Was ich bereue

von Alf Glocker
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„Was soll ich schon groß bereuen?“, fragen sich die meisten Menschen mit bestem Gewissen – und sie haben natürlich Recht. Die wenigsten haben bewusst jemandem geschadet, oder gar wen umgebracht – und wenn, dann waren sie höchstens Helden oder Märtyrer, also auch wieder keine Verbrecher oder Mörder. Bei mir ist das ganz anders!

Das Gros aller Menschenwesen hat sich darum bemüht, am Leben zu bleiben. Das ist zwar nicht ganz einfach, aber auf keinen Fall ein Makel, welcher an der Seele haftet. Für die geschichtlichen Entwicklungen kann ja schließlich keiner was … die kommen einfach auf uns zu und dann kann jeder sehen, wo er bleibt. Der Beamte, der Handwerker, der Soldat: Alle machen nur ihren Job! Auch das ist bei mir wieder ganz anders!

„Ich kann für mein Leben auch nichts!“, sagt der Weise, wobei er an seine Eltern denkt, oder an die unendlich vielen Eltern unendlich vieler anderer Leute, die sich auf diesem Planeten tummeln, wo jeder, speziell für sich, von seinem speziellen Schicksal überrascht wird. Und ist man erst einmal da, dann möchte man auch „etwas haben“: zu essen, zu trinken, Luft zum Atmen und einen Geschlechtspartner, damit alles so weitergehen kann wie bisher. Daran gibt es nichts auszusetzen – aber bei mir ist das leider ganz anders!

Der nicht so ganz Weise, dennoch aber mehr oder weniger aufrechtgehende Homo sapiens, denkt nicht einmal so weit, sondern er befasst sich mit dem Nächstliegenden: Er geht ins Büro, ans Fließband, auf die Müllhalde, auf seine Kanzel, ins Ehe-oder Lotterbett, solange zum Brunnen bis der Brunnen bricht, er fördert Öl, gräbt nach Bodenschätzen, verteidigt jemanden, oder klagt einen an, er spricht im Parlament, oder sitzt zu Gericht, er frisst sich voll, oder hungert sich zu Tode, er liest heilige Bücher, gründet Sekten, die eventuell vielleicht zu regelrechten Religionsgemeinschaften werden können, liebt sich selbst, um dann auch andere lieben zu können und stirbt schließlich, wie eine Fliege im Sturm der Zeit. Auch das ist bei mir anders!

Ich bereue, daß ich nirgends mitgemacht habe! Trotz der allergrößten Hoffnungen, die meine Erzeuger in mich gesetzt haben, bin ich nie was „Gescheites“ geworden. Ich habe sehr viel gearbeitet, ja, ich hatte wahnsinnig viele (Betonung auf „wahnsinnig“) Ideen – und bin doch weder Bankdirektor, Konzernchef, General oder Bischof geworden. Es ist entsetzlich! Dabei haben meine Bekannten und Verwandten immer gesagt, daß ich gar nicht blöd sei. Selbst die Frauen sind davon ausgegangen, worauf sie durchaus berechtigte Erwartungen in mich setzten. Alle, aber auch alle, habe ich bitter enttäuscht … weil bei mir immer ALLES ganz anders war.

Schon früh fragte ich Unschuldigen Löcher in den Bauch, bevor ich sie dann kaltblütig „ermordete“: Ich strich sie, Schritt für Schritt, aus meiner Liste zu achtender oder zu liebender Personen, ich redete ihnen übel nach, indem ich jedem, der es nicht wissen wollte, auf die Nase band, daß sie nicht wissen was sie tun. Ich handelte zerstörerisch und verwerflich, in allem was ich begann, denn von Anfang an interessierten mich die Konsequenzen meines Handelns und des Handelns aller mehr als der zunächst zu erwartende Profit. Wie sollte ich damit Kinder ernähren? Dennoch glaubte ich, während und nach der Pubertät, auch ein Anrecht auf den Spaß zu haben, den sich 2 Menschen körperlich bereiten können … er durfte eben nur keine Konsequenzen haben!

