Alptraum in Dessertville – 2. Teil

von Alf Glocker
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Aber da ist nichts! Eine Sinnestäuschung? Und das Geräusch dicht neben den beiden?! War das auch eine Sinnestäuschung? Paul hätte schwören können, ein Stein sei soeben, ganz in der Nähe, vom Himmel gefallen. Julia hatte, wie sie behauptet, nichts davon bemerkt. Aber aus irgendeinem Grund zittert sie leicht. Weit in der Ferne ist Hundegebell zu hören. Adam heult wie ein Wolf den Nachthimmel an. Offensichtlich will er ein Weibchen anlocken. „Der hat anscheinend zu seinem wahren Charakter zurückgefunden“, stellt Paul lakonisch fest, „den werden wir nicht wiedersehen." Inzwischen ist ein zweiter Stein vom Himmel gefallen und am Horizont kündigt intensives Wetterleuchten feierlich ein bevorstehendes Gewitter an. Ganz in der Nähe knirscht verräterisch der Sand.

Plötzlich reißt Julia die Taschenlampe an sich und richtet den Lichtkegel auf den vermuteten Beobachter. Aber da ist niemand! Der Atem der jungen Frau beschleunigt sich dramatisch. Jetzt fängt sie heftig zu zittern an und auch der sonst so selbstbewusste Paul hat Angst bekommen. Allerdings sorgt er sich im Augenblick mehr um seine Begleiterin als um die scheinbare Bedrohung unbekannter Art. Er weiß, wie sensibel sie ist, wie leicht sie aus der Fassung geraten kann, und er fragt sich, ob es ihm hier draußen gelingen würde, einem eventuellen hysterischen Anfall auszuweichen. Schließlich kann er sie jetzt nicht zurücklassen – er hat Verantwortung.

Das war für ihn immer der Hauptgrund, einer Heirat aus dem Weg zu gehen: Die unausweichliche Verantwortung! Ihn fröstelt bereits bei dem Gedanken daran. Oder ist die ganze Gegend jetzt elektrisch aufgeladen? Überall scheinen kleine Funken in der Luft zu tanzen und nun – als müsse die Realität einem übermächtigen Eingriff weichen – verschwimmen alle Dinge, die mehr als zehn Schritte von Paul und Julia entfernt sind. Der Eindruck einer Zeitglocke entsteht. Das Wetterleuchten ist verschwunden. Alles, was sich hinter der Grenze des Vakuums abspielt, in dem sich Paul und Julia jetzt zu befinden scheinen, verschwimmt zu einer milchigen Masse. Und nachdem sich die Situation allzu unrealistisch darstellt ist sie, fast zwangsläufig, der persönlichen Deutung unterworfen.

