Das ewige Ringen des Maurice Wilson - Page 2

von Oliver S
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war, die Stellung zu halten.
Im weiteren Verlauf des Krieges wird Wilson schwer verletzt. Ein Maschinengewehr durchlöchert seinen linken Arm wird mehrfach durschossen. Die Verletzung wirft Maurice in eine Depression. Nach dem Krieg haltet er es nicht mehr für möglich einen normalen Beruf zu ergreifen. Er steht am Rande eines totalen Nervenzusammenbruches. Niemand will ihn so richtig verstehen. Er fühlt sich verlassen, nicht ernst genommen. Wie so viele andere Soldaten seiner Zeit kommt er nicht mehr mit dem bürgerlichen Leben klar. Er wird zum Aussteiger. Anfang der 1930iger Jahre reist er zur Erholung in den Schwarzwald. Hier findet nun eine folgenschwere Wende in seinem Leben statt. Mehr oder weniger durch Zufall bekommt er die Berichte über Mallory und Irvine in die Hände. Beide Bergsteiger verunglückten 1924 am Mount Everest und lösten kontroverse Diskussionen über einen möglicherweise geglückten Gipfelerfolg aus. Wilson ist überwältigt von der Geschichte, sie fasziniert ihn. Zeigt ihm eine nie zuvor gekannte Möglichkeit des Daseins auf. Langsam aber unaufhaltsam entwickelt sich vor seinen geschlossenen Augen ein inneres Bild. Eine Vision in der er zum Mount Everest aufbricht. Das Ungezwungene bezwingt, das Unerreichbare erreicht. Wilson der die Jahre zuvor zu einer neuen Art der Spiritualität gefunden hat, sieht in einer Alleinbesteigung die Möglichkeit die Richtigkeit seines Lebenswandels vor der Welt zu bestätigen. Mit speziellen Fastenkuren und Verzicht auf Begleitung wird sich die Wahrheit seiner Einstellung offen legen, davon ist er überzeugt. Nächtelang sitz ihm dieser Gedanke wie ein Tumor im Kopf und lässt ihn nicht mehr los. In Wirklichkeit aber verfällt er einem Wahnsinn, einer blanken Unmöglichkeit. Wilson hat nicht die geringste Ahnung, was er sich im Fieber zusammenträumt. Er kann sich kein Bild von den Gefahren machen, die am Everest auf einen Alleingänger warten. Wind, Schlechtwetter, Lawinen, kalbende Seracs, die zehrende Höhe und die entmutigende Einsamkeit. Jeder einzelne Faktor allein reicht aus, um sämtliche Planung über den Haufen zu werfen. Doch Wilson lässt sich davon nicht beirren. Er entwirft den tollkühnen Plan per Flugzeug eine kontrollierte Bruchlandung an einem flacheren Hang am Everest hinzulegen, um dann sofort zum Gipfel aufzusteigen. Vom Rückweg ist keine Rede. Wilson kann weder ein Flugzeug fliegen, noch ist er jemals auf einem Berg gestanden. Was treibt diesen Mann an? Welche innere Verzweiflung ist nötig um sich in den scheinbar sicheren Tod zu begeben? Viele halten ihn für verrückt, doch er ist sich seiner Sache sicher. Besessen stürz er sich in die Umsetzung seiner Pläne. Er kauft sich ein Doppeldeckerflugzeug des Modells Gypsys Moth und tauft die Maschine auf den Namen Ever-Wrest, was zu Deutsch so viel wie Ewiges Ringen bedeutet. Wie sich hier zeigt hat Wilson ein feines Gespür für Dramatik. Nie wurde ein klingender Namen für einen derartigen Husarenritt gefunden. In England lernt er in unzähligen Flugstunden ein Flugzeug zu steuern und er verkündet per Pressemitteilung die britische Öffentlichkeit von seinem Vorhaben. Der Alpine Club und Kräfte der Regierung wollen seinen Start verhindern. Doch Wilson ist ein Mann der Tat, bereit alle Umstände zu überwinden.
