Eben deshalb

von Monika Laakes
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Weißt du noch, wie du mich damals angesehen hast, bevor du gingst? Ich hatte es nicht begriffen. Wenn ich ehrlich sein soll, versteh ich’s bis heute nicht.
Ach, wie du jetzt aussiehst. Du bist so dünn geworden und deine Augen... Nun, was red’ ich nur. Es sind ja inzwischen zehn Jahre vergangen und natürlich haben wir uns verändert.
Aber dein Lächeln ist so, wie damals. Mir krochen jedesmal tausende von Ameisen den Rücken rauf und runter, wenn deine Augen auf die Hälfte zu schrumpfen schienen. Und je kleiner sie wurden, desto mehr glänzten sie. Ich habe immer gestaunt, wie sich die Proportionen deines Gesichtes verändern konnten. Ich gerate richtig ins Schwärmen, wenn ich an damals denke. Nur heute gibt’s auf meinem Rücken keine Ameisen mehr.
Na ja, schon gut. He du, wie du mir heute über den Weg gelaufen bist, kann das ein Zufall sein? Ich wollt nur mal kurz in die Stadt. Und wen sehe ich vor der großen Uhr stehen? Vor unserer Uhr?
Dich!
Kann das ein Zufall sein?
Du, entschuldige, dass ich mich bei dir untergehakt habe, aber irgendwo muss ich mich ja schließlich festhalten. Du wirkst so steif und nervös. Hast du dich etwa inzwischen verheiratet? Zeig mal deine rechte Hand.
Ah, jetzt verstehe ich.
Was soll’s,. wir sind doch gute alte Freunde. Geh’n wir drüben in’s Café? Ich habe dir ja noch so viel zu erzählen. Warte bitte mal, ich muss mir kurz meine Haare zusammenbinden. Der Wind macht mich ganz verrückt, er jagt mir ständig die Strähnen durchs Gesicht. So ist’s gut. Der Pferdeschwanz steht mir doch, wie? Das hattest du jedenfalls früher immer behauptet. Er passe zu meinem schmalen Gesicht und den blonden Haaren, so sagtest du damals.
Ach, sieh bitte nicht auf deine Uhr, es ist doch erst gegen acht und noch nicht einmal dunkel.
Wie ich mich freue, endlich mal wieder reden zu können. Glaube mir, das hat mir all die Zeit gefehlt.
Du warst ein wunderbarer Gesprächspartner. Die Männer, die mir dann über den Weg liefen, oh je, frage mich bitte nicht danach.
Hör mal, vor kurzem habe ich noch einen Bericht über dich in einer Zeitung gelesen. Moment, welche Zeitung war’s denn nur? Ist ja egal, jedenfalls sollst du ein hervorragender Redner geworden sein. Bist in die Politik gegangen. Ich habe vielleicht gestaunt. Du und ein Redner! Davon habe ich nie etwas bemerkt. Du warst doch immer so still und aufmerksam. Das, gerade das habe ich so an dir geliebt. Und jetzt hat’s den Anschein, als wärest du immer noch so still. Wie kann man sich so in einem Menschen täuschen?
Sieh nur, das Café ist ganz leer. Sollen wir uns vorne ans Fenster setzen? Bald kann man sogar wieder draußen sitzen, so warm ist’s geworden.
Warum bleibst du denn plötzlich stehen? Und jetzt siehst du mich wieder so an, wie damals. Genau so hast du dreingeschaut. Was hat das zu bedeuten? Willst du etwa schon gehen? Du hast mir ja noch nichts von dir erzählt. Nun gut, ich möchte dich nicht festhalten. Doch eines muss ich noch wissen, warum bist du damals gegangen, wo ich doch immer so gut mir dir reden konnte?
Wie bitte? Sagtest du eben deshalb ????

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Interne Verweise

Kommentare

03. Apr 2016

Ein Monolog, der für sich spricht!
(Wahrscheinlich käm' zu Wort er nicht ...)

LG Axel

Alfred Mertens
03. Apr 2016

Irgendetwas bleib ja immer hängen, das die Frage aufwirft: WARUM
Und das will man auch unbedingt ergründen!
Nun ist es raus! Schlecht, wenn man nie zu Wort kam

Lg Alfred

04. Apr 2016

So ist es mit dem Segen der Geschwätzigkeit. Liebe Grüße an Willi und Alfred von Monika. Danke für Euer Interesse.

04. Apr 2016

Nicht immer kann man eine alte Liebe wieder aufwärmen. Schon gar nicht, wenn die Ameisen weg sind. Ein starker Monolog.

Liebe Grüße,
Susanna

05. Apr 2016

Danke für Deine Interpretation, für die Beachtung, liebe Susanna.
Frühlingsgrüße - trotz Regen - von Monika