Wenn die Kraniche ziehen

von marie mehrfeld
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Zweimal jährlich beobachten wir fasziniert den Zug der Kraniche, der uralten Gesetzen folgt. Ungezählte weit gespannte graue Schwingen schlagen dann im Einklang und ziehen in der immer gleichen Formation eines Großen V am Himmel ihre Bahn. Grus grus, Du grauer wunderschöner Altwürdiger, schon seit Jahrtausenden überfliegst Du Länder und Meere und schreitest langbeinig stolz mit zierlichem Kopf auf langem Hals in Feuchtgebieten auf und ab. Deine besonderen Merkmale sind eine schwarz-weiße Halszeichnung und die federlose rote Kopfplatte. Du giltst uns Menschen als Vogel der Wachsamkeit und des Glücks. Wir staunen über Deine verzückten Balztänze. Im Alten Ägypten warst Du ein „Vornehmster aller Gefiederter“ und auch die alten Griechen und Römern rühmten Dich als göttlichen Vogel. Apollon, der griechische und römische Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der Weissagung und der schönen Künste war dein Schutzpatron, der Erdgöttin Demeter und dem Götterboten Hermes warst du zugeordnet. „Merke du auf, sobald du des Kranichs Stimme vernommen, der alljährlich den Ruf von der Höh’ aus den Wolken dir sendet, bringt er die Mahnung doch zum Säen, verkündet des Winters Schauer“, so schrieb der griechische Dichter Hesiod bereits vor etwa 2600 Jahren zu Deinen Ehren. Chinesen betrachten Dich als Symbol für langes Leben und Weisheit des Alters, in Rajastan füttern Dich heute noch schöne Frauen in flatternden leuchtend roten Saris mit kostbarer Hirse, denn sie glauben an die Seelenwanderung und verehren ihre Vorfahren, und du könntest ja einer von ihnen sein. Göttlich bist Du, denn Gott ist in uns allen, so auch in Dir. In der Heraldik warst und bist du der Inbegriff der Erneuerung und in frühchristlicher Zeit wurdest du zum Sinnbild des Auferstandenen und Symbol der Lebensfreude, Liebe und Weisheit. Du bist ein wandelndes Symbol der Schönheit, Eleganz und Würde, wir verehren dich und folgen dem Anblick Deines Fluges am Himmel gebannt.
Wie und wo lebst Du, verehrter Grus grus? Deine zwei bis drei Eier legst und brütest Du zwischen Mai und Juli in schwedischen und zunehmen auch in deutschen Auenwäldern. Deine Nester baust Du aus Pflanzenresten am Boden auf kleinen Anhöhen. So hast Du Deine Feinde besser im Blick, die Raubvögel, Marder, Wildkatzen, Füchse und leider auch den Menschen, der bei seinen Beobachtungen oft zu wenig Rücksicht nimmt und Dich und Deinesgleichen während des Brütens aufscheucht. Dann kann es sein, dass Jungtiere sterben müssen, weil die Eltern nicht zurück kehren. Ausgewachsen bist Du in etwa so groß wie ein zehnjähriges Kind. Du lebst monogam, aber stets in der Gruppe. Die Sommer Deines Lebens verbringst Du am liebsten in den arktischen und gemäßigten Regionen der Nordhalbkugel, im Winter gibst Du zunehmend uns die Ehre. In der Rügen-Bock-Region am vorpommerschen Bodden, an der unteren Oder, an der Mecklenburgischen Seenplatte, im Rhinluch und im Havelländischem Luch sowie seit einigen Jahren auch in der Oberlausitz beobachtet man dich mit Freude und Respekt und lässt dir deine Freiheit. Deine Flugreisen dehnst Du indes auch bis Südafrika aus. Bis zu zweitausend Kilometer kannst Du am Stück fliegen, wobei Du eine Geschwindigkeit von bis zu 65 Stundenkilometern erreichst.

Grus gru, Du bist fürwahr ein wundersamer, verehrungswürdiger Weltenvogel, wir müssen Dich schützen und ehren. Mögest Du den Lauf dieser Erde noch lange Zeit begleiten. Ich verneige mich vor Dir und wünsche mir, dass ich Deinen Flug bald wieder beglückt am Himmel beobachten kann.

Cineastische Würdigung erfuhren Kraniche in dem Film „Wenn die Kraniche ziehen“, einem sowjetischen Spielfilm des Studios Mosfilm aus dem Jahr 1957. Das zur Zeit des Großen Vaterländischen Kriegs spielende Melodram entstand unter der Regie des georgischen Regisseurs Michail Kalatosow. Als literarische Vorlage diente das bereits 1943 entstandene Drama „Die ewig Lebenden“ von Wiktor Rosow, der auch das Drehbuch für den Film verfasste. Dieser Film gewann bei den Filmfestspielen von Cannes 1958 die Goldene Palme.

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Kommentare

07. Mai 2017

Danke, Marie, dass du uns mit deinem Super-Essay diesen wunderschönen, traurigen Film in Erinnerung gebracht hast. Ich habe ihn eben noch gegoogelt, um mich zu vergewissern, dass ich ihn auch wirklich gesehen habe - und mich erinnert.

Liebe Grüße
Annelie

07. Mai 2017

Danke, Annelie. In traurigen Zeiten des Kriegs spielt dieser berührende Liebesfilm ohne glückliches Ende. Er hätte es verdient, wieder einmal (wenigsten im Fernsehen) gezeigt zu werden.
Liebe Grüße, Marie

Detmar Roberts
07. Mai 2017

Bei dem Wort Kranich ist mir sofort der Film eingefallen. Ich kann mich an ihn
nicht mehr so genau erinnern, würde ihn aber gerne noch einmal sehen.
Aber den Film brauche ich nicht um deine Erzählung übre die Kraniche zu
genießen. Verdammt gut.
D,D.R

07. Mai 2017

Du bist schnell, Detmar, danke. Vielleicht mal im Internet recherchieren, dann erfährst du vielleicht, ob und wo man sich diesen besonderen Film noch einmal "zu Gemüte führen" kann. Dir noch einen frohen Restsonntag!
Liebe Grüße, Marie

07. Mai 2017

Danke, liebe Marie, dass Du mich wiederum mit einem wundervollen Essay - diesmal über Kraniche - gefesselt hast. Auch ohne den Film als Hintergrund, hab ich mich über Deine Betrachtung dieser so eleganten Geschöpfe gefreut. Klasse!
LG Monika

07. Mai 2017

Ich danke dir, Monika, für deine anerkennenden Worte, freue mich darüber. Gut, dass wir Menschen uns mit den Kranichen so emotional verbunden fühlen und uns um ihren Schutz kümmern.
Liebe Grüße, Marie

07. Mai 2017

Die schönsten Kranichbilder habe
ich am Darß gemacht. Die Gegend
dort ist Kranichland und Du beschreibst
diesen majestätischen Vogel in all'
seiner Pracht. Danke dafür. Den Film
kennen ich nur vom Namen her.
Habe Deinen Bericht gerne gelesen.
Mit besten Grüßen zurück
aus Dänemark,
Volker

07. Mai 2017

Mit Dank grüße ich dich zurück - nach Dänemark. Am Darß und in der Gegend war ich mehrmals, hatte aber mit Kranichen kein Glück, kenne nur ihre magischen Fluglinien am Himmel. Während ich mich über diese besonderen Vögel informierte, habe ich gestaunt - viel dazu gelernt. Marie