Sein geglückter Flug von England nach Indien wird in Fliegerkreisen als außerordentliche Leistung angesehen. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg befindet sich das Fliegen in vielen Bereichen in Pionierphasen. Maurice Wilsons erfolgreiches Manöver legt Charakterzüge und Fähigkeiten des Engländers offen. Es zeigt Wilson als wagemutigen Abenteurer, der ausgestattet mit ausgeprägten Hang zum Risiko bereit ist, alles für die Realisierung seiner Träume zu tun. Wilson selbst schont sich nicht, ordnet
Nach der Veröffentlichung seines Plans stößt Wilson vor allem bei behördlichen Stellen an vehemente Widerstände. Wilson will zuerst mit seinem Doppeldecker nach Nepal fliegen, um von dort Richtung Tibet zu gelangen. Er erhält jedoch keine gültige Einfluggenehmigung der indischen Autorität, um nach Nepal zu gelangen. Diese Verweigerung ist nicht nur einer Ablehnung von Wilsons Abenteuer sondern auch dem Konflikt zwischen China und Russland zu verdanken. Beide Großmächte stellen Ansprüche auf nepalesisches Territorium. Allen Widerständen zum Trotz beschließt Wilson in England dennoch nach Indien einzufliegen. Er ist sich der Gesetzeswidrigkeit seiner Unternehmung bewusst. Doch Wille und Entscheidungskraft sind stärker als Paragraphen und Justiz. Schließlich hebt Wilson Anfang des Sommers 1933 in England ab. Er wird nie wieder englischen Boden betreten, soviel ist klar. Ob sich Wilson selbst des Irrsinns seiner Idee bewusst war, kann heute nicht mehr beantwortet werden. Zumindest an Mut fehlte es ihm nicht. Wilson war entschlossen, hatte er sich längst einem Projekt verschrieben.
Der Flug nach Indien konfrontiert Wilson mit den elementaren Gefahren der Luftfahrt. Abgesehen von der Schwierigkeit der Navigation wird sein Doppeldecker von heftigen Winden gebeutelt. Er gerät in einen Sturm, sein Flugzeug ächzt unter der Kraft des Unwetters, Regen peitscht ihm ins Gesicht. Blitze durchzucken den schwarzen Nachthimmel. Ihm droht der Absturz. Endet das Unternehmen Everest Solo bereits über dem indischen Kontinent, viele hundert Kilometer vom eigentlichen Endpunkt der Expedition entfernt? Wilsons verkrüppelter Arm ist ein weiteres Hindernis. Er ist in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Unter zermarternder Anstrengung steuert er durch die dunklen Wolkenbänke hindurch. Wilson aber überlebt den Sturm und landet in Lalbalu.
In Lalbalu teilt niemand Wilsons Euphorie. Dem Tod knapp entronnen scheint Wilson motiviert wie nie zuvor. Er spürt einen Hauch von Unverwundbarkeit. Eine trügerische Illusion.
Somit reist Wilson nach Nepal und plant nach Tibet zu reisen, um der Normalroute zum Everest Basislager zu folgen. Einige Bhuitas heuern bei Wilson an. Sie erkennen die Möglichkeit gutes Geld bei dem verrückten Engländer zu machen. Doch auch die werden von der Eigenart des britischen Gentlemans überrascht. Es wird keine normale Wanderung zum Everest, vielmehr ein Versteckspiel. Britische Behörden in Indien und auch die Behörden in Tibet haben Wind von seinem Plan bekommen. Kein Wunder, die Medien stürzten sich auf diese Story.
Doch Wilson und seine drei Sherpa Begleiter, die schon 1933 bei der britischen Expedition dabei waren, hüten sich besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Sie schlafen nie in den Dörfern, immer abseits der Wege. Ziehen Freilager den warmen Stuben und der Gemütlichkeit vor. Wochen verrinnen, ehe Wilson Mut und Lager für den ersten Gipfelversuch aufbringt.
