Der Schlüssel

von Tanja Grün
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Ganz klasse, sagt Mariella, richtig beeindruckend. Ich höre ihre Stimme durch die Föhngeräusche, das fließende Wasser und das klingelnde Telefon. Sie lacht, schüttelt ein bisschen ihre langen Haare im Rücken, sie glänzen von der neuen Tönung, die ich ihr gestern nach Feierabend noch schnell draufgemacht habe. Wenn man auf ihre Haare schaut, schaut man auch auf ihre langen Beine in den Stiefeln unter dem Minirock. Sie tänzelt ein bisschen, ihre Hände bleiben aber ruhig, der Herrenschnitt wird so, wie er sein muss. Ihr Kunde spitzt beim Sprechen ein wenig die Lippen, so als würde er gleich Mariella oder sich selbst ein Küsschen geben wollen. Erzählt weiter vom Triathlon. Jeden Tag trainiert er im Wald, mindestens 10 Kilometer. Er muss einfach laufen, sonst fehlt ihm was. Mariella auch, höre ich, sie versteht ihn, weiß, wie man sich fühlt als Bewegungsjunky, wenn man nicht seinen Auslauf hat. Mir erzählt Mariella morgens immer von ihren Lieblingssoaps, sagt, dass sie nach Feierabend am liebsten auf dem Sofa sitzt, weil sie ja schon den ganzen Tag gestanden hat. Ab und zu geht sie mit ihrem Freund ins Thermalbad. Hinterher dann zum Essen. Ich brauche keinen Sport, sagt sie zu mir, ich muss eher drauf achten, ein paar Kilo mehr drauf zu kriegen. Wenn ich zu wenig habe, werd ich immer so nervös. Aber der Kunde muss sich wohl fühlen. Das tut er. Er gewinnt alle Wettkämpfe, sagt er und spitzt wieder seine Lippen. Sie duzt sich mit ihm, obwohl er das erste Mal hier ist und die Vierzig garantiert schon lang hinter sich hat. Aber sie hat ja auch schon ein paar Falten, wenn sie so lacht wie jetzt. In den Spiegel schaut sie trotzdem gern.
Mir könnte ein bisschen Sport nicht schaden. In der Zeit, in der ich bei Mariella bin, hab ich schon wieder drei Kilo zugenommen. Aber ich helfe abends meistens David bei seinen Bewerbungen. Oder warte auf ihn, wenn er mit dem Schlüssel losgezogen ist. Dann kann ich nichts anderes tun als warten. Nicht mal fernsehen. Und hoffen, dass er Recht hat. Dass alles klappen wird, so wie er sagt. Er sagt auch: Dann musst du nicht mehr zu Mariella in ihren blöden Salon.
Jetzt habe ich zu lange zu Mariella hinübergeschaut. Zu lange die Haare meiner Kundin gewaschen. Das ist schlecht für den Zeitplan und schlecht für die Haare. Die Frau wird auch schon unruhig. Und sie hat mir eine Frage gestellt, die ich überhört habe. Entschuldigung, sage ich. Warum Sie die Handschuhe tragen, wiederholt sie und brüllt dabei regelrecht gegen das Wassergeräusch an. Sie muss blind sein, extrem höflich oder dreist neugierig. Wenn es so heiß ist wie heute und ich es nur im T-Shirt aushalte, sieht man die roten aufgekratzten Bläschen fast bis zu meinen Ellbogen. Eine Allergie gegen das Shampoo, sage ich.
Wenn der Juckreiz mich packt, ist David immer extrem lieb. Er cremt mich dann ein und massiert meinen Nacken zur Entspannung. Manchmal sogar mitten in der Nacht. Oder er schläft mit mir. Ohne sich an irgendwas zu stören. Nicht an den roten Kratzstellen und nicht an meinen Kilos oder der Zellulitis. Du gefällst mir besser als Mariella, sagt er, wenn ich ihn danach frage. Mariella hat lange Beine, aber du hast ein großes Herz. So kann David sein. Deswegen darf er auch nie merken, dass ich wütend auf ihn bin, wenn er mit dem Schlüssel loszieht. Wütend, weil dann meine Haut an den Händen und Armen so juckt, dass ich sie mir am liebsten abziehen würde. Klar vertraue ich ihm.
