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Porsche fahren

Bild von Tanja Grün
Bibliothek

Wie lang waren wohl ihre Beine? Wie lang ihr Haar? Miriam stieg in den Porsche ein, hob die Beine, vermutlich mindestens einsdreißig lang, in den Fußraum, strich das Haar aus der Stirn und lächelte ihn mit dick geschminkten Lippen an. Er war sich sicher, heute würde er nichts auslassen. Denn heute war ein ganz besonderer Tag. Der letzte in seinem bisherigen Leben.
Beim Italiener standen Kerzen auf dem Tisch. Der Kellner hatte so viel Akzent, wie notwendig war, fürs Ambiente. Miriam nahm gern einen Aperitif. Sie sagte sonst nicht viel. Natürlich war das auch schwierig für sie. In dieser Situation, bei Kerzenlicht mit ihm. Er bemühte sich. Ein einfacher Trick, den er schon öfter angewandt hatte, nur noch nicht bei ihr: Miriam dazu zu bringen, über ihre Kolleginnen zu lästern. Er funktionierte nicht. Sie nahm alle anderen in Schutz, soweit es ging. Wie naiv war sie doch. Du hast ein gutes Herz, sagte er. Darüber wölbte sich Miriams Pullover vielversprechend. Dann dachte er wieder daran, was am Morgen passiert war. Und dass dies eben wirklich ein Tag war, wie es noch keinen gegeben hatte bisher in seinem Leben.
Der Kellner brachte den Prosecco. Ecco, Signore, sagte er. Und Thomas sah unwillkürlich zu ihm auf und der Kellner grinste sofort und zwinkerte ihm zu. Miriam hatte nichts gesehen, sie betrachtete den prickelnden Prosecco in ihrem Glas, als wäre sie zur Meditation hergekommen.
Thomas betrachtete sie so lange, bis sie die Stille bemerkte und aufsah. Dass ihre Augen sehr blau waren, hatte er schon lange gewusst. Aber sie sahen auf einmal so weich aus, so verträumt, dass er einen Moment lang nicht mehr wusste, wie er vorgehen musste.
Ich mag die Perlen im Glas und die Farbe, sagte sie, das Leuchten.
Und auf einmal sah Thomas ein Leuchten, das ihm schon sehr lange hätte auffallen müssen. Es war ein halb trauriges und halb glückliches Leuchten. Ein melancholisches Feuerwerk, wenn man genauer hinsah. Wenn er, wie jetzt, im Schein der Kerze, in Miriams Augen sah. Das hatte er nicht beabsichtigt und er drängte seinen Blick wieder weiter nach unten, hin zur Wölbung unter dem Pullover. Und zu den Einsdreißig unter dem Tisch in den unglaublich erotischen Stilettos.
Weiß Ihre Frau, dass wir hier sind?, fragte Miriam.
Bitte sag du, stöhnte Thomas. Miriam sagte: Was haben Sie ihrer Frau erzählt?
Sag du!, befahl Thomas. Wie er in anderen Situationen Miriam dazu brachte, ihm schnell eine Akte aus dem Archiv zu bringen. Das Leuchten in Miriams Augen war schwer zu beschreiben. Es war bernsteinfarben, stark wie eine Sonne. Es sprühte irgendwohin, wo er es nicht haben wollte.
Der Kellner kam. Haben Sie gewählt, Signore, fragte er. Thomas bestellte einen Vorspeisenteller für zwei Personen. Als Miriam Saltim Bocca sagte, schloss er sich an. Zwei mal. Er sah nicht auf, um sich weiter konzentrieren zu können. Wo kam das Strahlen her? Er hatte Miriam doch noch am Morgen anschauen zu können, ohne davon abgelenkt zu sein. Wahrscheinlich täuschte er sich. Es war zu viel passiert an diesem Tag.
Du musst es deiner Frau erzählen, sagte Miriam.
Was?, fragte Thomas.
Was jetzt geschieht, sagte Miriam. Thomas wusste, er war ein Mond geworden.
Du täuschst dich, sagte er. Miriam lachte.
Du hast keine Ahnung, sagte er. Miriam lachte wieder. Deine Frau hat keine Ahnung. Sie muss es wissen.
Er sah auf ihre geschminkten Lippen, um dem Strahlen auszuweichen.
Es ist heute ein ganz besonderer Tag, sagte er. Einen Tag, wie ich ihn noch nie erlebt habe. So etwas bin ich nicht gewohnt.
Dann wird es Zeit, sagte Miriam. Ich kenne übrigens deine Frau. Sie liebt dich schon lange nicht mehr. Sie betrügt dich.
