Der PD oder Die Pfiffimaschine

von Hartmut Müller
Mitglied

(Auszug)
Eine Ära geht zu Ende
Alles, womit Menschen in Berührung kommen, wird seit etwa 130 Jahren nach der Höher- schneller- weiter- bzw. der Bequemer- schöner- luxuriöser- Methode zunehmend aufgeblasen, man kennt es von sich selber, es ist nie genug und hätte nie ein Ende, wenn wir nicht von höherer Stelle gestoppt würden. So war es natürlich auch bei allem, was mit Hunden zu tun hatte, mit Züchtern, Trainern, Schulen, Leinen, Kissen, Hütten, Fress- und Trinkgeschirren, Schlafkörben, Schabracken, Halsbändern, Frisch- und Trockenfutter- Lieferanten, Spielzeugen, Medikamenten, Impfungen, Check-up’s, Beauti- Saloon’s, Hair- Studio’s und tausend anderen Sachen bis hin zum Hunde- TV, speziellen Stränden, Krematorien und Friedhöfen, ja, auch Hunde wurden kremiert, wie es in der Fachsprache heißt, und das waren nur ein paar Beispiele aus der unglaublichen Fülle des globalen hündischen Bedarfs, wie es ihn noch vor einigen Jahren gab. Jede einzelne Sparte war zudem aufgefächert vom Einsteiger- bis zum Premiumniveau, alles wurde in verschiedensten Größen, Materialien, Farben und Designs angeboten, und das bei einer Entwicklung, die es erst seit einigen Jahrzehnten gab, denn bis dahin machte man alles so, wie es schon in der Steinzeit gemacht wurde, und große Teile der Bevölkerung hatten noch nicht mal ein anständiges Klo, sondern gingen bei minus 25 Grad mit ein paar getrockneten Ulmenblättern hinters Haus.
In der weltweit boomenden Hundebranche hatte sich eine Stagnation bemerkbar gemacht, die von der Politik wie immer zunächst schöngeredet wurde und trotz aller Steuervergünstigungen und Subventionen in eine stabile Rezession mündete. Erste Anzeichen dafür gab es zwar schon länger, aber die Marktanalytiker erfanden Ausreden wie das nasskalte Februarwetter, die längere Trockenheit im Mai oder die nicht vorhersehbare hohe Inflationsrate auf Sizilien. Unübersehbar waren jedoch gravierende Umsatzrückgänge für rote Yorkshireterrier- Schabracken mit Goldbordüren, In- und Outdoorstrümpflinge für Doberfrauen und Laufbänder für Labradore, und die ersten Spezialfabriken in Bangladesch und Hongkong mussten bereits schließen.
Der leicht einsehbare Grund für das Dilemma lag in der Marktsättigung, denn jeder, der einen BIO- Pfiffi wollte, hatte einen, der Bedarf war gedeckt, und nun ging es nur noch um den teilweisen Ersatz der Verstorbenen, und natürlich bekommt nicht jeder tote Hund einen Nachfolger.
Der verzweigte Service- und Zubehörmarkt war in gleicher Weise betroffen, was die gesamte internationale Pfiffibranche in die Knie zwang, und das in einer Welt, in der doch sonst alles ständig steigen muss. Die Situation war vergleichbar mit der der Weber nach dem Aufkommen der mechanischen Webstühle: eine ganze Branche brach zusammen und hatte Existenzängste, anrührende Schicksale und Verzweiflungstaten im Schlepptau. Aber alles hat ja zwei oder noch mehr Seiten, denn unter den sogenannten Züchtern gab es viele, die ihre Muttertiere zu lebenslang gequälten Gebärmaschinen degradierten und auspressten, bis eine Gift-spritze sie von ihrem schrecklichen Schicksal erlöste, und dieses unappetitliche Thema verschwand nun auch aus der Welt.

Ein neues Zeitalter beginnt
Wenn irgendetwas aufhört, fängt etwas Neues oder Anderes an, so war es jedenfalls bisher. Als die Zahl insolventer Hundezüchter, -frisöre, -flüsterer oder -trainer, der Schabrackenkünstler, Futterhändler usf. bedrohlich zugenommen hatte, kam prompt die Wende, denn es gibt immer Leute, die Marktlücken aufspüren und dadurch zu Erfindungen angereizt werden. Manche von ihnen haben zunächst gar keine finanziellen Interessen, sondern folgen lediglich ihrem Ingenieurinstinkt, der immer nach praktikablen Problemlösungen sucht. Die finanziell Interessierten steigen ja allgemein erst dann ein, wenn der Zug ins Rollen gekommen ist und Fahrt aufgenommen hat in eine sichere Richtung.
Wir müssen nicht länger so kryptisch bleiben oder uns in vagen Andeutungen verlieren, die Richtung war eindeutig und hieß personal dog bzw. abgekürzt PD, wie wir es vom PB oder PC kennen, und nach wenigen Wochen sprach man natürlich nur noch vom „Peddy“. Man kann es auch so sehen: Erfahrene Auf-den-Hund-Gekommene sagen gern: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere!
Und was ist, wenn sie die Tiere kennen? Dann kommt der PD!
Er kam fast aus heiterem Himmel, ohne dass ein Wölkchen oder Windhauch ihn angekündigt hätte. Als die ersten Generationen von Staubsauger- und Rasenmäh- Robotern in die Geschäfte kamen, hatte ich schon vermutet, dass auch sie bald da sein würde, die Pfiffimaschine, dass aber sofort eine ganze Armada funkferngesteuerter elektromechanischer vierbeiniger Tollpatsche auf dem Markt erscheinen würde, konnte ich nicht ahnen. Das heißt natürlich auch, dass sie alle längst in den Schubladen der Hersteller lagen und nur auf den Starschuss gewartet hatten.
Es gehört für einen richtigen Unternehmer nicht viel dazu, einen neuen Markt zu wittern, das ist ja sein Beruf. Häufig geht es ihm in unseren Tagen aber nicht mehr um die Befriedigung wirklicher, sondern um das Wecken, Pushen und Aufblähen scheinbarer Bedürfnisse, um daran möglichst als Erster schnell und viel zu verdienen. Das muss man nicht mögen, aber diese Eigenschaft ist allemal besser, als Geld mit Geld zu machen und dabei andere gezielt in den Ruin zu treiben. Deshalb Hut ab vor Steven Malte Ericson, dem ersten Investor, und Gunnar F. Ljungström, dem eigentlichen Erfinder der PD- Erstauflage. Beide waren Kumpels von Kindertagen an und später Garagennachbarn. Malte ist inzwischen 66- facher Milliardär und der Pfiffimaschinenerfinder Gunnar stolzer Besitzer eines schwarzen Volvo 44 Kombi mit Schiebedach, den er sich schon immer so gewünscht hatte, natürlich gebraucht erstanden und gesponsert von seinem Kumpel Malte. Mein ehemaliger Rehakollege, der frühpensionierte Kneiper Jürgen P. würde sagen: Respekt!, und genauso sehe ich das auch.
Viele fragten sich sofort, warum sie nicht selbst auf diese nahe- liegende Idee gekommen sind, wo sie doch sonst…, aber: so ist das Leben.