Auf das Thema Allergie ist meine Kundin voll angesprungen. Das Kind ihrer Freundin hat eine Lebensmittelallergie, kann nur Diät essen und ist deshalb immer nervös, unruhig und schlecht in der Schule. Der Mann einer anderen Freundin ist noch übler dran: Hausstauballergie. Das ist das Schrecklichste überhaupt, wie soll man denn leben ohne auf Staub zu treffen, fragt sie mich. Sie selber ist auch nicht verschont geblieben: Heuschnupfen. Jedes Jahr fängt er früher an und wird stärker. Sie hasst jetzt den Frühling, die Jahreszeit, in der sie sonst immer am glücklichsten war. Ihre Augen jucken, ihre Nase läuft, sagt sie. Und ich spüre, wie meine Haut zu jucken anfängt, an den Händen. Aber ich kann doch unmöglich jetzt die Handschuhe ausziehen und anfangen zu kratzen. Jetzt muss ich ja schneiden, Stufen seitlich ab Kinnhöhe. Wenn alles so wird, wie David sagt, höre ich wirklich sofort hier auf, denke ich. Als die Kundin bezahlt hat, ihr Trinkgeld in mein Sparschwein gefallen ist und sie dann die Tür hinter sich zugemacht hat, stürze ich sofort nach hinten in unseren Pausenraum und reiße mir die Handschuhe runter. Dann kratze ich.
Aber lang kann ich nicht allein bleiben. Mariella ist auch fertig mit ihrem Kunden. Sieht ja gar nicht gut aus, sagt sie mit ihrer süßlichen, einfühlsamen Stimme und beugt sich über meine knallroten Hände wie über einen Hinterkopf, auf dem man Haarspitzen mit Spliss finden kann. Mensch Sandra, sagt sie, das ist doch kein Zustand. Holt sich einen Kaffee aus dem Automaten, stellt sich wieder neben mich und sagt: Wo wir jetzt grade eine viertel Stunde Zeit haben. Ich wollte sowieso noch mit dir reden. Schieß los, sage ich, obwohl das eigentlich nicht ganz passt, bei einer Chefin. Sie lächelt kurz, noch künstlicher als sonst. Dann wird sie ernst, obwohl ihre Stimme so sanft und mitfühlend klingt wie selten.
Letzte und vorletzte Woche hat wieder Geld in der Kasse gefehlt, sagt sie. Ich sage: Das ist schon komisch, immer wieder das Gleiche und sie schaut mir lange ins Gesicht. Ich zähle immer alles zwei Mal nach, beteure ich. Und ich habe abends schon lange nicht mehr Kasse gemacht. Eben, sagt Mariella. Das macht ja in letzter Zeit immer Silke. Und ich hab in den letzten vier Wochen immer nochmal nachgezählt, wenn du schon weg warst.
Das ist ja schon seltsam, sage ich und fange doch an zu kratzen. Mariella schaut mitfühlend. Jetzt hör mal zu, Sandra, sagt sie, und bleib mal ruhig. Sie nimmt meine kratzende Hand von der anderen. Silke und ich haben lange überlegt. Und dann haben wir uns gesagt, dass es doch eigentlich nur eine Erklärung gibt. Jemand, der einen Schlüssel hat, muss nachts nochmal hier reinkommen. Ich merke, dass ich jetzt gleich losheule. Mariella sagt: Und es gibt ja nun mal nur drei Leute hier, die einen Schlüssel haben und die Safenummer kennen. Deshalb hat mir Silke drei Wochen lang ihren Schlüssel gegeben. Ich hab sie morgens immer reingelassen, bevor du gekommen bist. Dass ich mich nicht selber beklaue, ist ja klar, sagt sie noch. Jetzt flenne ich wie ein kleines Kind. Mariella nimmt mich in den Arm. Ich spüre, wie schlank sie ist. Richtig grazil fühlt sie sich an. Ich zeige dich nicht an, flüstert sie beruhigend, wenn du jetzt alles erzählst, mir das Geld zurückgibst und dann selbstständig kündigst. Es ist peinlich, wie ich schluchze und mich schüttele.
