekely raunte ihr zu, der Verlobte der Gräfin, dieser Sir Jonathan, sei enthauptet und sein Rumpf entweiht worden, wie die örtliche Polizei zu berichten wusste. Ein grauenhafter Mord, unten am Aasgaardstrand. Wie konnte es denn hier, in dieser wundervollen und bislang stets friedlich gebliebenen Grafschaft Hedmark nur so etwas geben? Mord? Enthauptung? Schändung der Leiche? Solch groteske Auswüchse der modernen Gesellschaft mag es in den USA geben, aber hier, in diesem Teil Norwegens? Unmöglich. Nicht zu glauben.

Die Augen Aller richteten sich auf Gessica Thatcher. Mit ihrem Auftauchen hat auch der Mord Einzug gehalten auf dem Gut Engelhaugen in Løten. Gessica räusperte sich. Sie war extrem durstig. Sie hätte jetzt wie ein Kamel in nur 15 Minuten 200 l Wasser trinken können. Aber keiner brachte ihr das ersehnte Nass. Misstrauen in allen Gesichtern. Ist Gessica Thatcher nicht die letzte Person gewesen, mit der Sir Jonathan lebend gesehen worden war? Und wurde Sir Jonathan nicht mit seinem eigenen Säbel getötet? Würde Thatcher eine solche Waffe bedienen können? Und könnte Gessica den Mord also aus Vergeltungssucht begangen haben? Weil ihr die Gräfin den einstmals von ihr jäh Verschmähten jetzt vor der Nase weggeschnappt hatte? Immer wieder „JA!“. Motiv, Gelegenheit und die Zeit dafür, all das hatte die Krimi-Autorin in jedem Falle aufzubieten.

Als einzig Verdächtige wird Gessica Beatrix MacGillian Thatcher verhaftet und dann auch angeklagt. Auf dem Säbel konnten ihre Fingerabdrücke gesichert werden. Was will man denn noch für Beweise haben? Ein Zeugenpaar glaubte, gehört zu haben: „Nun fass ihn doch mal an, Gessica! Nur zu, trau dich. Wie groß und mächtig er ist, nicht wahr? Jaaa, fühlst du das? Das ist doch mal ein richtig imposanter Anblick, richtig, ja? Meine Waffe! Damit kann ich jederzeit großen Eindruck hinterlassen! Damit lege ich Ehre ein! Das ist doch mal ein Säbel... Soll ich ihn vielleicht mal ganz langsam herausziehen und dann wieder mit Wucht zurück in die Scheide stecken? Soll ich?“

Thatcher beeilte sich zu versichern, dies habe dem Säbel gegolten... Sie habe ihn ja dann auch angefasst. Das streite sie auch keineswegs ab, eine sexuelle Komponente habe es da aber nicht gegeben. Dies werde „hineininterpretiert“ und sei abwegig. Ja, völlig abwegig. Ob man damit einen Kopf vom Rumpf trennen könne, fragte dann der Staatsanwalt den Gerichtsmediziner. „Aber freilich“, beeilte sich der zu sagen, „leicht sogar. Sir Ridingcrop hatte stets zu betonen gewusst, sein Säbel sei scharf und auch jederzeit einsetzbar gewesen...“

Bei 78 kg Lebendgewicht wurde der berühmten Krimi-Autorin zugestanden, diesen Säbel nicht nur schwingen zu können, nein, ihn auch zum Zweck der Enthauptung gegen den eher schmächtigen Sir Jonathan hätte führen können. Ein Alibi konnte Gessica nicht vorweisen für den mutmaßlichen Tatzeitpunkt. Zudem versuchte die Gräfin wirklich alles, um Thatcher in einem denkbar schlechten Licht darzustellen.