„Ich glaube, mir wird schlecht“, stellt Julia trocken fest. Während sie jedoch ansonsten einigermaßen beherrscht bleibt, rastet Paul völlig aus. Er vertraut seinen Sinnen, ohne ihr Urteil einer praxisbezogenen Untersuchung zu unterziehen, die sich an bereits bekannten Werten orientieren muss. „Reiß dich zusammen, hier passiert etwas mit uns, was wir nicht mehr kontrollieren können." Und weil Julia nicht sofort reagiert, schreit er sie an: „Hast du das kapiert, blöde Kuh? – Denk schnell nach und versuche dir darüber klar zu werden, was mit uns geschieht – und alles nur, weil du den dämlichen Stein haben musstest. Langsam glaube ich wirklich, daß er lebt, oder auch nur, daß er ein fremdes Virus von einem andern Planeten mitgebracht hat, dem wir nicht gewachsen sind."
Julia gerät außer sich. „Du bist ein Feigling, wie kannst du mir in einem solchen Augenblick sagen, daß du mich nicht liebst?" Das ist der Moment, der Paul schon immer verunsichert hat, so lange er Julia kennt. Wenn er davon ausgehen könnte, selber nicht weiter zu altern, dann würde er seine Freundin verlassen, sobald ihre Attraktivität die Wirkung auf ihn verloren hat und sich nach einer anderen Frau umsehen.
Überdeutlich klar – so scheint es – steht das Geschöpf, das er noch vor einigen Stunden intensiv geliebt hatte, vor ihm. So klar, daß er offensichtlich nun auch etliche ihrer Schönheitsfehler entdecken kann. Aus irgendeinem furchtbaren Grund wirkt die augenblickliche Situation wie ein Vergrößerungsglas für die Sinne. Ganz deutlich treten Julias großporige Haut am Nasenrücken, ihr Leberfleck auf der Stirn und ihr knochiges Schlüsselbein unter dem T-Shirt hervor. Das genügt, um ihn aus der Fassung zu bringen. „Halt endlich den Mund, du Schlampe!“, schreit er sie an. „Siehst du denn nicht, daß wir in einem Alptraum gelandet sind!"
„Noch nicht“, kreischt Julia, „vor dem richtigen Alptraum – vor dir, wenn du‘s genau wissen willst – werde ich mich in acht nehmen. Ich verlasse dich! Wie konnte ich nur einen Gedanken an die Zukunft in dich investieren!?“
Nie hätte sie geglaubt, daß Paul so ein unzuverlässiger Macho sein würde. Schon angesichts der geringsten Gefahr lässt er sie im Stich. Anstatt auf ihr Wohl bedacht zu sein, wenn es ihr schlecht geht, kritisiert er sie auch noch. Aber jetzt sieht auch sie klarer. Sie weiß zwar nicht genau, was hier vorgeht, doch eines kann sie mit Bestimmtheit sagen: Dies ist kein gewöhnlicher Ausflug mehr, sondern die Konfrontation mit einer beängstigenden Wahrheit.

Am liebsten hätte sie Paul, wenigstens in ihrer Phantasie, erwürgt – oder sich in ein Versteck verkrochen. Mit weit aufgerissenen, eigenartig lebendigen Augen geht sie auf ihren ehemaligen Geliebten zu. Sie sieht ihn an, als könne sie bis auf den Grund seiner Seele blicken, dann hebt sie empört ihre Fäuste und hämmert ihm ihr Stakkato wilder Empörung auf die Brust. Fast gleichzeitig bricht sie in heiße Tränen aus.

Bevor Paul reagieren kann, verändert sich die Umgebung. Das Zeitvakuum hat seine Membran verloren. Hell blinken die Sterne wieder am Firmament und ein freundlicher Vollmond lächelt ihm, vom Horizont aus zu. Alles scheint zurechtgerückt, sogar das Sternbild Schwan steht wieder dort, wo es hingehört. Vor ihm, im Sand liegt ein weiterer „Stein“ – eines dieser Gebilde, die bei Berührung durch lebendige Materie zu glühen beginnen.

Julia hat ihn ebenfalls bemerkt. Der Schein der Taschenlampe, die sie fallengelassen hat, leuchtet genau dorthin. „Heb ihn auf, wenn du dich traust“, lacht sie, absichtlich gehässig, „dann hast du mit mir wenigstens etwas gemeinsam." Kurz darauf erstarrt sie vor Schreck.

Paul hat keine Zeit, Julias Sinneswandel zu beobachten. Er fühlt sich herausgefordert. Den ersten Stein trägt zwar nicht er in der Tasche – dafür war er zu misstrauisch – den zweiten aber wird er an sich nehmen. Das ist gar keine Frage. Im Augenblick fühlt er sich imstande, alles zu beweisen, was nötig ist.

Hochkonzentriert bückt er sich ... um seine Hand gleich darauf wieder voll Schaudern zurückzuziehen. Ein eiskalter Windstoß hat ihn getroffen. Und als er den Kopf hebt, sieht er es auch: Schwarze Gestalten nähern sich durch die Nacht. Drohend heben sie sich vor dem sternenerhellten Himmel ab.

Was nun auf die beiden zukommt, das müssen Riesen sein, denn jede einzelne der herandrängenden Bedrohungen misst etwa 5 Meter in der Höhe. Aber es sind nur Schemen, die sich da völlig geräuschlos durch die Landschaft schieben. Die helleren unter den Himmelskörpern werden von ihnen nicht gänzlich verdeckt, nur stark abgedunkelt. Außerdem scheinen sich die rauchartigen Gebilde mit hoher Geschwindigkeit um ihre eigene Achse zu drehen. Paul und Julia haben sogar das Gefühl, die Schemen würden durch ihre Drehung etwas verschleudern: panische Angst! Und diese Angst kommt nun von allen Seiten auf das Paar zu, denn es ist eingekreist.