Warum ich überhaupt von David anfange, weiß ich nicht. Es gibt keine Kamera im Salon. Ich könnte einfach alles auf mich nehmen. Aber ich erzähle von Davids Idee, davon, wie sehr er mich mag und wie glücklich ich mit ihm bin. Abgesehen davon, dass er immer wieder den Schlüssel von mir will. Du wärst trotzdem dran, wenn ich die Polizei einschalten würde, sagt Mariella kurz. Ihr wärt alle beide dran. Abends, als ich gehe, nimmt sie mir den Schlüssel ab. Damit ich nicht wieder in Versuchung komme.
Zu Hause steht David in der Küche am Herd und kocht für uns Spaghetti Bolognese, das rieche ich gleich und fange auch schon wieder an zu heulen. David verlässt schockiert den Herd und nimmt mich in den Arm. Jetzt spüre ich einen großen kräftigen Körper. Was ist los, jetzt sag doch endlich, wiederholt er immer wieder. Natürlich denkt er schon an seine Ausflüge mit dem Schlüssel, das würde jeder aus seiner Stimme heraushören. Ich habe ihr alles gestanden, sage ich jetzt endlich und erzähle ihm alles, so wie es war. Ich spüre, wie er mich loslässt und höre dann zum ersten Mal, wie er mich anschreit. Sie hätte nichts beweisen können. Du bist dumm. Nicht nur dick, sondern auch noch dumm. Ich kann endlich aufhören zu schluchzen und starre ihn bestimmt entgeistert an. Er hat sonst immer ganz anders ausgesehen. Ein ganz fremdes Gesicht auf einmal. Aber lange kann ich es nicht mehr anschauen. So schnell ist er noch nie aus meiner Wohnung gegangen. Das Geld ist nicht mehr da, sagt er noch zum Abschied.
Dann höre ich seine Schritte auf der Treppe, das Quietschen der schweren Haustür und den dumpfen Schlag, mit dem sie ins Schloss fällt. Die Geräusche der Tür kenne ich gut, weil ich im ersten Stock wohne. Jetzt ist es vollkommen still im Treppenhaus und in meiner Wohnung. Deshalb höre ich die Geräusche, die von der Straße und vom Gehsteig heraufklingen. Ein vorbeifahrendes Auto und von weiter weg ein Motorrad. Und dann Davids Stimme.
Ich gehe zum Fenster und sehe, dass er direkt darunter steht. Eigentlich müsste ihm klar sein, dass ich ihn hören kann. Er telefoniert. Ich verstehe nicht genau, was er sagt, aber seine Stimme klingt wieder warm und freundlich. Dann steckt er sein Handy ein und geht ein paar Schritte vom Fenster weg nach vorne zur Straße. Dort bleibt er stehen. Ich hinter dem Fenster auch, ohne mich zu rühren, gut fünf Minuten lang.
So lang ungefähr dauert es, bis ein Auto die Straße entlangkommt, das auf Davids Höhe anhält. Eine Frau mit langen dunklen Haaren sitzt darin. Sie lächelt fröhlich, als David die Beifahrertür aufmacht, dann beugt sie sich bis über die Handbremse zu ihm hinüber und er sich zu ihr und sie küssen sich bestimmt eine Minute lang.

Veröffentlicht / Quelle: 
Tanja Grün, Wind, Pangai Misi Verlag ISBN 978-3-989-10-6
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