Nie war ich bereit eine, in meinen Augen, perverse Welt zu befördern, die sich, durch ihre eigenen Bedürfnisse kopflos auszurotten beginnt. Das gedachte ich „Fachleuten“ zu überlassen, oder wenigstens Kreaturen, die sehr viel stärker waren als ich. Das will heißen: Sie sorgten pflichtbewusst für sich und ihre Familien, oder rissen sich vor allem sämtliche Hammelbeine aus, um eine Familie auf die Beine zu stellen. Ich sah nur immer die Opfer, aber niemals die reinen Gewissen einfacher Erdenbewohner, die von der Natur beauftragt sind, sich selbst (also ihrem Fleisch) den erforderlichen Vorrang zu verschaffen … denn wer herrscht, der bestimmt auch die Zukunft – und wenn er die erst einmal bestimmt, dann kann er immer noch eine Art „Umsicht" walten lassen …

So tötete ich meine ungeborenen Kinder, legte die Psychen mich ehrlich liebender Artgenossen und Genossinnen auf das Eis meiner rücksichtslosen Grundeinstellung und schlug mich hartherzig und artfremd durch ein Leben, von dem ich keine Ahnung hatte. Hätte ich jemals eine gehabt, dann wäre mir rechtzeitig klar geworden, was ich angerichtet hatte – ich hätte Mitleid empfunden, hätte „das Richtige" gelernt (und akzeptiert) und eine Tätigkeit in Angriff genommen, von der auch der Dümmste noch sagen kann: „Diesen Zeitgenossen verstehe ich gut." Stets war ich falsch informiert, weil ich niemandem glaubte und selbstverständlich auch, weil ich dem jeweiligen Establishment gegenüber grundsätzlich sehr misstrauisch war.

Das fällt nun auf mich zurück! Die Erde geht zwar tatsächlich, ganz genau so wie ich es vorherbefürchtet hatte, zugrunde, der, zumindest teilweise aufrechtgehende Homo sapiens bekleidet seine Posten – egal in welcher gesellschaftlichen Stellung –, ob nun im Slum, oder im Aufsichtsrat (auch Henker und Helfer haben alle Hände voll zu tun), aber ich bin ohne Verständnis für diesen Vorgang geblieben. Ich liebe mich selbst nicht und bin sehr vorsichtig, das bei jemand anderem auszuprobieren, weil ich nicht Teil einer Gesamtmaschinerie werden möchte, die als Endziel nur die eigene Vernichtung haben kann … und – hier wird es völlig absurd – ich glaube nicht einmal daran, daß diese, von mir entdeckte Misere, nicht Gottes Wille ist!

Das haut dem Fass die Krone ins Gesicht! Selbst dazu bin ich zu dumm! Gott gab seinen Geschöpfen die Erde und meinte dann, sie seien durchaus in der Lage, die aus vielen Kleinigkeiten sich entwickelnden Katastrophen, wie beispielweise den unkontrollierten Geschlechtstrieb wild daherkopulierender Massen zu beherrschen. Dabei ist das noch nicht einmal das größte Übel … Das größte Übel sind jene Kreaturen, die daraus auch noch Kapital schlagen, ohne je nachgefragt zu haben, oder je nachfragen zu wollen, wohin das führt. Das wiederum bringt mich dazu, auch noch das Letzte zu bereuen, das ein Mensch überhaupt bereuen kann: Ich bereue aufrichtig, geboren worden zu sein!

Öl auf Leinwand
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Kommentare

08. Apr 2019

Ich danke Dir, mein lieber Freund -
Du bist der einzige, wie's scheint!

LG Alf

08. Apr 2019

Nein - auch Bertha Krause hat's gelesen!
(Inzwischen schwang ich hier den Besen ...)

LG Axel

09. Apr 2019

haha, ja wenn die Knute winkt,
der mensch am geist'gen Krückstock hinkt....

LG Alf

14. Apr 2019

Lieber Alf,
dieses mal möchte ich keinen gereimten Kommentar schreiben und auch nicht flachsen. Die Geschichte geht mir sehr nahe und berührt mich sehr. Ich empfinde großes Mitgefühl für das lyrische Ich, denn wie es aussieht, hat es im Leben nur die halbe Wahrheit kennen gelernt, die Wahrheit, die Dichter gerne "Dunkel" nennen. Aber leider ist das, wie schon erwähnt, nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte sieht anders aus, trägt das Gute, Wahre, und Schöne in sich und schenkt die Freude eines erfüllten Lebens trotz Dunkel. Um so zu denken, wie das lyrische Ich es tut, muss ihm unheimlich viel Schlimmes und Grausames widerfahren sein, so vernichtend schmerzhaft, dass der Blick in diesem Schmerz verhaftet blieb, nur noch das Schlechte sah und es nie geschafft hat sich davon zu lösen.
Das ist unglaublich traurig. Wer so ein Leben leben "muss", wer sich nicht öffnen kann für die schönen Seiten des Lebens, der bereut es sicher aufrichtig, geboren worden zu sein. Wie traurig.

Liebe Grüße
Ella