Thomas konzentrierte sich auf ihre Lippen.
Willst du nicht wissen, mit wem und woher ich das weiß?, fragte Miriam.
Der Kellner brachte den Vorspeisenteller. Thomas fing gleich an zu essen. Nur einen Moment sah er auf und fing ein paar Strahlen ein.
Sie betrügt dich mit ihrem Physiotherapeuten, sagte Miriam. Frag sie, dann gibt sie es zu. Sie will es dir schon lange sagen.
Thomas aß getrocknete Tomaten, Salami und eingelegte Artischocken. Er trank Bardolino.
Deine Frau ist mit mir befreundet, sagte Miriam. Sonst wäre ich nicht hier.
Thomas aß Scampis. Und trank wieder Bardolino, in einem Zug fast ein halbes Glas davon.
Hat sie dich hergeschickt, fragte er?
Der Kellner kam und Thomas bestellte weiteren Bardolino, ganz ohne Miriam zu fragen.
Thomas fand auf dem Teller nichts mehr zu essen. Er musste einen Moment lang aufsehen. Miriam aß nicht, sie sah ihn wartend an.
Wahrscheinlich hat sie dich geschickt, um es mir auszurichten, sagte er.
Miriam schüttelte den Kopf.
Thomas starrte sie an. Und auf einmal schrie es aus ihm heraus: Du lügst! Ihr habt euch alle gegen mich verschworen. Aber ihr seid zu spät dran. Mich gibt es schon gar nicht mehr.
Miriam lachte. Ich höre dich, du bist doch noch da.
Ich werde ihr albernes Leuchten abstellen, dachte Thomas. Ich werde überhaupt alles abstellen.
Du kannst Sabine etwas ausrichten, sagte er. Und du kannst es dir auch gleich selber merken, damit du weißt, mit wem du es hier zu tun hast. Heute Morgen bin ich gekündigt worden. Ich bin nicht mehr dein Chef. Wir können heute miteinander tun, was wir wollen, für deine Karriere ist es völlig irrelevant. Und falls du mich heiraten willst: Du wirst einen Mann ohne Job heiraten. Übrigens auch ohne Vermögen, denn natürlich werde ich mich von meiner Frau scheiden lassen, wenn sie mich betrügt. Und so eine Scheidung ist sehr kostspielig.
Miriams Gesicht war erst starr, dann sehr weich. Aber ganz ohne Leuchten in den Augen. Nicht einmal den leisesten Glanz konnte man dort entdecken. Nur Enttäuschung, Mitleid, vielleicht sogar Verachtung.
Das Saltim Bocca schmeckte wunderbar, sie aßen beide schweigend.
Was möchtest du als Dessert?, fragte Thomas. Miriam schüttelte den Kopf. Einen Kaffee? Miriam schüttelte wieder den Kopf. Er selbst wollte aber beides haben, winkte den Kellner her und bestellte: Ein Tiramisu und einen doppelten Espresso. Er genoss Miriams Schweigen. Er genoss es, dass sie ihm zusehen musste, als er das Tiramisu aß. Er trank den Espresso und prostete ihr mit dem Grappa zu, den er aufs Haus bekommen hatte, Miriam hatte ihn ausgeschlagen. Nicht einmal ein Limoncello war ihr noch recht gewesen.
Ich habe noch eine Bitte an dich, sagte Thomas dann. Fahr mit dem Taxi nach Hause, ich bestelle dir eins. Miriam nickte leblos und Thomas telefonierte mit seinem Handy. Zwanzig Minuten später verabschiedete er sie mit zwei Küsschen vor dem Restaurant, sie winkte noch vom Rücksitz aus, wohl ein bisschen verwirrt.
Thomas stieg in seinen Porsche und gab Gas. Ein letztes Mal richtig Gas. Er wusste, wohin er fahren wollte. Erst durch die Stadt, dann durch die Vororte. Dann kam der Wald. Er nahm die Kurven als eine letzte Herausforderung. Dann war er am Ziel. Er fand eine leicht abschüssige Stelle. Er nahm den Gang raus, stieg aus, schob ein wenig und war zufrieden. Der Porsche geriet in Bewegung, dann zog ihn der Abhang weiter und dann stürzte er, genau dahin, wo Thomas ihn haben wollte. In die Tiefen der Kiesgrube. Thomas hörte dem Rauschen nach, dann hörte er den Aufprall. Er war zufrieden.
Kurze Zeit später bestellte er sich mit seinem Handy ein Taxi und ließ sich an den Flughafen bringen.

Veröffentlicht / Quelle: 
Tanja Grün, Wind, Pangai Misi Verlag ISBN 978-3-989-10-6

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