Von Mäusen und Ratten

Bild von Peter H Carlan
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In einem fernen Land, dort wo in biblischen Zeiten einmal das Paradies lag, lebte am Rande einer Wüste ein kleines Volk von Mäusen. Sie lebten in Elend, denn Marder waren in ihr Land eingebrochen und hatten schon viele der kleinen Nager getötet und unter der glühenden Sonne verdorrte das Korn auf den kargen Feldern.

So waren die Mäuse der Nachstellung durch die Marder und des Hungers überdrüssig geworden und sie beschlossen, die Heimat zu verlassen und machten sich auf den Weg in die Fremde. Sie hatten von einem blühenden Land im Norden gehört, in dem gastfreundliche Ratten leben sollten und wo die köstlichsten Käsesorten in riesigen Kellern reiften.

Auf ihrem Weg durch die Katakomben der unterirdischen Kanalisation trafen sie den listigen Iltis, der ihnen gegen ein üppiges Entgelt ein Papierschiffchen anbot. So gaben einige der armen Mäuse ihre letzten Habseligkeiten weg und erwarben das Schiffchen, in der Hoffnung, dass es sie schnell in die neue Heimat tragen möge. Doch das Boot aus Papier war der schnellen Strömung nicht gewachsen, das Papier weichte auf und die übelriechende Brühe drang schnell ein in das marode Gefährt. Die Mäuse an Bord schöpften mit verzweifeltem Mut, doch schließlich siegte die Gewalt des Wassers über die schwindenden Kräfte der armseligen kleinen Kreaturen und so fanden viele von ihnen den Tod.

Traurig aber unbeirrt wanderten die anderen weiter. Sie trotzen den Stürmen, dem Regen und der Kälte bis sie schließlich die Grenze des gelobten Landes erreichten, in dem die freundlichen Hausratten und die widerborstigen Wasserratten in friedlicher Eintracht lebten.

Als die Rättin, die den Vorsitz im Rat der Ratten innehatte, von dem schrecklichen Los der Mäuse hörte, rührte es ihr Herz und sie befahl, die Schlagbäume an den Landesgrenzen zu öffnen und das kleine Volk der Mäuse ins Land zu lassen, denn das Gesetz der Tiere verlange, denn Schutzlosen und Verfolgten Zuflucht zu gewähren.

Viele der freundlichen Hausratten empfingen die Neuankömmlinge mit offenen Armen, doch einigen Wasserratten waren die armen Mäuse ein Dorn im Auge. Sie organisierten Protestkundgebungen gegen die Grenzöffnungen, wüteten und hetzten gegen die Fremdlinge und schürten die Angst unter den einfachen Ratten so sehr, dass sich die Rättin gemüßigt sah, eine Versammlung des Rattenrates einzuberufen, um einen gemeinsamen Konsens zu finden.

Der Zänker, eine umtriebige Wasserratte aus dem Süden mit übergroßen Nagezähnen, die ihm ein bedrohliches Aussehen verliehen, schwang sich zum Wortführer der Flüchtlingsgegner auf.

„Erst kamen nur wenige,“ brüllte er mit gepresster Stimme ,,aber nun drängen immer mehr von ihnen in unser Land. Sie werden Kinder gebären, die wieder Kinder gebären, die Kinder gebären und irgendwann werden wir die Fremden sein in unserem eigenen Land.“

Unter dem Eindruck seiner gewaltigen Worte nagten sie den wohlschmeckenden Käse aus dem Gesetz, höhlten es aus bis nur noch die ungenießbare, harte Rinde übrig blieb, sodass das Gesetz nur noch den Anscheins eines Käselaibes erweckte und die Schutzsuchenden und Verfolgten zu hergelaufenen, zerlumpten Käseräubern machte. So beschloss der Rat der Ratten schließlich, die Mäuse in eine halbverfallene, zugige Scheune einzuquartieren und sie mit geringstmöglichen Käserationen über den bevorstehenden Winter zu bringen.

Als sie die Versammlung verließen, drehte sich die enttäuschte Rättin noch einmal um und sprach zum Zänker: „ Du hattest heute durchaus etwas Menschliches an dir, Zänker.“

„Etwas Menschliches?“ fragte der Zänker erstaunt und sichtlich stolz, denn unter den Ratten galt der Mensch als das klügste und mächtigste Tier.

„Ja, etwas Menschliches,“ wiederholte die Rättin, „nämlich diese seltsame, perfide Art des Denkens, die sonst nur dem Menschen eigen ist.“

Fabel/Parabel (2015)

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