Konversation mit dem Mädchen in meinem Keller - Page 2

von Nora Pelinka
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Sarkasmus funktionierte sie offensichtlich nicht.
Obwohl ich sie witzig fand, gab ich mir die größte Mühe mir ja nichts anmerken zu lassen. Das kostete mich wirklich viel Anstrengung und hätte sie mich angesehen, was ihr gottseidank zu Schwer fiel, hätte ich wieder grinsen müssen und fürchterlich über mich selbst ärgern.
Und so ruhten unsere Beiden Blicke wahrscheinlich auf der selben Stiefelspitze an ihrem Fuß.
„Es ist in Ordnung. Versteckst du dich?“
„Ich denke schon.“
Eine ehrliche Antwort. Ich glaube, die Frage war eine die ihr zusagte und ihren Vorstellungen entsprach.
Die Antwort klang wie der eingeübte Text eines Theaterstücks und dennoch war es ein sehr ehrliches Schauspiel. So viel war sicher.
„Soll ich dich jetzt fragen wovor oder fängst du jetzt von selbst an zu erzählen?“
Mir war sofort klar das ich sie weniger hätte provozieren sollen.
Meine Reaktion passte ihr nicht.
Nur schien zu überfordert damit, in Kontakt mit mir zu stehen weswegen sie klein Bei gab. Sie schwieg.
„Ich glaube wirklich nicht, dass es von Bedeutung ist, was ich zu sagen habe.“
„Aber du hast offensichtlich etwas zu sagen.“
Das Mädchen genierte sich. Fühlte sich ertappt.
Sie krallte sich an ihre Storchenbeine, so dass es sie sicher schmerzte.
Und sie starrte immerzu auf das selbe Fleckchen, ganz starr wie eine Eisskulptur.
Wie ein Kaninchen das sich damit abgefunden hatte, in den nächsten Sekunde in der Nahrungskette seinen Platz einzunehmen.
„Ja...ich glaube schon.“
Natürlich hatte sie etwas zu sagen.
Wer sonst, wenn nicht die junge Frau die sich höchstwahrscheinlich schon sehr, sehr lange in meinem Keller verschanzte. Aus lauter Furcht. Furcht, Wut und Trotz.
„Warum willst du denn nicht hier raus? Gibt ́s da keine anderen Kasperl wie dich, denen du abgehst? Hast du keinen Job? Keine ...Verpflichtungen?“
Sie schnaubte wütend.
Wütend und sehr schwach.
Sie fing an leicht zu zittern und ihre Scham ließ den gesamten Kellerraum überschwappen. „Ich brauche Ruhe. Vor allem, allen und am meisten...“
„...vor dir selbst.“ , unterbrach ich sie.
Ich hätte schon früher mit ihr sprechen sollen.
„Mir wird unrecht getan.“
„Zumindest weißt du, dass es unrecht ist.“
Ich kann nicht genau sagen was es war, nicht einmal ungefähr aber sie wirkte nun ein klein wenig gelockerter in ihrer Präsenz.
„Mir wurde schon OFT unrecht getan.“
„Das ist schlimm. Aber nicht hoffnungslos. Möchtest du eine Zigarette?“
Am liebsten wäre mein Kellerkind mir wahrscheinlich nachdem ich ihr dieses Angebot gemacht hatte, um den Hals gefallen.
„Bitte.“
Eigentlich rauche ich nicht mehr. Seit fast mehr als einem Jahr hatte ich mit meinen Lippen keinen einzigen Glimmstängel berührt. Darauf war ich unheimlich stolz.
An diesem Morgen im Keller, wobei es wahrscheinlich nicht mehr ganz so früh war, befand sich ein Päckchen der starken Sorte mit einem Nikotingehalt für die Onkologie in meiner Jackentasche.
Ich hielt ihr die Packung vor die Nase, sie griff mit ihrer flattrigen kleinen Hand zu und steckte sich die Zigarette zwischen ihre Lippen.
Ich konnte erkennen das ihre Tränensäcke stark angeschwollen in ihrem kleinen Gesicht markant heraustraten.
Ich rauchte mir – als wäre es bereits eine von sehr, sehr vielen an diesem Tag gewesen- eine an und reichte ihr mein Feuerzeug, welches in meinem Zeitungsabonnement inkludiert gewesen war.
Ich habe aus Prinzip nie jemand seine Zigarette angezündet.
Nicht aus eine Art schlechtem Gewissen ( wie man vielleicht mit etwas Fantasie interpretieren könnte) sondern einfach weil ich es im Zuge meines gesamten Raucherdasein gehasst hatte, wenn man mir mein Gegenüber Feuer aufdrängte.
Das Anzünden des Dings gehörte zur Sucht, wie das Aufkochen des Stoffs mit einem Teelöffel bei Heroinabhängigen.
Das Mädchen war sichtlich zufrieden damit, sich ihren Sargnagel selbst zu entflammen.