Wilson wandert auf dem ewigen Eis der Gletscher des Everest. Er ist bereit für einen ersten Ansturm. Selbstbewusst wie nie denkt er nicht an ein mögliches Scheitern. Scheitern ist für ihn keine Option. Wie sonst ließe sich erklären, dass Wilson plant gleich beim ersten Besteigungsversuch seinen 36. Geburtstag am Gipfel zu feiern. Wilson kann sich keinen größeren Triumph ausmalen. Das Leben zelebrieren auf dem wohl lebensfeindlichsten Platz der Erde? Dort oben auf eine kleine Gipfelpyramide, die nicht zum Verweilen einlädt, sondern nur ein Rastpunkt sein kann. Aufsteigen ist eine Sache, aber wie sieht es mit dem Abstieg aus? Wird Wilson noch genug Kraft für den Abstieg haben, nach einem einsamen Fest am Gipfel? Wilson stellt sich der Herausforderung und kommt schnell zur Besinnung. Ein Schneesturm fegt über die Bergflanken der Mutter aller Berge. Wind und Kälte nagen an seinen Kräften zehren ihn derartig aus, sich Wilson im Zelt verkriecht. Er kommt höchstens über Lager II hinaus. Bevor er jedoch in das schützende Zelt steigt legt er ein kleine Nahrungs- und Ausrüstungsdepot an. Er vergäbt seine Steigeisen. Ein katastrophaler Fehler, wie sich später herausstellen wird. Doch Wilson ist den Kräften der Witterung nicht gewachsen. Hastig kriecht er ins rettende Zelt. Ein Schneesturm wütet fürchterlich. Vermutlich von den Anstrengungen gezeichnet und durch die Last der Niederlage frustriert schläft Wilson ein. Bevor er im Schlaf entgleitet lodert ein durchdringender Gedanke in seinem Kopf, widerstandsfähig wie ein Funken Glut im Wind. Er weiß, dass dies nicht sein letzter Anlauf gewesen ist. Am nächsten Morgen steigt er über Schutthalden bis ins Kloster ab. Er hat Hunger und Durst, muss sich wieder sammeln. Neuen Mut schöpfen. Schließlich nach wenigen Tagen seiner ersten Enttäuschung am Everest kehrt Wilson im Kloster ein, von dem er nur Tage zuvor aufgebrochen ist. Langsam erholt sich Wilson. Es dauert Wochen, bis er sich wieder in der Lage fühlt sein ehrgeiziges Ziel zu verwirklichen. Er will den Everest, inzwischen wird der höchste Berg zu seiner Obsession. .

Wir schreiben den 12. Mai 1934. Wilson weiß nicht, dass er nur mehr knapp einen Monat die Herrlichkeit des Himalayas in sich aufnehmen darf. Inzwischen hat er auch seinen Angriffsplan für die Besteigung grundlegend geändert. Er hat sich abgekehrt vom Dasein als eisernen Wolf und ist nun bereit seine drei Bhuitas wenigstens bis ins Lager III mitaufsteigen zu lassen. Tsering wird krank, nur Rinzing und Tewang machen sich mit ihm auf den beschwerlichen Weg zum Gipfel. Wilson beauftragt Rinzing sein kleines Depot aus dem Schnee auszugraben, das er bei seinem ersten missglückten Versuch angeleckt hat. Rinzing aber so sehr er sich auch bemüht hatte, konnte das Depot nicht finden, zu verschneit war die Gegend um Lager II. Es ist wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen, jedoch sind die Nadeln Wilsons Steigeisen, auf die er für einen seriösen Gipfelgang unweigerlich brauchen wird. Am 21. Mai verlässt Wilson zuversichtlich das Lager III und marschiert mit Rinzing Richtung Nordsattel. Der Nordsattel thront mit 7066 m hoch über den Köpfen der Beiden. Rinzing zeigt Wilson noch wie er mithilfe des Eispickels Stufen in das Eis schlägt und somit nicht zwangsweise auf Steigeisen angewiesen ist. Die Technik nagt jedoch an den Kräften. Ein verhängnisvoller Weg den Gipfel zu versuchen. Wilson kämpft sich unbeeindruckt von den vielen Gefahren des Everest immer höher, dem Himmel entgegen.
