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Sonne und Regen

Bild von Kush
Bibliothek

Die kleinen Tränentropfen, welche sich gegen seinen Willen befreit hatten und nun wie die Besucher eines Konzerts bei dem Öffnen der Türen, in immer größeren Ausmaß, sein Gesicht zu ihrem Territorium erklärten, trockneten sofort. Sein Blick war zu der Sonne gerichtet, welche ihm ihr gehässiges Grinsen entgegen brachte. Das harmonische Zwitschern der Vögel und der Geruch nach verbrannter Kohle erschienen ihm, wie eine gezielte Provokation. Die ganze Welt schien sich heute einen freien Tag der harmonischen Ruhe genommen zu haben. Nur ihn hatten sie anscheinend vergessen, als sie die Einladungen versandten.
Er wollte schreien, etwas zerstören oder am liebsten einen Schalter betätigen und Gedanken und Gefühle für wenigstens einen Moment in den Ruhezustand bringen.
Während ein leichter Windzug seine ungekämmten, wilden Haare streifte, tobte in seinem Kopf ein Sturm. Es fühlte sich an, wie ein Verrat und die Tatsache, dass sein Stolz anscheinend auf einen so dünnen Faden balancierte, dass ihn der Vorfall aus der Bahn hatte werfen können, kränkte ihn zusätzlich. „Versager“ war der Begriff mit dem er sich von nun an schmücken konnte, redete er sich mit so viel Nachdruck ein, dass ihm fast wieder die Tränen kamen. Doch er hatte sein Kostüm eh schon an. Die mit Blumen verzierte kurze Hose, welche ihm gerade so bis zu den Knien ging erschien ihm so unpassend wie sein weißes T-Shirt. Mit aller Gewissheit erklärte er den warmen Spätsommertag zu einem Brandfleck in dem sonst so strahlenden Manuskript seiner jugendlichen Dauerparty.

Plötzlich trübte sich der bislang wolkenlose Himmel und aus dem Windhauch erwuchsen immer heftigere Böen. Zu tief im Gestrüpp seiner Selbstzweifel versunken, erreichte ihn die unerwartete Veränderung der Wetterverhältnisse nicht wirklich. Doch während er sich immer stärker hineinsteigerte, entwickelte sich die Szenerie nach und nach zu einer anderen. Im Gegensatz zu den heiteren Gestalten, welche sich und ihren Besitz vor dem kommenden Regen schützen wollten blieb er sitzen.
Die Tore des Himmels öffneten sich und die Wassertropfen tanzten im freien Fall, bis sie den Boden und damit auch sein Gesicht erreichten. Noch vor wenigen Minuten benetzten salzige Tränen seine Haut, nun war es der warme Sommerregen. Für den Bruchteil einer Sekunde erschrak er bis sich der Knoten in seinem Kopf wie von Zauberhand löste und er sich dem Moment hingeben konnte. Gespannt beobachtete er die kleinen Soldaten, welche im Kollektiv, die Schlagkraft eines ganzes Heeres hatten. Immer mehr der Tropfen platzen bei ihrem Aufprall und stetig kamen kamen neue nach. Langsam bildeten sich kleine Pfützen und die Klamotten des Jungen waren nun völlig durchnässt.

Er würde es einfach erneut versuchen, sich verbessern und es erneut versuchen. Seine Wut wusch sich zusammen mit dem Dreck, welcher sein Fahrrad verzierte, mit Leichtigkeit ab. Alles war egal. Er akzeptierte die Umstände und beschloss es erneut zu versuchen.

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