Wir inhalierten beide tief schwer krebserregenden Rauch mitten in meinem Keller. Feuermelder gab es jetzt nicht mehr.
Wir beide bliesen den Qualm durch die Nasenlöcher wieder aus, so intensiv wie Drachen die ein Märchenschloss in Angriff nahmen.
Es war, als hätte ich niemals aufgehört, nicht einmal für zwei Stunden.
„Willst du denn, dass man dir Unrecht tut?“ „Ich denke nicht...nicht mehr.“
„Kannst du dich nicht wehren?“
„Doch. Aber ich bin zu müde.“
„Gehst du niemals raus?“
„Draußen ist nichts mehr für mich.“
„Und drinnen?“
„Drinnen dreh ich durch. Deswegen bin ich hier.“ „Fühlst du dich denn nicht allein?“
Ich bereute die Frage.
Eine Pause folgte , deren Dauer nur sehr kurz oder auch stundenlang gewesen hätte sein können.
Ich sagte etwas, von dem ich grundlegend schon immer überzeugt gewesen war.
„Die Menschen laden nun einmal gerne ihren Müll in fremden Gärten ab. Wenn man nur wie ein verletztes Vögelchen in der Kellernische hockt, dann ist im gesamten Garten Platz für sehr viel fremden Müll.“
Sie hat mich angesehen. Mitleidserregend. Obwohl sie der selben Überzeugung war wie ich- und da war ich mir ganz sicher.
Am liebsten hätte ich ihr dafür eine schallende Ohrfeige verpasst.
Den Fehler zu erkennen und ihn wie in Dauerschleife erneut zu machen ist an sich kein Problem.
Doch sie war Unglücklich.
Unglücklich und sie wusste schon so lange was die Ursache für ihr Leid war.
„Ich bin mir nicht sicher ob ich immer nur im Keller sitze.“ , sagte sie urplötzlich.
„Aber du erträgst es draußen nicht, und drinnen auch nicht. Nur hier.“
„Genau.“
„Hättest du denn gerne mit jemanden darüber gesprochen?“
„Ich weiss es nicht.“
Ihre Augen verengten sich und ihr Blick wurde wieder starr, ihre Erscheinung versteinerte. Ob sie wieder weg war?
„Ich glaube du wolltest genau das jemanden erzählen. Und das dann alle ganz baff sind.“ „Vielleicht.“ , lispelte sie in den modrigen Räumen meines Kellers.
„Vielleicht.“
„Warum erzählst du niemanden was passiert ist?“
„Ich schreibe lieber.“
Ich lachte ein klein wenig belustigt, ein klein wenig abfällig.
„Das wird sowieso niemand lesen.“
Meine kalten Worte zerbrachen mir selbst das Herz.
Am liebsten hätte ich sie tröstend berührt , vielleicht sogar in den Arm genommen wenn es nicht vollkommen fernab jeder Logik gewesen wäre eine fremde Frau in meinem Keller angesichts meiner eigenen Worte in die Arme zu schließen.
Ich glaube fast gespürt zu haben, dass sie sich jedoch genau das sehnlichst gewünscht hätte. Ja gebraucht hätte.
Nix da, durchfuhr es mich. Wohl eher brauchte die kleine einen Arschtritt.
„Du musst aufstehen. Sonst kann ich dir auch nicht mehr helfen. Aufstehen und vielleicht den Haushalt erledigen. In die Arbeit gehen. Denn Müll runtertragen, Wäsche waschen und vielleicht auch mal wieder etwas essen. Du bist so schrecklich dünn das dich jeder Luftzug wieder umwerfen wird.“
Das traf sie wie ein Blitz.
„Ich habe kein Zuhause.“
„Klar hast du ein Zuhause. Du musst nur die Treppen hoch und die Tür aufsperren. Und am besten verriegelst du sie zweimal hinterher. Kochst dir ein Suppe und gehst schlafen.“ „Das ist traurig.“
„Traurig aber Notwendig.“
Sie stand auf.
Sie war durchschnittlich groß und ihre Bewegungen waren hastig und nervös.
Ich bin war mir sicher, sie konnte in Wahrheit keine Sekunde Still sitzen.
„Da steckt mehr als genug Kraft in dir.“
So als hätte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden und befände sich am Weg zum Galgen, schien sie dazu bereit die Stiege aufwärts anzupeilen.
„Bist du dir sicher?“
„Du dir doch auch.“
Sie nickte mir zu während ich mich an der Kellerwand niederließ und mir eine weitere Zigarette anzündete.
„Werden wir uns wiedersehen?“
„Zwangsläufig ja.“
Ohne ein Wort des Dankes, wobei sie mir natürlich nicht zu Dank verpflichtet war, verschwand das Kellermädchen in meiner Wohnung.
Ich blieb vorerst und dachte nach.

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