Ein Tag im Kindergarten

von Alf Glocker
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Tante Dämony staunt nicht schlecht, als sie den Verhau betritt, der heute wieder einmal ganz besonders unordentlich wirkt. „Ja, seid ihr denn völlig verrückt geworden?!“, brüllt sie lautstark, „könnt ihr denn nicht einmal einfach euren Einheitsbrei fressen und machen was ich sage?" Tante Dämony schüttelt den Bubikopf mit den tiefen Falten an den Mundwinkeln … alles hängt!

Schmarrtin St. Schulz, ein ehemaliges Pseudo-Wunderkind aus „Europa“ (wo das liegt, weiß heute keiner mehr), starrt fassungslos auf die krasse Tante. Er hat sich heute als Clown verkleidet. Seine Absicht: Stimmung zu erzeugen. Viel musste er dafür allerdings nicht tun, denn er sieht ohnehin wie ein Clown aus … er hat nur die Schminke entfernt und die Nase abgenommen, so daß er selbst zum Vorschein kam.

Gansine Fernles, die etwas zurückgebliebene Göre aus dem Arbeiterviertel, hüpft wie eine Verrücktgewordene herum, denn sie findet Clowns lustig, und wirft die Arme in die Luft, wie einst Immanuel Macker-Kant, der letzte Sieger der krummen Tour de France. Anscheinend hat noch keiner bemerkt, daß sie wirklich verrückt ist – aber das ist der krumme Sieger ja auch: Er läuft dauernd mit seiner Großmutter auf dem Rücken herum und strahlt dabei wie ein Musterschüler.

In diesem Augenblick schießt Borsti Drehdoofer – der mit der Igelfrisur – auf dem Tretroller vorbei und streckt Tante Dämony die Zunge heraus. Schlaudia Koth, die gerade die Wände des Kindergartens immer noch grüner streicht, lacht schadenfroh, hat aber, weil sie leider absolut farbenblind ist, nicht bemerkt, daß es sich um braune Farbe auf ihrem Einfaltspinsel handelt.

Das gefällt Pater Krankfalter Schleim-Eier gar nicht. Er versucht auch, die Mundwinkel hängen zu lassen, schafft es aber nur bei einem. Trotzdem sieht er sich zum wiederholten Male genötigt, ein angepasstes Machtwort zu sprechen „Seid brav und zufrieden, sonst kommt der böse Wolf und schnappt euch die ganzen Wahlzettel fort!“ Die ungezogenen Kinder antworten: „Dann sind unsere Diäten weg, dann sind unsere Diäten weg und wir müssen auf Sparflamme leben!“

„Der Reihe nach anstellen zum Abstimmen!“, wettert Eulalia Zickenrock, die Seele des Hauses und gleichzeitig Putzfrau der Gemeinde (sie ist mehr virtuell als leibhaftig vorhanden), und Stuhlgang Schräuble (der Gnom) meint, sie sehe nach Inzucht aus. Allgemeines Gelächter brandet über dem Gnom zusammen. Einer, der sich gerade „Herr der Ringe“ ansieht, dreht sich tiefgründig lächelnd um und flüstert „falsch wie die Sünde ist er, dieser Gnom … und er hat ein Schräuble locker!“

Schnurrsula von der Leine, die immer gut aufgelegt ist, weil sie 25 Geschwister hat, lächelt und macht die einzige Miene zu diesem Spiel, die ihr zur Verfügung steht: eine gute. Denn wenn sie eines nicht verlieren möchte, dann ist das irgendein Job im Kindergarten, aus dem sie ihre ganz private Bedeutung, für sich selbst mühelos herleiten kann – ob das nun Tonkopf Reithofer gefällt oder nicht.

Er ist der Schönste und gleichzeitig auch der Langsamste und der Dümmste im ganzen Garten, muss aber immer irgendeinen sauren Senf zu allem dazugeben. Dabei spricht er, so schwerfällig wie er ist – es ist geradezu ein Stammeln – und quasselt was zu Schmierdemiel Großötz hinüber, das die anderen besser nicht hören sollten: Dddiiee sinnd dd-doch aalle bbllödd!! Er hat zwar Recht, wird aber von Heino Maaslos verdroschen, der noch unscheinbarer ist als ein Mainzelmännchen.

Da trampelt Peter Neuhuber, der Dickste aller Klassen, herein und walzt beide zu dem gewünschten Einheitsbrei, der jetzt aber nicht gegessen werden darf, weil kleine Kinder nicht gut schmecken – egal in welcher Norm und Form. Laslo Schmolz, der Verwalter des Kindergarten-Sparschweins ruft „Wer soll denn diesen Schlammassel wieder bezahlen?!“ bekommt aber sofort von Tante Dämony ein ordentliches Sümmchen in den Allerwertesten gesteckt, damit niemand lungern muss.

Schnatterina Harley hat alles beobachtet. Sie weint, denn sie möchte eines Tages Justizministerin werden und versucht zu verstehen, warum in einer Gemeinschaft, wo alles drunter und noch weiter drunter geht, sich solch unverschämte Großsprecher das Wort zu führen trauen. Früher hat sie mal an das Gute geglaubt, beginnt aber zu verstehen, daß man erst einmal das Böse verkörpern muss, um gut dazustehen.

Draußen, vor dem Gartenzaun, steht Zara Wackenrecht, zusammen mit ein paar Kindern, die gar nicht in den Garten gekommen sind, weil da nur die Harten reindürfen, und staunt. „So eine verkommene Bande!“ wundert sie sich, bevor sie versonnen nach Hause geht, um dort das Videospiel „Heile Welt“, per Joystick zu spielen. Die Kunst dabei ist es, immer alles an den richtigen Platz zu rücken.

Darüber können Ehrhard Schnöder und Groschka Angler nur lachen. Sie, die schon längst mit den großen Kindern spielen, kommen manchmal noch vorbei, um sich zu amüsieren. Auffällig dabei ist das penetrante Rascheln in ihren Hosentaschen, auf das sich keiner der Kleinen einen anständigen Reim machen kann – aber Reime sind halt auch nicht immer anständig!

Kurz vor Abend stellen sich noch einmal alle Kinder im Garten auf. „Jetzt spielen wir wieder mal unser Lieblingsspiel!“, ordnet Tante Dämony an. „Es heißt ‚Mitlaufen‘ und passt gefälligst auf, daß keiner aus der Reihe tanzt! Wir wollen doch hier demokratisch vorgehen. Die Kinder jubeln und sind gleich einverstanden, denn sie wissen ja – Tante Dämony hat irgendetwas in der Hinterhand … und wenn es ein riesengroßer Knüppel ist. Und der soll ja gefälligst besser im Drecksack bleiben.

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Kommentare

10. Jul 2018

Aber - Kinder liebt doch jeder!
(Selbst so eins wie Ehrhard Schnöder ...)

LG Axel

10. Jul 2018

Was für ein Kindergarten! - Selten so einen gut verpackten Blödsinn gelesen.

LG Annelie

11. Jul 2018

Danke Dir vielmals!

LG Alf