Der große Gott

von Alf Glocker
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Ca. 14 Milliarden Jahre waren vergangen, alles hatte sich zur Zufriedenheit von sonst was entwickelt, als Gott bei einem Spaziergang durch die Schöpfung ins Grübeln kam. „Da stimmt doch was nicht!“, moserte er versonnen und vermondet in seinen imaginären Bart, der in keiner Wirklichkeit gar nicht existierte, sondern der Einbildung seiner Kinder entsprungen war. Denn Gott war kein Mann und keine Frau, er war nicht sächlich und nicht unsächlich, nicht wirklich und nicht unwirklich … er war nur Gott!

„Was kann das wohl sein?“, grübelte er nachdrücklich, kam aber nicht sofort, obwohl es für ihn gar kein „Sofort“ gab, weder drauf, noch drunter, ja nicht einmal drüber. Er hatte sich doch alles so schön oder unschön, je nach Betrachtungsweise vorgestellt … aber dassss konnte es doch auch nicht sein! Er musste lachen und beinahe hätte man ihn noch gehört, wenn er nicht vorher die Zeit mit einer Handbewegung – oder war es ein Augenzwinkern gewesen? – angehalten hätte. Sofort gefror jede Bewegung ein.

Nach menschlichen Begriffen mochten es vielleicht ein oder zwei Millionen Jahre gewesen sein, die die Zeit stillstand, aber die brauchte der Schöpfer des Himmels und der Erde, um zwischen den Ereignissen und den Personen hin und her zu scharwenzeln, um die Gedanken der Menschen und die Instinkte der Tiere zu analysieren, Beweggründe aufzuspüren und Irrtümern nachzufühlen. Dann atmete er laut und klatschte unhörbar in die Hände (unhörbar, weil die Zeit erst nach dem Klatschen wieder anlief).

Niemand hatte etwas bemerkt, denn unser „Bemerken“ findet ausschließlich innerhalb der Zeit statt und die verging ja ein oder zwei Millionen Jahre gar nicht. Nur wenige Menschen und Tiere hatten während dieser Nichtzeit eine Halluzination: Sie sahen sich selbst zwischen den Lebendigen herumschweben und sie konnten die Antriebe des Seins mit Händen greifen. Das war der Grund, warum sehr vereinzelt Schreie nach dem Wiederanlaufen der Zeit zu hören waren. Die Nicht-Schreienden registrierten dies irritiert.

Der große Gott, den man in einigen Teilen der Welt auch den „Lieben“ nannte, war jedoch um keinen Deut klüger geworden. Wie sollte er auch?! Etwas Klügeres als Gott konnte es ohnehin nicht geben. Zwar bildeten sich das etliche selbsternannte Propheten gelegentlich ein, worauf sie ausgemachten Schmonsens predigten, aber dabei handelte es sich leider nur um eine abgrundtiefe Illusion. Gott war der Klügste von allen – und Propheten brauchte er sowie so nicht! Das hatte sich nur noch nicht herumgesprochen …

Alles geschah nach Gottes ureigenem Willen: die Kontinentaldriften, die Vulkanausbrüche, die Kriege, die Epidemien, die heilsamen Fortschrittsideen (insofern es denn echte waren), die Stürme, die gesamte Entwicklung der Menschheitsgeschichte und andere Liebesgeschichten, so seltsam sie auch sein mochten, wie auch die Geburten und die sämtlichen Todesarten, die überhaupt vorkommen konnten. Dabei handelte es sich um eine Vielfalt der Möglichkeiten, die einfach nicht mehr zu übertreffen war?

Und darin, dahinter, davor, mittendrin, sollte ein grundsätzlicher Irrtum verborgen sein? Um Gottes willen! Alles ist möglich, nichts ist unmöglich – wie also sollte, bei der Beibehaltung alles Möglichen und keiner Unmöglichkeit – etwas ausgeschlossen sein? Und doch … nach der Entdeckung der Logik durch die Menschen und dem göttlichen Zwang, ihr direkt zuwider zu handeln, musste die Unlogik, der man schlecht zuwider handeln konnte, völlig aus dem Ruder gelaufen sein. Wieder sah sich Gott zu einer Handbewegung veranlasst.

Erneut stand die Zeit für einige Millionen Jahre still – und diesmal schlängelte sich der Geist des Universums sogar durch die einzelnen Nervenzellen seiner Geschöpfe, um dem Malstrom des Fehlerhaften auf den Grund zu kommen. „Circulus vitiosus!“, flüstere Gott, dessen Abbild sich auf den Synapsen spiegelte, wie eine Elster vor Quecksilber. Er sah sich in allem was kreuchte, fleuchte, sich zu Galaxien ballte, was donnernd in Wasserfällen dröhnte und brausend in Winden sang! Ein gewaltiges Orchester ging los!

Er durchkämmt schließlich die Gene und trieb sich zwischen den Hormonen herum – doch alles schien unzweifelhaft perfekt. So konnte er aber die Zeit nicht wieder angehen lassen. Erneut verstrichen, vergleichsweise, mehrere Millionen Jahre … und die Starre der Schöpfung begann ihn, den großen Gott, bereits zu langweilen, als es ihm wie Schuppen von den nichtvorhandenen Augen fiel: „Es ist die Liebe!!“, brüllte er, in die unendlichen Weiten hinein, die noch nie ein Mensch gesehen hatte, „die Liiiebe!“

Aus lauter perfektionierter Perfektion hatte er eine Form der Liebe entstehen lassen, die so gewaltig war, daß die von ihr Befallenen anfingen, sogar das Böse zu lieben! Ohne Ansehen der Person versuchte die göttlichste aller Lieben sich in sich selbst aufzulösen, so, daß keine Zukunft mehr daraus erwachsen konnte. Gottes liebste Lieblingsgeschöpfe, die Liebenden, waren gerade dabei, die Welt zu Tode zu lieben! Gott fasste sich entsetzt an seinen Keinenkopf, zupfte sich an seinem Keinembart. Dann musste er sich setzen …

„Nie und nimmer, oder auch jetzt und hier“, nuschelte er revisionistisch in seine 10 Dimensionen hinein – und zwar so laut, daß er von ausgesuchten Einzelpersonen gehört werden konnte –, „sollen es Liebende geschehen lassen, allein von der Liebe vernichtet zu werden!“ Dann klatschte er 2 x in die Hände und die Zeit lief, unter anderen Vorgaben, also neu programmiert, weiter, in eine auferstandene Zukunft hinein, die einfach nicht mehr (selbst für Gott) verkennbar war. Aber zum Glück hatte niemand etwas bemerkt.

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Kommentare

03. Dez 2018

Den Beifall kann ich gut gebrauchen,
da Götter mich sonst schlauchen...

LG Alf