Stürmische Entwicklung
Wenn der Prototyp einer neuen Spezies als echte Sensation auf dem Markt erscheint, ist er kurz darauf aus Sicht des Futur II primitiv, voller Macken, unflexibel und natürlich nicht programmierbar. Logisch, dass die nächste Generation schon raffinierter ist und so weiter, und dass sich selbst innerhalb einer Generation mehrere Update- Versionen ablösen. Was, Sie haben noch den Kashi-PD-11.41.1? Den würde ich aber sofort changen, der 41.2 ist Lichtjahre besser. „Lichtjahr“ ist zwar eine Entfernung, aber das wissen die Menschen nicht, oder sie können es sich nicht merken.
Kaum war der erste auf dem Markt, entwickelte sich eine wahre Flut von Bestell- und Beratungsagenturen, Herstellern und Vertriebsprofis, Wartungs- und Tuning- Studios, und fast jeder wollte, nein musste einen haben, und natürlich besonders diejenigen, die den Dauerstress mit den bisherigen Hunden scheuten, dieses Futter- und Wässerchengetue, dieses stundenlange Gassigehen, Short- und Longlinegeben, diese Bekanntschaften mit den anderen Hundeführern, diese hundespezifischen Gespräche, die dann übergehen ins Abwinken über die Menschen, die Politik, die Zeit, das Wetter, die Preise, man versteht und kennt sich, aber nur, wenn die Hunde sich auch verstehen, sonst machen wir einen Bogen, was mein Barro?
Inzwischen wird der Markt überflutet, eine ganze Industrie ist entstanden, weltweit rechnet man bereits mit 38,7 Millionen PD- Arbeitsplätzen. Keine Talkshow ohne das PD- Thema, und jeder
TV- Sender hat seine eigene PD- Dauersendung. Alles, was Hunde so machen, gibt es als Einzel- und Paket- Softwareangebote, und natürlich sind die Hard- und Software- Angebote der vielen Hersteller weder überschaubar noch untereinander kompatibel.
Im Starterpaket aller Hersteller sprang das Gassi-Quengel- Programm bei mehr als 7 Stunden Aufenthalt in geschlossenen Räumen automatisch an und wurde selbst bei Billigversionen mitgeliefert, und genauso verhielt es sich mit dem Verbrauchsstoff PDCL, einem Gel, der für das Befeuchten und Schwärzen der Nasenspitze benötigt wurde. Ständig kommen neue PD-spezifische Berufe, Institutionen, Universitäts-Studiengänge und Parlaments-Lobbyisten ins Rampenlicht, kein Medium ohne PD- Sparte, jedes Internet- Portal und jeder TV- Sender bringen PD- News von Messen und Treffen, neue Modelle werden von neuesten überholt, wir kennen das ja, eben gekauft und schon moralischer Schrott! In allen Größen, Rassen, Altersklassen und Farben sind sie zu haben, auch mit Sonderwünschen nach Katalog mit 2 bis 6 Wochen Bestellzeit, vom Kassenmodell mit Festprogramm und NiCd-Akku bis hin zum frei programmierbaren Premium- Highlighte mit Si-Ionen- Akku, 69,99 € Leasingrate und einer Mindest- Vertragslaufzeit von 24 Monaten, Modellwechsel inklusive. In wenigen Wochen sollen zoom- und beißfähige Modelle von einem bislang völlig unbekannten Konzern vorgestellt werden, von dem Insiderkreise jetzt schon ängstlich die Neuordnung des PD- Weltmarktes erwarten.
Die Peddy- Welle überrollte den Globus wie ein Tsunami, der selbst vor Gebirgen nicht Halt machte.
Der PD wurde zum Vorzeige- und Selbstdarstellungsobjekt wie früher ein klavierlackschwarzer Bolide mit integriertem Dachgepäckträger, verchromten Kuhfängern, Reserverad an der Hecktür und Niederquerschnitts- Breitreifen, worüber man heute natürlich lachen würde.
Wenn mir aber ein User mit keuchendem Faltenfell- Hoppelmops- PD begegnet, dann sehe ich beiden neidisch und mit offenem Mund hinterher, denn der ist für Normalmenschen wie mich unerschwinglich.

2012

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