Schließlich trifft er auf eine senkrechte Eiswand, die sich scheinbar endlos über ihm auftut. Die Schlüsselstelle zum Nordsattel. Hier ist Endstation für Wilson. Er muss sich sein fehlendes klettertechnisches Können eingestehen. Wie oft mag er wohl beim Versuch das Hindernis zu überwinden abgerutscht sein und sich die Finger und Knie am harten Eis gestoßen haben? Kennt denn dieser Maurice Wilson keinen Schmerz, will er ihn nicht fühlen. Auch die Last der Einsamkeit nimmt er ihn Kauf. Anstatt ein bürgerliches Leben in London zu führen und Kinder groß zuziehen steht Wilson im Schatten des Everest und sieht sich mit seiner Winzigkeit konfrontiert. Er ist bloß ein Zwerg verglichen mit diesem Bergriesen. Wilson kehrt um und trifft seine Begleiter im Lager III. Er will sie überzeugen erneut mit ihm aufzusteigen, doch diese verneinen. Spätestens jetzt haben sie den Wahnsinn Wilsons endgültig als Verkörperung seiner Existenz vor ihnen stehen. Sie beschließen noch 10 Tage im Lager auf ihn zu warten, ehe sie endgültig absteigen wollen. Wilson stimmt zu. Auf der Höhe von Lager III ist keine Regeneration der menschlichen Kräfte möglich. Doch Wilson gönnst sich keine Schwäche, er will ein letztes Mal alles wagen und den Gipfel unter seinen Füßen liegen haben. Getrieben von seiner Vision steigt Wilson am 29. 5. Allein vom Lager III auf. Rinzing schaut ihm lange nach.
Hier verliert sich Wilsons Spur. Der Everest hat ihn in seinem Bann und gibt ihn nicht wieder her. Wilson scheint angekommen zu sein. Zwar nicht am Gipfel, aber am Ende seines Durchhaltevermögens. Seine Kräfte reichen nicht mehr. Er stirbt an Erschöpfung im Schnee.

9.7. 1935 stößt Charles Warren auf Maurice Wilson Leiche. Auch sein Tagebuch wird gefunden. Warren notiert für sich merkwürdige Umstände, die mit Wilsons Leiche im Zusammenhang zu stehen scheinen. Im Lager III ist kein Schlafsack zu finden und Wilsons lebloser Körper lag nur 200 Meter vom Lager entfernt. Der Punkt befindet sich in Rufweite vom Zelt, in dem eigentlich Rinzing und Tewang auf ihn warten sollten. Diese Ungereimtheiten werden in der Folge viel Raum für Spekulationen freigeben. Niemand weiß wie und unter welchen exakten Umständen Wilson gestorben ist. Ist er schlussendlich am Everest zerbrochen? Wilsons letzter Tagebucheintrag stammt vom 31.5. und er erwähnt keine Begleiter. Ist Wilson ein letztes, viertes Mal zum Gipfel aufgebrochen? Wir wissen es nicht, nur dass Wilson wohl am einsamen Erschöpfungstod aus seinem kurzen aber umso exaltiertem Leben geschieden ist. Hatte er wirklich an einen guten Ausgang seiner wirren Idee den Everest ohne alpinistische Fähigkeiten zu besteigen geglaubt?
Die Nachricht um seinen Tod jedoch verbreitet sich im gesamten Empire wie ein Lauffeuer. Wilson wird zum Helden stilisiert. Am Ende hat er es doch in die Geschichtsbücher geschafft. Zwar nicht als erster Mann auf dem Gipfel des Mount Everest, sondern vielmehr als Beispiel unabänderlichen Willens und Fanatismus. Er bleibt vermutlich die schillerndste Figur unter den Bergverrückten in der Geschichte des Alpinismus ohne je Anerkennung als Bergsteiger gekannt zu haben.

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