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Dein ist die Last, mein die Erinnerung

Bild von lea19
Bibliothek

Ihre rechte Hand zittert, als sie die tannengrüne Tasse mit dem dampfenden Kaffee nach draussen trägt. Mit dem Rücken an die offene Verandatür aus Glas gelehnt, blickt sie zum leicht bewölkten Himmel. Zwischen feinen, zartweissen Gebilden sind wässrigblaue Himmelsfetzen zu sehen. Bienengesumme ist zu hören und ein zarter Duft nach Sonne steigt ihr in die Nase. Sie atmet tief ein, ihre Hand beruhigt sich langsam und sie trinkt in kleinen Schlucken.
Schon wieder hört sie das Klingeln des Telefons. Langsam dreht sie sich zur anderen Seite, so, dass sie ins aufgeräumte Wohnzimmer sehen kann. Zwei mit gemusterten gelben Stoffen überzogene Sessel, ein Schreibtisch aus hellem Holz, an der weissen Wand ein Sofa aus dunkelbraunem Leder, drei Kerzenständer aus Silber vervollständigen die Einrichtung. Ihr Blick fällt auf die gerahmten Fotos, Urlaubserinnerungen und verschiedene Aufnahmen von Familie und Bekannten.
Obwohl sie diese Abbildungen schon oft betrachtet hat, tritt sie näher heran, so nah, dass ihre nackten Knie das kühle Leder berühren. Sie ist sich sicher, dass die Lösung hier irgendwo zu finden sein muss. Ihr Blick schweift über Farben, Berge und Menschen. Und obwohl sie diese nicht zum ersten Mal betrachtet, überkommt sie beim Anblick einer grüngerahmten Fotografie das regelmässige, rasche Zittern ihrer rechten Hand. Sie kennt dies nur zu gut, eine zarte Auf- und Abwärtsbewegung des kleinen Fingers, die sich rasch und unkontrollierbar in die ganze Hand ausbreitet und in ein heftiges Tremolo mündet. Ungeduldig schüttelt sie die Hand und versucht, näher heranzugehen, ihren Vater, ihre Schwester und die getigerte Katze noch eingehender zu betrachten. Sie hatte dies schon oft getan und doch erkennt sie erst heute im Hintergrund des von einem Fotografen aufgenommenen Bildes, auf dem Schreibtisch des Vaters liegend, ein in rotes Leder gebundenes Buch.
Das erneute Klingeln des Telefons lässt sie zusammenzucken. Und auch als das Klingeln immer wieder von neuem einsetzt, schenkt sie ihm keine Beachtung. Nicht mehr. Früher an diesem Morgen, als das Klingeln begann, unaufhörlich, immer wieder einsetzend, hatte sie, im Bett liegend, erfolglos versucht, sich mit dem Kissen die Ohren zuzuhalten. Das Zittern hatte dennoch eingesetzt.
Getroffen vom unerwarteten Anblick des verhassten Gegenstandes und des aufkommenden Bewusstseins, dass dieser sie all die Jahre begleitet hatte, in Form einer Fotografie zwar, aber dennoch. All die Jahre, in denen sie versucht hatte, in dieser Stadt, mit ihrem Schreiben und im Leben zurecht zu kommen, als sie der Meinung gewesen war, endlich von ihm losgekommen zu sein, immer war das Buch dagewesen. Ihrem Blick verborgen, aber dennoch da. Ihre Schultern haben sich verkrampft, sie legt ihre Arme um sich, als müsste sie sich Trost und Wärme spenden. Aus ihrem schmalen Gesicht ist die Farbe gewichen, ihre Knie zittern.
Nach einem Augenblick des Überlegens geht sie mit raschen, ungelenken Schritten zu ihrem Schreibtisch. Und gerade, als sie sich auf den Drehstuhl aus Holz setzt, gerade als sie einen Stift zur Hand nimmt und mit der anderen Hand nach einem alten Briefumschlag greift, nimmt sie das Bremsgeräusch eines Lastwagens vor ihrem Haus wahr. Sie hört, wie der Müllcontainer angehoben und gekippt und wie der in graue Kunststoffsäcke verpackte Abfall zermahlen wird. Die Säcke, die sie gestern Abend gefüllt hatte, gefüllt mit losen Seiten, mit Notizbüchern, Zeitschriften und Manuskripten. Die grossen, rechteckigen Körbe aus geflochtenen Weiden stehen nun leer vor dem Fenster.
Mit einem Ruck steht sie auf, wirft den Stift auf die Tischplatte, schiebt den Stuhl zur Seite. Ihre Hände sind nun ganz ruhig, es ist, als habe das mahlende Geräusch des Müllwagens auch das Zittern vernichtet. Sie geht hinaus, zündet sich eine Zigarette an und bläst behutsame Rauchkringel in die Luft. Mit den rechten Zehenspitzen schiebt sie kleine Kieselsteine hin und her, schiebt sie umher, denkt dabei an ihn, an sie und an die Katze. Daran, wie er an jenem Abend vergeblich nach seinem Notizbuch gesucht hatte, wie er von Stunde zu Stunde unruhiger wurde, seine Augen nervös umherwanderten.
Sie konnte seine Unruhe verstehen, sie hatte seine Eintragungen gelesen, mehr noch, sie war Teil seiner Notizen. Er hatte ihr Schreckliches angedroht, falls sie jemandem von ihrem Geheimnis erzählen würde. Nachdem sie das Buch in einem unbemerkten Augenblick von seinem Schreibtisch genommen und darin gelesen hatte, wuchs ihre Verachtung. Sie verabscheute seine Art, die Krawatte etwas zu locker zu binden, seine perfekt gebügelten Hemden, seine Vorliebe für moderne Literatur, über die er endlose Vorträge zu halten pflegte, sie hasste ihn, als er begann, sich als Künstler auszugeben. Und sie hasste seine überschwängliche Liebe zur grau getigerten Katze ihrer Schwester.
Hinterher, ein paar Tage später, konnte niemand herausfinden, auf welchem Weg das Buch wieder an seinen angestammten Platz auf seinem Schreibtisch zurückgekommen war. Nur er wusste, dass einige Seiten seiner Notizen fehlten. Seiten, die sie herausgerissen hatte und glatt gebügelt. An den darauf folgenden Sonntagen legte sie kunstvoll gefaltete Kraniche neben seine Zeitung, unübersehbar gefaltet aus Papier, auf dem seine Handschrift zu erkennen war. Er wischte sie jeweils mit einer fahrigen Handbewegung zur Seite, die Schweisstropfen auf seiner Stirn konnte nur sie erkennen.
Wieder ist das Klingeln des Telefons zu hören. Sie drückt die Zigarette auf dem kühlen Steinboden aus, geht ins Wohnzimmer und hebt ab. Sie hört zu, spricht nur wenige Worte, Ja, sie werde zu seiner Beerdigung kommen.
Aus ihrem schmalen Kleiderschrank nimmt sie ein rotes Trägerkleid aus feiner Seide, zieht es über die Schultern, stellt die leeren Körbe nach draussen, öffnet sie, so, dass sie von der sanften Morgensonne gefüllt werden, setzt sich dann an ihren Schreibtisch.
Diesmal würde es gelingen. Endlich.