Die Würde der Verblendung

von Alf Glocker
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Wollen fängt, wie Weisheit, mit dem selben Buchstaben an. Mit dem W. Aber diese beiden Worte haben nicht sehr viel miteinander zu tun, nur, daß sie sich ausschließen. Das W des Wollens ist quasi ein Jugendfaktor, während sich das W der Weisheit mehr auf das Alter bezieht. Wollen heißt nach Besitz trachten, etwas erringen, erschaffen – erträumen zunächst ...

Die Weisheit rät nicht unbedingt davon ab, gibt jedoch zu bedenken, daß man nichts festhalten kann – nichts Ersehntes, Erschaffenes, keinen Besitz. Dadurch kommt ein weiteres W hinzu – das des Wahnsinns! Denn der Wahnsinn ist auf eine andere Art weise, er verlangt das Wollen, gegen jede Weisheit – er sagt uns, der Besitz sei ewig und jede Sehnsucht stillbar.

Darum ist das Wollen weise und die Weisheit Wahnsinn! Nichts gäbe es ohne den Wahnsinn des Wollens, der einer seltsamen Weisheit gegenübersteht, der Weisheit des Wissens, daß man nichts festhalten kann. Somit bildet das Wissen ein 4. W in diesem tragischen Spiel unseliger, seliger Verknüpfungen.

Eben weil alles wandelbar ist, darf man sich nach etwas sehnen, das man, nach seiner Erlangung zu besitzen glaubt, es aber in Wahrheit nicht festhalten kann. Die alleinige Bedeutung aller 4 Ws liegt somit in der Zeit. Alles zu SEINER Zeit also? Was sonst?! Da wir nichts wirklich erwerben und festhalten können, wissen wir auch nichts. Warum dann das Wollen?

Zuerst befällt uns der Wahnsinn der ersten Gefühle, die von Weisheit so wenig wissen, wie das beginnende Leben vom Tod. Danach kommt das Wollen etwas zu erringen, das, mehr als aalglatt, jedem wieder aus der Faust schlüpft, oder wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt – nur, damit, am Ende eines schier endlosen Prozesses von (im Nachhinein betrachtet) ein paar Augenblicken des Universums, die Weisheit behaupten darf, sie habe etwas begriffen ...

Nichts hat sie begriffen ... rein gar nichts, denn nur wer nichts begreift ist weise, weise in der Sehnsucht und im Machtstreben der Existenz, die sich eitel beweisen möchte, es gäbe etwas wirklich Wahres zu wissen. Das ist zwar der Wahnsinn, aber wir dürfen uns nicht von den 4 Ws irritieren lassen. Denn gerade weil nichts weise ist, fügt sich auch nichts dem Wollen und auch der Wahnsinn ist nur eine Illusion ...

Nichts von alledem ist glaubwürdig! ALLE Phasen, die eine Seele durchlaufen kann, sind das einzig Reale, Wahre, Wissenswerte – Ehre sei dem naiven Wollen, wie auch dem Wahnsinn. Ehre sei dem – das ist die Höhe! Sie, die Dinge des Daseins zu erleben, ist die Aufgabe, die wir haben, wenn wir einmal ehrlich sind. Die Alternative: Man geht leichtfertig über sie hinweg, indem man sich in den irrationalen Ernst eines Dogmas und somit in die Würde einer Verblendung flüchtet!

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