Offensichtlich haben die beiden einen Punkt betreten, der für sterbliche, menschliche Wesen tabu zu sein hat – einen Ort ohne Lügen. Oder wurden sie mit Absicht hierhergelockt?

Zwischen den rauchigen Riesen tauchen nun überall kleinere, annähernd menschengroße Figuren auf, die miteinander zu kommunizieren scheinen. Das Knirschen ihrer Schritte ist unbestreitbar deutlich zu hören. Julia hat sich inzwischen schlotternd an Paul gepresst, der eigentlich fliehen möchte. Aber wie soll er das tun, wie sich eventuell vielleicht verteidigen, mit diesem „Klotz am Bein“? Obwohl, in Anbetracht dieser Übermacht, eine Verteidigung absolut sinnlos erscheint, beschließt er einen Ausbruchsversuch. Seiner Meinung nach durchaus mannhaft packt er seine Freundin am Kragen, schüttelt sie so lange, bis sie losgelassen hat, und stößt sie von sich. Aufgelöst vor Angst und wohl auch etwas zu sehr geschüttelt, taumelt Julia zurück und verliert schließlich die Besinnung.

Nun steht Paul, umringt von den unheimlichen Gestalten, allein auf weiter Flur. In der Hektik des, in Wirklichkeit noch gar nicht stattfindenden, Gefechts, aber hat er sich ebenfalls etwas zu sehr ereifert. Er keucht, als hätte er gerade einen längeren Spurt hinter sich. Verzweifelt blickt er sich um: Hier gibt es kein Entrinnen mehr – was da auf ihn einstürmt kann nichts anderes sein als das Ende. Noch einmal schluckt er, laut und heftig, verschluckt sich, würgt, greift sich an Brust und Kehle, geht röchelnd in die Knie – dann sind sie über ihm ...

Fahles, blaues Licht überflutet den östlichen Horizont über der Wüste zwischen El Paso und Tulerosa. Raschelnd verschwinden die letzten kleinen Jäger der Dunkelheit in ihren Verstecken. Als der gleißende Rand der Sonnenscheibe über den Horizont flammt, schwängert das erste gefährliche Summen die Luft, wie ein Menetekel. Die Heuschreckenwespen sind wieder unterwegs!

Den alten Buick hat ein Rennkuckuck in Besitz genommen. Nachdem seit vielen Stunden die Fahrertüre offensteht, lädt er geradezu zu einer Inspektion ein. Alles sieht also ganz danach aus, als ergäbe sich auch heute wieder ein liebliches Idyll. Majestätisch geht die Sonne auf, um das gewohnte Bild vom Werden und Vergehen in freier Natur etwas zu beschönigen. Die Welt sieht aus, als sei sie in Ordnung – fast in Ordnung!

Neben dem Oldtimer im Sand scheint sich über Nacht ein Drama abgespielt zu haben. Zwei Menschen verschiedenen Geschlechts liegen nackt, mit verkrümmten Körpern und verzerrten Gesichtern auf ihrer völlig zerwühlten Picknickdecke. Hatte ein Kampf stattgefunden? Wurden sie missbraucht?

Diese Frage wird sich – heute und wohl auch später – sicherlich nie ganz klären lassen. Seltsam ist nur, daß die Nackten nicht im Mindesten froren, obwohl es in der Wüste nachts erstaunlich kalt werden kann.

Als sie erwachen, haben sie erhebliche Mühe das volle Bewusstsein wieder zu erlangen. Mit großen Augen starren sie sich an. Wortlos suchen sie ihre Kleidung zusammen, die sie – nüchtern betrachtet – wahrscheinlich am Vorabend eilig beiseite geworfen haben. Wie sonst sollte es gewesen sein?

