Entscheidung

von Ralf Thümmel
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Diese Nacht war die dunkelste des Jahres. Wolken verdeckten Mond und Sterne und das Schneetreiben gab dem Ganzen noch eine vollkommen chaotische Note.
Allerdings war da ein Licht. Ein Licht das Schreie ersterben lies. Ein Licht das Leben zerstörte! Ein Licht das ein kleines Mädchen im Schnee alleine ließ!
Sie war vielleicht fünf oder sechs und saß, die Arme um die Knie geschlungen, im Schnee. Das Gesicht, nass vor lauter Tränen, ihr Haar und das dünne Nachthemd, nass durch den Schnee. Immer wieder schluchzend kamen leise und kurze Laute aus ihrem Mund. Sie klangen wie „Papa“ oder „Mama“ und waren auf etwas vor ihr gerichtet.
Jedoch kam keine Antwort, denn vor ihr stand nur ihr Elternhaus. Und dies stand in Flammen. Das Feuer loderte hoch im starken Wind und hatte alles verschlungen. Die Wände, die Eingangstür, Tisch und Stühle, den kompletten Wohnraum in dem sie heute Morgen noch gelacht und gespielt hatten. Die Schlafzimmer, ihr Bett, in das sie ihr Vater am Abend gelegt hatte und in dem sie von ihrer Mutter noch einen liebevollen Gutenacht Kuss bekommen hatte.
Doch vor allem hatte das Feuer ihre Eltern verschluckt! Die Schmerzensschreie der beiden geliebten Menschen hallten ihr noch in den Ohren. Sie schrien immer weiter obwohl der letzte Ton aus beiden Kehlen schon vor Stunden verstummt war!
Zu hören war nur der Wind in den Bäumen, das fauchen des Feuers und das schluchzen des kleinen Mädchens.

Sie war allein!
Was sollte sie jetzt tun?

Die fauchende, grauenvolle Stimme des Feuers sagte ihr: ‚Komm zu mir kleine, ich wärme Dich, bei mir kann dir der Schnee und die Kälte nichts anhaben. Deine Eltern sind auch bei mir. Papa und Mama freuen sich auf ihr kleines Mädchen!‘

Die schneidende, eiskalte Stimme der Kälte sagte ihr: ‚Hör nicht auf das Feuer, es will dich verbrennen und dich schreien lassen wie Deine Eltern. Bleib einfach im Schnee sitzen und erfreue dich an der weißen Pracht, die das Land bedeckt. Ich hülle Dich ein und nehme Dich in meine Arme!‘

Dann hörte sie noch die tiefe, dröhnende Stimme des Waldes: ‚Beide versuchen nur Dich zu verführen. Erinnre Dich an die schöne Zeit, die Du in meinem Inneren verbracht hast. Den Spaß, den Du hattest als Du das gefallene Laub über Dich warfst. Und die Begeisterung, die in Dir wuchs als Du die Tiere, die in mir leben beobachten konntest.‘

Die letzte Stimme, die sie hörte, war direkt über ihr. Sie kam von einer Gestalt, die weder Schnee noch Wind erfassen konnte. Sie stand direkt hinter dem Mädchen, gekleidet in einen schweren, schwarzen Mantel, stützte sie sich schwer auf den Stab einer Sense. Ihre tiefe, wohltuende Stimme sagte zu dem Mädchen: ‚Egal für wen der Drei Du Dich entscheidest, ich werde Dich auf Deinem Weg begleiten, wie lang und schwer er auch sein möge.‘

Da stand das Mädchen auf, wischte sich mit der Hand die Tränen aus den Augen, nahm die knöcherne Hand der dunklen Gestalt und ging mit ihr mit, ohne auch nur einen Blick zurück zu werfen.

Sie war nicht mehr allein!
Denn sie hatte sich entschieden!

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