„Bei fast 420 aufgeklärten Morden in aller Welt, ist es denn da nicht auch denkbar, dass diese umtriebige Autorin den einen oder anderen Mord nicht vielleicht auch aus Gier nach Ruhm und Anerkennung selbst ausführte? Nein? Wer kennt sich bestens aus mit Gift, Waffen aller Art und deren Nutzung? Wer weiß Alles über Substanzen wie Kaliumcyanid, Gifte, gewonnen aus Seidelbast, Eibe, Herbstzeitlose, Goldregen, Tollkirsche, Pfaffenhütchen und Blauer Eisenhut? Wer schießt gut und weiß mit allen Waffen einer Frau bestens umzugehen? Wer schwingt den Säbel vortrefflich? Kann auch Degenfechten und hat Ahnung vom Florettfechten? Und wer kennt sich mit den Stichwaffen gut aus? Dolche, Messer aller Art und Schwerter? Ob ein Stilett oder ein Springmesser, Gessica Thatcher ist firm in allem. Wie ein Brandstifter, der bei der Feuerwehr arbeitet, so geht sie vor. Mordet selbst, ist als Erste am Tatort, findet den einen oder anderen Clue, der dann letztlich auf einen gänzlich anderen, unschuldigen Menschen deutet. Ich möchte nicht wissen, wieviele Unschuldige hinter Gittern sitzen müssen. Opfer einer gewissenlosen Meuchelmörderin namens Gessica Thatcher!“ In Hamar, wo der Aufsehen erregende Prozess gegen die berühmte Autorin stattfand, ging ein Raunen durch die Zuschauer und Geschworenen. Gessica biss sich auf die Unterlippe. Diese Gräfin... So ein Luder. Gibt es eine Verlobten-Witwe? Sie wünschte sich sehr, der Säbel-Mörder hätte auch die 75jährige Verlobte enthauptet.

Schließlich wurde extra für die seit 2014 verfassungsmäßig verbotene Dødsstraff in Norwegen eine Verfassungsänderung erwirkt. Nur für die nunmehr verurteilte Mörderin G. Thatcher. Die Todesstrafe wurde, nur in diesem Fall, verhängt und am 03.09.2020 in Skøyen, einem Stadtteil von Oslo, vollstreckt. Thatcher wurde durch die Garrottierung hingerichtet. Gleich danach wurde die Verfassung wieder geändert. Die Todesstrafe wurde verfassungsmäßig verboten, für alle Zeiten. Auf dem Gemeindefriedhof dort in Skøyen findet man, abseits der Gräber der Bürger, eine unansehnliche kleine Stelle. Hier werden niemals Blumen abgelegt, hier steht nie ein Mensch, um zu trauern. Es ist das Grab der einstmals so schillernd-berühmten Krimi-Autorin Gessica Beatrix L. MacGillian Thatcher, dort ist zu lesen: „Thatcher, G., 22.07.1945 - 03.09.2020. Tod durch die Garrotte. Gott mag sich ihrer armen, aber teuflischen Seele annehmen!“

Wer dieses schlichte Grab gestiftet hatte, fragen Sie? Die Gräfin Ekely, die sich des armen Sir Jonathan nur bedient hatte. Sie wollte Gessica Thatcher vernichten. Und das war ihr auch geglückt. Jonathan nannte sie einen Kollateralschaden. Warum, fragen Sie? Warum dieser Mord an zwei Menschen, an völlig unschuldigen Menschen? Gräfin Ekely hatte Frank Thatcher mehr geliebt als ihr eigenes Leben. Sie hatte mit dem Gemüse-Großhändler für alle Zeiten glücklich leben wollen. Und dann kam diese glubschäugige Gessica Thatcher daher... Sie hatte ihr Frank ausgespannt. Und das hatte die Gräfin niemals verwunden, nie vergessen. Es gibt keine schlimmere als die Rache einer verschmähten Frau. Sie hatte Frank nicht haben können. Gut. Über 50 Jahre ist Zeit gewesen, einen sorgfältigen Plan zu erarbeiten. Und den hatte die Gräfin umgesetzt, minutiös ausgeführt. Sie rieb sich vergnügt die Hände. Jetzt würde sie einen Mr. Hagarty heiraten.

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