Ein blauer Roller

von Monika Jarju
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Ein blauer Roller saust um die Fontäne, während jemand an mir vorbei
geht, den ich nie sah, nie sehen werde. Ich verlasse den Park. Ruhelos
durchlaufe ich die Nebenstraßen. Auf Schritt und Tritt lebe ich in allen
Erinnerungen gleichzeitig. Die Straße, auf der ich stehe, kennt mich nicht.
Wonach sollte ich suchen? Etwas längst Vergessenes, Verlorenes ruft mich.

Es war einmal ein Haus, lese ich an einer Galerie und steige auf den
Dachboden. Ich schaue mich um. Sonderbare Dinge schweben in der Luft
wie alte Träume: Ein Kinderstuhl, ein zartes rosa Kleid, ein Nachthemd
und ein Schlafanzug. Weingläser funkeln in einem Streifen Sonnenlicht.
Vor einer Dachluke schaukelt ein Spinnennetz, hauchfein wie eisiger Atem.
In der Ecke liegt ein blauer Roller, der Lenker ist verbogen. Die Dinge
erzählen mir ihre Geschichte, von einer Zeit, die früher war. Ich bin wieder
Kind, renne über den staubigen Trockenboden, während meine Mutter
Wäsche auf die Leine hängt und mit Holzklammern feststeckt. Ich schlucke,
trockener Staub kratzt in meiner Kehle. Es riecht nach Kochwäsche und
Seifenlauge in meiner Phantasie. Tauben flattern gegen Dachluken mit
dem Geräusch sich öffnender Schirme.

Wie verwunschen stehe ich wieder auf der Straße, während ein blauer
Roller rasch an mir vorüber fährt und um die Ecke biegt. Ich folge ihm.
Auf einmal verfliegt die Melancholie, als ich ein Atelier betrete. Ich
entdecke Gabeln in Rahmen, Schaukästen und Schubläden, überall
glänzen Gabeln und Nadeln, gesteckt in weißes Vlies. Staunend
betrachte ich die Sticheleien, Anspielungen, nadelkurz wie ein Bindestrich.

(Auszug „Ein blauer Roller“)

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