Der C-Effekt

von Lothar Peppel
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Ich war noch nie so der kontaktfreudige Typ. Ich stand immer hinten. Und allein. Manchmal auch andersherum. Bei Konzerten. Wenn sie sich vorne wie die Heringe aneinander quetschten. Und Haut an Haut gepogt haben. Ja, klar. Geile Mucke. Aber warum sollte man dazu einander bespringen? Tschaikowski hat gewiss auch gute Musik gemacht. Aber da hüpft doch auch keiner im Takt. Nicht mal zu zweit. Deshalb gibts im Konzertsaal auch keine Springplätze. Nur Sitzplätze. Wenn im Konzertsaal mal einer aufspringt dann nur wenn er bemerkt, dass er sein Aphrodisiakum mit einem Laxativum verwechselt hat. Auch auf dem Schulhof stand ich oft allein. Wenn ich zu spät kam. Aber auch sonst. Gabs Physik, Deutsch, Klassenkeile oder Spinat mit Ei, so wählte ich stets die Isolation. Wie gesagt: ich stand immer hinten. Und allein. Überflüssige Nähe abseits von empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen fand sich nie auf meiner To-Do-Liste. Gäbs keinen Postversand, hätte ich wahrscheinlich nicht mal eine Frau. Denn ganz hinten sind Frauen nicht so dicht gestreut. Siehe Sommerschlussverkauf. Oder Winterschlussverkauf. Wie du gerade Zeit hast. Worauf ich aber wirklich hinaus will ist, dass der coronabedingte Abstand von vorgeschriebenen 1,5 bis 2 Metern mich nicht weiter unglücklich macht. Denn ich war schon immer auf Abstand. Umarmungen. Ausgiebiges Gratulieren zu Geburtstagstagen. Oder Beerdigungen. Das Übereinanderwerfen von Leibern nach dem Erzielen eines Tores. Dies alles war mir nie geheuer. Selbst nachdem in mir die Sexualität “Guten Tach!” gesagt hatte. Nicht, dass nicht mal gern die Rouladennadel ins Fleisch stecke. Aber alles, was über hormonell bedingte Nähe hinausgeht, geht an mir vorbei. Für mich ist soziale Isolation somit doch keine Strafe. Eine bequeme Couch. Eine respektable Hifi-Anlage. Eine Wand bestückt mit guten Büchern. Internet mit gratis Pornhub. Und im Keller vier, fünf Regale mit gutem Rotwein. Das kriegste doch alleine hin! Das bisschen Leben! Welch grauenvolle Vorstellung: man liegt auf dem bequemen Sofa, vor sich ein randvoll gefülltes Glas Cabernet Sauvignon, auf dem Tisch ein Laptop auf welchem gerade ein Filmchen namens “Stiefschwester kam übers Wochenende!” läuft, und wie man gerade die Hand in der Unterhose positioniert, klingelt Frank-Walter Steinmeier an der Tür! Das ist doch dann wahrscheinlich einer jener Momente, in welchem man merkt, es gibt einfach zu viele Menschen auf dieser Welt. Okay, dies Beispiel läuft Gefahr um Haaresbreite an jeglicher Plausibilität nonverbal vorbei zu gehen. Was ich aber damit sagen will ist, dass 1,5 Meter bis 2 Meter Abstand zwischen Menschen zwischenmenschlich verdammt viel bringen können. Gewalt in der Ehe wäre da ein kaum zu erwähnendes Thema. Wenn wir mal Schusswaffen und Pfannen mit wirklich sehr, sehr langen Stielen außen vorlassen. Auch unerwünschte Schwangerschaften gingen gegen Null. Ich selbst habe jedenfalls noch nie von einem 2 Meter langen Schwanz gelesen. Nicht mal in der Bild. So können wir auch gewiss davon ausgehen, dass Taschendiebstähle und übertragbare Hautkrankheiten Polizeidirektionen und Dermatologen gleichermaßen die Hände im Schoß ruhen lassen. Aufgrund der 1,5 bis 2 Meter natürlich nur im eigenen. Aber dies nur der textfüllenden Erwähnung wegen. Ich war auch noch nie ein Freund überbordender Begrüßungsrituale. Arbeitnehmerinnen, die sich morgens um Sechs Uhr in der Früh umarmungsbedingt die Schichten Schminke ablecken, deren welcher sie um Drei Uhr morgens aufstehen mussten. Da fallen sie körperlich vor lauter angeblicher Zuneigung übereinander her, nur um spätestens, wenn der Andere mal nicht da ist, nochmals aber diesmal verbal über diesen herzufallen. Natürlich könnte man seinem Chef zur Begrüßung auch in den Schritt fassen. Doch bleibe ich selbst lieber bei einem fernen wie auch kühlem “Hallo!”. Dies hat nicht nur hygienische Gründe. Allenfalls sozialhygienische Gründe. Denn anderthalb Meter Abstand sind nicht nur körperlich in heutigen Zeiten dringendst anzuraten. Auch beim Mündlichen können 150 Zentimeter unser Miteinander durchaus komfortabler gestalten. So kann man dank Corona Jedermann lauthals ein Arschloch nennen. Denn laut “Praxisorientierte Rahmenhöhen- und Positionsermittlung am Beispiel des Rennrades” von einem gewissen Markus Brüx (im Internet gefunden), beträgt die durchschnittliche Armlänge ungefähr 69 Zentimeter. Darauf verlasse ich mich. Allein. Und hinten.

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Kommentare

05. Apr 2020

Also wirklich sehr gut ge- und beschrieben! Gern gelesen und hat Wirkung. Wir haben jetzt ja auch mehr Zeit zum Nachdenken.

Jürgen