Der Zug in die alte Heimat

von Kilian Kush
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Ich öffne meine Augen und die grellen Sonnenstrahlen brennen sich in meine Augen ein, so das ich fürchte zu erblinden. Mein Kopf tut mir weh, mein ganzes Gesicht ist vollgesabbert und ich brauche einige Zeit um zu realisieren, wo ich bin. Kurzer Blick auf das Handy, 8 Prozent Akku. In fummeliger Kleinst-arbeit krame ich eine Aspirin Direkt aus einer der vielen Nebentaschen meines Rucksacks. Die 500 mg Acetylsalicylsäure Kautablette installiere ich mir auf Krampf hinein, trinke einen Schluck Wasser und lehne mich zurück. Es ist halb 8 in der früh und ich sitze im Zug welcher geradewegs in meine alte Heimatstadt fährt. In zwei Stationen muss ich aussteigen, also greife ich zu meinem Drehzeug, welches gut verwahrt in meiner rechte Jackentasche positioniert ist und dreh mir eine Kippe. Doch bevor ich die Klebefläche befeuchte und mein Werk fertig stelle, schaue ich mich noch einmal um, packe den filter wieder in die Verpackung und suche nach meinem Busfahrschein. Kurzerhand reiße ich ein Stück ab und ehe ich mich versehen konnte, hatte ich einen Typ in der Hand. Die OCB Packung mit den Longpapers hatte ich gemeinsam mit meinem grünen Zaubertabak, in meiner Brusttasche. Ohne weitere Umstände baute ich die Tüte, trank noch ein Schluck Wasser und nahm meine Sachen. Der kleine und heruntergekommene Bahnsteig in dem Kaff meiner Eltern schaffte es spielend leicht mir all meine wenigen Glückshormone auch noch auszutreiben. Doch zum Glück wusste ich mich abzulenken. Ich tapste über die Schienen und kletterte über einen kleinen und vor allem rostigen Metallzaun, welcher das Bahngelände von dem Bereich vor dem Bahnhofsgebäude trennte. Als Belohnung für meine kleine Mission entzündete ich meinen Joint und inhalierte gierig den giftigen Qualm. Vom Kiffen ist noch keiner gestorben doch seit ich dauerhaft high bin habe ich auch nicht das Gefühl zu leben. Meine Bande hatte mich gestern Abend noch verabschiedet, wir haben ein wenig gefeiert und ich bin so wie ich war in den Zug gepurzelt. Sternburg Export und Pfeffi flossen in massen und wer nicht gerade kotzte oder irgendwas kaputt machte, knutsche mit irgendwem rum. Ich möchte es mal so sagen, ich hatte an diesem Abend weder sonderlich viel erfolg in der liebe, oh man, also versteht mich nicht falsch. Das was dort passiert, hat in etwa so viel mit Liebe zu tun, wie das Christentum mit Nächstenliebe, aber ich dachtet mit diesem Überbegriff könnte ich es schaffen, mich kurz zu halten. Das hat wohl nicht geklappt. Also ich hab niemand geküsst und gekotzt habe ich auch nicht. Komplett Besoffen und mit minimalen motorischen Fähigkeiten habe ich all die Wut, welche ich gegen unser System, unsere Welt und mich selbst hege, genutzt, gesammelt und mit voller Kraft an einer Bushaltestelle ausgelassen. Glassplitter und ein zur genüge verbeueltes Schild lagen mir zu Füßen, also würden sie mich anbeten. Doch anders als der gnädige Herrscher, welcher von seinem Gefolge dank empfängt. Glich ich in dieser Nacht wohl eher dem Tyrann welcher wahllos schaden und leid verursacht um sich mächtig zu fühlen.

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Kommentare

13. Nov 2019

Warum muss ich bei Ihnen immer an den jungen Jerome David Salinger denken?
Wirklich Klasse!