Argwöhnisch versucht Paul festzustellen, ob er noch lebt. „Hast du gut geschlafen, Kleines?“ Diese Frage klingt wie ein Witz. Schließlich ist kaum zu übersehen, daß hier nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Aber Julia lacht nicht. „Ich weiß es nicht, Schatz“, erwidert sie teilnahmslos. „Ich glaube, ich hatte einen wirren Traum."

Dann sieht sie sich ängstlich um und fügt hinzu: „Wir sollten diesen Platz hier schleunigst verlassen." Nach alter Gewohnheit lässt sie einen kurzen Pfiff los, dann greift sie sich an die Stirn und schüttelt den Kopf. Der Hund wird sicherlich nicht wiederkommen … Doch das Wunder geschieht. Völlig erschöpft, aber zur Gänze erhalten, trottet Adam heran. Er hatte nur auf der anderen Straßenseite, vom Wagen verdeckt, genächtigt.

Auf der Rückfahrt füllt drückendes Schweigen den Innenraum der Limousine. Die in der Luft hängenden Gedanken scheinen beinahe greifbar, aber keiner der Insassen – Adam inbegriffen – fühlt sich in der Lage zu sprechen. Vor den Reisenden auf der Straße fließt das Sonnenlicht wie in Bächen über den Asphalt. Die Landschaft wirkt, als wäre sie in der ganzen Fläche aufgelöst durch pointilistische Malerei. Sie ist ein einziges Flimmern.

Gerade eben ist noch der leicht ansteigende Horizont bläulich in der Ferne zu erkennen.
Nach etwa 10 Meilen taucht eine Art Straßenschild auf. Paul drosselt die Geschwindigkeit. Er will wissen, was drauf steht. Es könnte ein Hinweisschild auf Ausbesserungsarbeiten am Teerbelag sein. Beim Lesen kann er allerdings nur den Kopf schütteln. Auf dem Schild steht: „Sie verlassen jetzt den Sperrbezirk von Desertville."

Paul und Julia werden ein Jahr nach diesen Ereignissen standesamtlich heiraten. 8 Jahre später wird Julia gesunde Zwillinge gebären, die später Schulprobleme haben werden. Bis zu diesem Zeitpunkt werden beide Ehepartner des Öfteren von abstrusen Traumerlebnissen heimgesucht sein, die stets die Erfüllung geheimer Aufträge und Treffen mit unbekannten Menschen zum Inhalt haben.

In diesen Jahren wird auch die Rede davon sein, daß in Kansas City, ihrer Heimatstadt, Doppelgänger existieren, die vorzugsweise nachts angetroffen werden. Ein weiteres Phänomen nehmen Paul und Julia weniger ernst zur Kenntnis, da es sich hierbei nur allzu leicht um eine Sinnestäuschung handeln könnte. Bisweilen kommt es vor, daß ihre Uhren stehenbleiben, oder sogar rückwärts laufen bzw. bei zweimaligem Hinsehen rückwärts gelaufen sind. Nachdem jedoch an der Zeit als solcher nichts gedeutelt werden darf, kann es sich nur um einen Irrtum, um eine Unachtsamkeit (um eine Geistesverwirrung?) handeln.

Über ihren kuriosen Alptraum, damals, auf der Rückreise von einem längeren Urlaub, sprechen die beiden nie wieder. Und dieses Thema wird nicht nur deshalb vermieden, weil jeder vermutet, entweder extrem unglaubwürdig oder geisteskrank zu wirken. Nein, viel wichtiger ist, warum sich keiner traut dieses Thema zu berühren: Eine intensive Beschäftigung mit derartigen Geschehnissen könnte auch den stärksten Charakter aus seiner vertrauten Bahn werfen.

Nur eines müssen Paul und Julia – wohl als Ersatz für eine ausstehende Erklärung – immer wieder versuchen. Bei jeder Party in den Jahren bis zur Geburt ihres Nachwuchses berichten sie von dem Hinweisschild auf einen Sperrbezirk um Desertville und jedes Mal ernten sie fröhliches Gelächter. Ein Desertville, zwischen El Paso und Tulerosa, so die einhellige Meinung, hat es nie gegeben.

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